Neuer Roman „Boxenstart“: Ihre Begabung zur Zuwendung

Kathryn Scanlan hat ihren zweiten Roman „Boxenstart“ der Frau gewidmet, von der er handelt: Sonia, einer Pferdetrainerin, 1962 in Iowa, USA, geboren. Auf ihrer Biografie fußt der Text, den die Autorin dennoch als fiktional und zugleich als „collagiertes Porträt eines Selbst“ bezeichnet. Ihr origineller Umgang mit biografischem Material machte schon ihren ersten Roman aus, bei dem sie das Tagebuch einer Fremden zerschnitt und neu zusammenfügte.

Für „Boxenstart“, 2024 mit dem Gordon Burn Prize für innovative Literatur ausgezeichnet, führte die US-amerikanische Schriftstellerin vier intensive Gespräche mit Sonia und bezog sie auch danach in die Arbeit am Buch ein.

Scanlan verwandelt die mündliche Erzählung Sonias in einen Text, der das Lakonische, Unprätentiöse der gesprochenen Sprache beibehält, es zugleich aber in eine konzentrierte Verdichtung überführt. Viele kurze Kapitel, teils Prosaminiaturen, folgen aufeinander – eine formale Gestaltung, die den Aspekt der Verdichtung betont.

Da Sonias Leben sich über viele Jahre auf der Rennbahn abspielte und Pferde schon als Kind und auch nach ihrer aktiven Zeit als Pferdetrainerin von überragender Bedeutung waren und blieben, taucht der Text tief in ihre Beziehung zu Pferden und in die sehr spezielle Welt des Rennsports ein.

Der Roman

Kathryn Scanlan: „Boxenstart“. Aus dem Englischen von Jan Karsten. CulturBooks, Hamburg 2024, 184 Seiten, 22 Euro

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„Wenn die Eltern […] sich streiten, wenn es gewaltig kracht – du hast dein Pferd. Wenn etwas schlecht lief, ging ich zum Pferd, und dann wurde es jedes Mal besser. Deshalb sage ich immer, mein Pferd hat mich großgezogen.“

Harte Arbeit und Armut

Sonia arbeitet hart im Reitstall mit, um sich Reitstunden und das eigene Pferd leisten zu können. Das soziale Umfeld ist teils von Armut geprägt.

Sonias Liebe zu den Tieren verbindet sich mit dem unbedingten Willen, auf der Rennbahn zu arbeiten. Ihr Wunsch, Jockey zu werden, erfüllt sich nicht, sie ist zu groß. Sie erarbeitet sich einen Ruf als Pferdetrainerin, in einer Branche, die von Männern dominiert ist. Es ist eine eigene Welt, mit eigenen Regeln. Die allen viel abverlangt, aber ihr als Frau noch mal mehr. Eine vereinnahmende Welt, zu der sie sich trotz Gewalterfahrungen zugehörig fühlt, denn sie erlebt auch die dort praktizierte Solidarität.

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In dieser Branche prallen die Gegensätze von Brutalität und Fürsorge aufeinander

In dieser Branche prallen die Gegensätze von Brutalität und Fürsorge aufeinander. Das bezieht sich vor allem auf die Pferde, denn den innigen Beziehungen zu den Tieren steht ein oft grausamer, auf maximalen Profit angelegter Umgang mit ihnen gegenüber. Beides existiert hier gleichzeitig.

Doch auch viele der „Rennbahnmenschen“ sind dem Elend ziemlich nahe, Alkohol- und Drogenmissbrauch sind keine Seltenheit. Die Passagen, in denen einige von ihnen wie in Miniporträts vorgestellt werden, sind von berührender Intensität. Sonias feines Gespür im zwischenmenschlichen Umgang, ihre Begabung zur Zuwendung – Menschen und Tieren gegenüber – werden fassbar. In einer Umgebung, die ihr zugleich Härte abverlangt.

Durch ihre Augen

Scanlan lässt eine unbekannte Welt durch die Augen ihrer Protagonistin lebendig werden. Noch eindrücklicher aber ist die Persönlichkeit ­Sonias, die darüber sichtbar wird. Eine Frau, die in ihren eigenen Widersprüchen sehr gut in diese Welt der Gegensätze zu passen, sie auf verschobene Weise fast zu spiegeln scheint. Die sich um andere sorgt, sich selbst jedoch in zwei gewaltvollen Beziehungen in große Gefahr begibt – dieser aber schließlich auf überraschend konsequente Weise entgegentreten wird.

Was Menschen einander antun, aber auch Gutes tun können; wie brutal Menschen Tiere behandeln, wie heilsam und zart ihre Beziehung zueinander sein kann, nicht zuletzt davon erzählt dieses tolle, ungewöhnliche Buch.

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