Nachruf auf Alain Delon: Attraktiv wie undurchdringlich

Er war die filmische Blaupause für den schönen, ruchlosen Mann: Schauspieler Alain Delon ist mit 88 gestorben. Seine Ambivalenz wird nachwirken.

Ließ alle kommen und kalt abblitzen: der französische Schauspieler Alain Delon (1935-2024) Foto: Guillaume Horcajuelo/dpa

Zu Beginn des Films „Der Swimmingpool“ von 1969 erforscht die Kamera zunächst das blaue Nass im Pool einer Villa. Von der gegenüberliegenden Seite nähert man sich sodann dem Männerkörper, der am Rand in der Sonne liegt, besser: prangt. Der Körper ist makellos und gehört Jean-Paul (Alain Delon), braun gebrannt, dunkelhaarig, nackt bis auf Badehose, Sonnenbrille und Drink, den er sich in den Mund gießt, ohne aufzustehen. Die Szene hat etwas Unverschämtes, Freies, Frivoles, als ob die Kamera ihn ableckt. Bald darauf übernimmt Marianne (Romy Schneider) diese Fantasie, steigt aus dem Pool und stellt sich über ihn. Wasser tropft auf seine Haut. Sie legt sich auf ihn. French kissing. Die Leidenschaft verbindet die Gegensätze.

Regisseur Jacques Deray verließ sich für sein etwas leeres Liebesdrama auf das Charisma seiner Haupt­dar­stel­le­r:in­nen und auf die Erinnerung des Publikums an deren Affäre. Der Film beinhaltete bereits alles, was Delons Image festigte und sich bis in sein Privatleben drängte: Delon war die filmische Blaupause für einen attraktiven wie ruchlosen, zuweilen toxischen Mann, dessen seltenes Lächeln stets einen Zweck verfolgt und dessen Verhalten (im Film wie im Leben) auf Traumata schließen lässt.

Geboren 1935 in einem schicken Pariser Vorort, kam er als Kind zu Pflegeeltern. Nach deren Tod wurde er in ein katholisches Internat geschickt. Er entwickelte früh jene Züge, die man vernachlässigten Jugendlichen zuschreibt, galt als tollkühn und rauflustig. Mit 17 ging er zum Militär, kämpfte im Ersten Indochinakrieg. Geschmeidig bewegte er sich durch die Pariser Unterwelt.

Doch die Filmbranche krallte sich den Mann mit dem so schönen wie undurchdringlichen Gesicht. 1957 in Cannes entdeckt, spielte er kurz darauf ohne jede Erfahrung seine erste Rolle. Im zweiten Film stieß er auf Jean-Paul Belmondo, mit dem er schauspielerisch einiges teilte; beide waren die Ausgeburt von „cool“, doch während Belmondo energetisch, humorvoll und dreist ist, lässt Delon sie alle kommen und kalt abblitzen. Zu dieser Zeit hatte er einen Autounfall – die kleine Kinnnarbe passte zum Image des maskulinen Helden.

1958 begann die Romanze mit Schneider, an der sich die Filmwelt berauschte: Unschuldslamm trifft Teufel. Seine beiden wichtigsten Filme drehte Delon 1960 – in der Patricia-Highsmith-Adaption „Der talentierte Mr. Ripley“ spielte er konzentriert einen gewissenlosen Studenten, der für den Aufstiegsversuch selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Und für den wütend-sehnsüchtigen Boxer in Luchino Viscontis „Rocco und seine Brüder“ legte er alles an Schmerz in die Darstellung, was ihm möglich war. 1961 hatte er eine Affäre mit Sängerin Nico, beider Sohn Ari, der zeit seines kurzen Lebens mit Drogensucht kämpfte, erkannte er nie an.

In den USA blieb der Erfolg aus, Delon kehrte Ende der 60er in die Heimat zurück. Er eta­blierte sich als schweigsamer Gangsterdarsteller, drehte mehr als 80 Filme. Die Härte seiner Rollen schien sich auf seine privaten Ansichten ausgewirkt zu haben – er unterstützte Frankreichs extreme Rechte. 2019 hatte er einen Schlaganfall, der einen erbitterten Erbstreit auslöste.

Mit Delon, der am Sonntag nahe Paris 88-jährig „friedlich einschlief“, starb ein zeittypisches Männerbild. Dessen Ambivalenz und Attraktivität werden lange nachwirken.

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