Letzte Generation auf Strategiesuche: Kurswechsel

Hannover taz | Die Klimaschutzgruppe Letzte Generation hat angekündigt, sich umzubenennen und ihren Aktivismus künftig mit anderen Protestformen fortsetzen zu wollen. „Wir sind nicht mehr die Letzte Generation“, sagte Carla Hinrichs, Mitbegründerin und Sprecherin der Gruppe, in einem am Mittwochabend veröffentlichten Spiegel-Interview.

Die Entscheidung sei aufgrund des fortschreitenden Klimawandels getroffen worden, so Hinrichs: „Als wir anfingen, wäre die Regierung noch in der Lage gewesen, der Klimakatas­trophe entgegenzuwirken. Heute stecken wir mittendrin.“

Der offizielle Name der Gruppe „Letzte Generation vor den Kipppunkten“ werde den veränderten Bedingungen nicht mehr gerecht, bestätigte Hinrichs im Telefonat mit der taz. Als Beispiel führte sie den Amazonas-Regenwald an, der Klimaforschenden zufolge inzwischen wahrscheinlich mehr CO2 ausstößt, als er binden kann. Die Gruppe plane, ihre bisherigen Aktionen einzustellen, um der veränderten Situation Rechnung zu tragen.

Proteste werde es aber weiterhin geben. Welche Aktionsformen gewählt würden, verriet sie nicht. Man befinde sich „im gemeinsamen Prozess“, in welche Richtung es mit der Gruppe gehe. Blockaden vor Autos, Flughäfen und Straßen stünden aber erst mal nicht mehr im Fokus. Die Kli­ma­schüt­ze­r*in­nen wollten das Thema dagegen künftig „an die Abendbrottische bringen, Nachbarschaften zusammenbringen und lernen, wie eine bessere Demokratie funktionieren kann“, kündigte Hinrichs an.

Forscher sieht Wendepunkt

Die Entscheidung, den Namen Letzte Generation aufzugeben, markiere einen weiteren Wendepunkt in der Entwicklung der Gruppe, sagt der Konfliktforscher Vincent August von der Humboldt-Universität Berlin. „Wir befinden uns als Gesellschaft insgesamt in einer Phase der Deeskalation von Klimakonflikten, die aus Sicht der Letzten Generation unerwünscht ist“, sagt August.

Das bedeutet: Die Gruppe versuche, das Klimathema immer wieder auf die Tagesordnung zu setzen, komme damit aber nicht mehr durch. „Intern gibt es zudem eine ziemliche Erschöpfung durch die vielen Proteste, die Strafverfolgung, die Haftstrafen und den enormen Gegenwind aus der Zivilgesellschaft.“

Gleichzeitig erzeuge die Gruppe mit ihrer Ankündigung mediale Aufmerksamkeit, laut August eine typische Strategie der Klimaaktivist*innen. „Natürlich wird ein Großereignis wie die vorgezogene Bundestagswahl auch zum Anlass genommen, eine neue Mobilisierung zu versuchen.“ Ob dieser Versuch gelinge, werde sich zeigen, so der Wissenschaftler. Ähnliche Richtungskämpfe habe es auch bei der Letzten Generation Österreich gegeben, die sich im August aufgelöst hatte.

Entstanden war die Letzte Generation nach einem Hungerstreik vor der Bundestagswahl 2021 in Berlin. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Protestgruppe seit Anfang 2022 vor allem durch Straßenblockaden mit Klebstoff und Farbschmierereien.

Bereits im Januar dieses Jahres hatte die Gruppe einen Strategiewechsel angekündigt, weg von den Klebeaktionen auf Straßen. Zuletzt in Erscheinung getreten war die Letzte Generation Mitte Dezember vor dem Berliner Luxushotel Adlon, wo sie gemeinsam mit anderen Klimagruppen gegen den LNG-Gipfel demonstrierte.´

  • informationsspiegel

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