Erstes Linkin-Park-Album nach 7 Jahren: Neuer Anfang vom Ende

Nicht immer ist in der Welt der Popmusik leicht zu verorten, wann etwas angefangen hat. War Elvis Presley wirklich der Erfinder des Rock ’n’ Roll, oder verwandelte er nur afroamerikanischen Rhythm and Blues in eine „weiße“ Variante? War 1977 wirklich eine Geburtsstunde des Punk, oder nur Kulmination dessen, was zuvor als sogenannter Garage Rock brodelte?

Enden findet man in der Popmusik hingegen recht leicht, oder besser: Anfänge von Enden. Mit dem Suizid von Kurt Cobain 1994 war Grunge vielleicht noch nicht vorbei, aber ein Niedergang wurde eingeläutet. Ein paar Jahre später existierte das Genre leicht modernisiert, aber eher randständig als Post-Grunge. So innovativ und relevant wie zu Nirvanas Zeiten wurde der Stil nie wieder.

Als Chester Bennington, Sänger der Band Linkin Park, sich 2017 das Leben nahm, hatte das eine tragische Parallele: Auch er verehrte Kurt Cobain, hatte einst eine Post-Grunge-Band namens Grey Daze. Auch er kam aus schwierigem Elternhaus, hatte seine Jugend mit exzessivem Drogenkonsum verbracht, kämpfte mit Süchten. Auch sein Tod läutete das Ende eines Genres ein.

Zwischen Verletzlichkeit und Zorn

Ähnlich wie Cobains konnte Benningtons Stimme enorm wütend, aber auch zerbrechlich sein. Es war dieses Element, das Linkin Park Anfang der Nullerjahre erheblich von anderen Bands unterschied, die sich zur selben Zeit an einer Mischung aus Rap- und Rockmusik – genannt „Nu Metal“ – versuchten. Linkin Park fehlte das testosterongeladene Getue von Limp Bizkit, die entrückte Brutalität von Slipknot, Korn oder Disturbed, stattdessen konnten sich insbesondere viele Teenager mit Benningtons Verletzlichkeit und seinen zornigen, kathartischen Entladungen identifizieren.

Während manche Plattenbosse aufgrund einer gerade populär werdenden Technologie namens Internet und dem damit einhergehenden Filesharing das Ende der Musikindustrie prophezeiten, nutzten Linkin Park die neuen Möglichkeiten, um sich bekannt zu machen. Insbesondere durch ihre beiden ersten Alben „Hybrid Theory“ (2000) und „Meteora“ (2003) wurden sie zu einer der kommerziell erfolgreichsten Bands des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Dass sie es bleiben würden, danach sah es nach Benningtons Tod nicht aus. Mit Nu Metal hatte schon der späte Linkin-Park-Sound immer weniger zu tun, Newcomer in diesem Bereich gab es so gut wie keine mehr. Sieben Jahre lang veröffentlichte die Band nichts, wies Gerüchte über Nachbesetzungen stets zurück.

Aufruhr um Armstrongs Scientology Vergangenheit

Dann verkündete die Gruppe im September dieses Jahres überraschend ihr Comeback. Bei einer Veranstaltung stellten die Mitglieder Emily Armstrong, die zuvor in der mittelmäßig bekannten Band Dead Sara spielte, als neue Sängerin vor. Ihren Einstand gab diese live mit einem neuen Song, The Emptiness Machine“. Etwa ein Jahr war dieser Schritt vorbereitet und streng geheim gehalten worden.

Vergangene Woche erschien dann „From Zero“, das erste Linkin-Park-Album mit Armstrong am Mikrofon, die sich als nahezu perfekte Besetzung herausstellt. Weder transportiert sie, eine bemühte Kopie ihres berühmt verstorbenen Vorgängers sein zu wollen – was die Fans nie verziehen hätten –, noch lässt ihre Stimme wichtige Charakteristika vermissen. Glasklare Balladen („Over Each Other“) liegen ihr ebenso wie eine kehlige Zerrstimme, mit der Linkin Park nun vielleicht einen ihrer härtesten Metal-Songs jemals produziert haben („Casualty“).

Ein kurzer medialer Aufruhr über Armstrongs Scientology-Mitgliedschaft und ihre frühere Unterstützung eines verurteilten Sexualstraftäters und Sektenkollegen ging vorüber.

Stattdessen befindet sich die Band auf einem Erfolgskurs wie zuletzt vor 20 Jahren – und übertrifft sogar alte Rekorde. „The Emptiness Machine“ erreicht als erster Linkin-Park-Song Platz 1 der deutschen Single-Charts. Angekündigt ist eine Welttournee mit 59 Terminen. Wie groß der Anteil des nostalgischen Effekts an diesem Erfolg ist, beweist, dass auch jahrzehntealte Linkin-Park-Songs wie Numb dank Streaming wieder in die Top 100 rutschen.

Neue Rekorde gebrochen

Wenngleich „From Zero“ ein gut gearbeitetes Album ist, klingt es über weite Strecken hinweg wie etwas, das der Kulturtheoretiker Mark Fisher einst als „geisterhaft“ beschrieb: ein Stil, der längst nicht mehr lebendig ist, kulturindustriell erneuert („Retro“). Der Song „Heavy is the Crown“ etwa hat die langen Oktavakkorde, die kurzen Rap-Parts Mike Shinodas, den ausufernden Chorus und die abrupt-kräftige Bridge. Es ist ein eigenständiger Song, legt man ihn aber etwa neben „Faint“ aus dem Jahr 2003, sind strukturelle Ähnlichkeiten mehr als auffällig. „From Zero“ fängt oft wörtlich „von vorn“ an.

Damit reiht sich „From Zero“ ein in eine ganze Handvoll jüngerer Alben, die wohl bewusst wie Erinnerungen an sich selbst klingen sollen: Die Pop-Punker blink-182 veröffentlichten 2023 das Album „One More Time …“ (!), auf dem sie sich durch ihre eigenen Jahrzehnte Bandgeschichte spielen. Limp Bizkit, Green Day, Sum 41, Avril Lavigne, Fall Out Boy – reihenweise Künst­le­r*in­nen aus der Jugendzeit der Millennial-Generation touren wieder und schrieben in den vergangenen Jahren, oft nach längerer Pause, mit Erfolg Musik, die „wie früher“ klingt.

Parallel dazu hat die nachfolgende Alterskohorte, „Generation Z“, mit Billie Eilish oder Olivia Rodrigo auch in ästhetischer Hinsicht den „Y2K-Stil“ für sich wiederentdeckt. Die tief sitzenden, weiten Jeans, die Neonfarben, Plateauschuhe und Gothic-Symboliken sind nicht dieselben, aber die gleichen.

Nostalgische Gefühle

Für Fisher waren solche wiederkehrenden Trends Ausdruck einer systematischen Fantasielosigkeit westlicher Popkultur, die mit der Unfähigkeit korrespondiert, eine Alternative zum Kapitalismus zu denken.

Neu am Nullerjahre-Comeback ist aber, dass der hier revitalisierte Sound keineswegs so alt ist, dass die anvisierte Zielgruppe sich nicht daran erinnern könnte. Dass die Bands und Labels darauf abzielen, mit den nostalgischen Gefühlen der sich nun im besten Ar­beit­neh­me­r*in­nen­al­ter befindlichen Millennials abzukassieren, wird kaum verborgen. Interessant ist, dass diese es dankbar annehmen.

Warum ausgerechnet diese Generation sich nach ihrer unmittelbaren Vergangenheit sehnt wie Greise nach ihrer Kindheit, und für die Simulation gutes Geld bezahlt, lässt sich vermuten. Eine zügiger werdende weltpolitische Krisendynamik könnte daran schuld sein. Popkulturell bleibt eine Renaissance – lauter neue Anfänge vom immer gleichen Ende.

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