Drohende Entführung durch Vietnam: Geschützt wie der Kanzler

Berlin taz | Die von Vietnams Geheimdienst gesuchte Vietnamesin Nguyen Thi Thanh Nhàn lebt in einem geheimen Schutzhaus in Deutschland. Dort hat sie die Bild-Zeitung gefunden und beschreibt den Ort: Hightechkameras seien an die Fassade montiert, vor der Haustür stünden gepanzerte Fahrzeuge zu ihrem Schutz. Schwer bewaffnete Polizisten würden das Gebäude in einer deutschen Großstadt rund um die Uhr bewachen. Bild spricht von der „bestbewachten Frau Deutschlands“.

Bereits 2023 hatte die taz berichtet, dass die ehemalige Geschäftsführerin einer vietnamesischen Außenhandelsfirma nach Deutschland fliehen konnte. Der vietnamesische Geheimdienst sucht die 56-Jährige mit demselben Hochdruck, mit dem er einst den 2017 aus Deutschland nach Vietnam entführten Trinh Xuân Thanh gesucht hatte. In Vietnam wurde die Frau wegen Korruption und Betrugs in Ausschreibungen in Abwesenheit zu 30 Jahren Haft verurteilt. Ein weiteres Verfahren läuft noch.

Was die Sache brisant macht: Nhàn hat für Vietnam einst Waffen eingekauft. Sie kennt den internationalen Waffenhandel exzellent. International ist sie gut vernetzt: Eine russische Akademie hat ihr zwei Ehrendoktorwürden verliehen. 2018 ehrte sie Japan mit dem Orden der aufgehenden Sonne, einer der höchsten Auszeichnungen Japans. In Israel ist sie als Außenhandelskauffrau ebenfalls geschätzt.

Seit Nhàn nicht mehr außenwirtschaftlich tätig ist, seien die Waffengeschäfte zwischen Vietnam und Israel problematisch, heißt es aus inoffiziellen Quellen in Hanoi. Einem Papier zufolge, das der taz 2023 aus ­Vietnams Regierungskreisen zugespielt wurde, seien die Wirtschaftsdelikte nicht der wirkliche Grund, warum die Frau in Vietnam verfolgt wird. Sondern, dass sie die langjährige Geliebte von Vietnams Pre­mier­mi­nis­ter Pham Minh Chín ist. Da seine innerparteilichen Gegner bei ihm selbst keine Angriffspunkte gefunden haben, verfolgen sie seine Geliebte, um ihn im parteiinternen Machtkampf zu schwächen.

BND hofft auf Informationen

Nhàn erfuhr 2023 rechtzeitig von ihrer Strafverfolgung und konnte so gemeinsam mit sieben mitbeschuldigten Mitarbeitern ihrer Firma ins Ausland fliehen. Zwei von ihnen leben seit Mai 2024 in Deutschland und sind wie Nhàn von Entführung bedroht.

Laut Bild hat der deutsche Auslandsgeheimdienst BND Frau Nhàn als eine hochkarätige Insiderin des internationalen Waffenhandels eingeschätzt. Der deutsche Staat biete ihr Schutz gegen Informationen. Wenn sie für Vernehmungen an geheime Orte gebracht werde, seien zu ihrem Schutz „ganze Kolonnen von mehr als zehn Fahrzeugen“ unterwegs, schreibt die Bild-Zeitung. Einen solchen Aufwand genießen sonst nur der Bundeskanzler und sensible Staatsgäste.

Nicht ohne Grund: Denn Hanoi will die Mitfünfzigerin unbedingt ausfindig machen und bemüht dazu auch die Diplomatie. So soll Vietnams Sicherheitsminister Luong Tram Quang letzten Herbst Berlin sogar die Freilassung des 2017 entführten Trinh Xuân Thanh angeboten haben, wenn Berlin im Gegenzug Nhàn ausliefere.

Dem in Berlin erscheinenden vietnamesischen Exilmedium Thoibao.de zufolge hat er 2024 eine 100 Mann starke Geheimdienstgruppe aufgebaut, die ins Ausland geflohene Dissidenten und abtrünnige Funktionäre jagen soll. Entführungen und Mord nicht ausgeschlossen, heißt es in Dokumenten, die Thoibao.de vorliegen. Zudem kooperiert der vietnamesische Geheimdienst Thoibao.de zufolge mit den Geheimdiensten von Russland und Belarus, die in Deutschland ebenso sehr aktiv sind.

Transparenzhinweis: Die Autorin arbeitet auch für das vietnamesische Magazin „Thoibao.de“

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