Depardieu-Prozess: Männer weiter auf Menschenjagd

N icht nur Anblicke können Ekel auslösen, auch Wor­te schaffen das. Gé­rard Depardieu ist Meister in beidem. Eine seiner bisher besten dokumentierten Leistungen: eine Reportage von 2018, in der er darüber philosophiert, warum Frauen gerne Pferde reiten. „Ihre Klitoris reibt oben am Sattel, sie genießen das riesig. Das sind solche Schlampen.“ Er deutet auf ein etwa zehnjähriges Mädchen auf einem Pferd: „Wenn es anfängt zu galoppieren, kommt sie. Gut, mein Mädchen, mach weiter!“, ruft er ihr zu. „Seht ihr, wie sie sich reibt?“ Keinen der ihn umgebenden Männer scheint das zu stören.

Wer so vor laufenden Kameras spricht, wird, wenn sie aus sind, ganz andere Grenzen überschreiten. Zwei Frauen werfen dem Schauspieler solche Grenzüberschreitungen vor. Er soll die Setdekorateurin Amélie K. und die Regieassistentin Sarah W. bei Dreharbeiten zum Film „Les volets verts“ („Die grünen Fensterläden“, 2021) sexuell belästigt haben.

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Depardieu zeigt, dass Täter nur zugeben, was sich nicht leugnen lässt

Vergangene Woche fand der Prozess in Paris statt. Sollte Depardieu schuldig gesprochen werden, droht ihm Haft; die Staatsanwaltschaft forderte 18 Monate und eine Geldstrafe von 20.000 Euro. Das Urteil wird im Mai verkündet.

Depardieu zeigt während des Prozesses, dass Täter nur das zugeben, was sich nicht mehr leugnen lässt. Wie lang Depardieu ungehindert im französischen Kino stattfinden konnte, beweist, wie gut das funktioniert. Auch, weil man sein Verhalten lange als exzentrisches Machogehabe eines Künstlers relativierte.

Diesmal ging die Exzen­trik – bestimmt nicht zum ersten Mal – zu weit. Amélie K. soll er, als sie Sonnenschirme für das Set besorgte, zwischen seinen Beinen festgehalten und gesagt haben: „Fass meinen großen Sonnenschirm an, ich werde ihn dir in die Muschi stecken.“ Ständig habe er Obszönitäten über das Filmset posaunt, so Amélie K. Im Gerichtssaal gab er die Berührungen zu. Doch wenn er etwa Amélie K. am Set an den Hüften angefasst habe, dann nur, so Depardieu, um sich an ihr festzuhalten und nicht auszurutschen.

Nacktfotos auf dem Rechner

Ein Prozess, der dieses Prinzip, nur das Allernötigste zuzugeben, noch deutlicher unter Beweis gestellt hat, war der um Gisèle Pelicot. Ihr Mann Dominique verübte und organisierte Dutzende Vergewaltigungen mit anderen Männern an ihr. Dominique Pelicot gestand nur das, wofür es Beweise gab. Nacktfotos seiner betäubten Tochter etwa, die man auf seinem Rechner fand, habe er laut eigenen Angaben nur aus Interesse aufgenommen, mehr gestand er nicht. Die anderen Täter stritten zum Teil selbst die auf Videos aufgezeichneten Vergewaltigungen mit der Begründung ab, sie dachten, die offensichtliche betäubte Gisèle Pelicot sei einverstanden gewesen.

Seit diesem Prozess wabert ein Gefühl umher, dass sich etwas Grundlegendes verändert habe, was sexualisierte Gewalt angeht. Weil der Prozess dank Gisèle Pelicot öffentlich stattfand, damit „die Scham die Seiten wechselt“.

Ist die Scham dort auf der Täterseite angekommen? Es sieht nicht danach aus. Auch nicht bei Depardieu. Keine Scham, keine Einsicht, keine Reue. Und auch die Männer, die keine Täter sind, solidarisieren sich noch immer nicht genug mit den Betroffenen, sodass es beinahe einer Komplizenschaft gleichkommt.

Auch Gérard Depardieu hatte Komplizen. Im Prozess berichtet eine Zeugin unter Tränen davon, wie Depardieu im Jahr 2008 an einem TV-Set schlüpfrige Witze gemacht und sie angefasst habe – vor einer Gruppe männlicher Kollegen, die sich darüber amüsierten. Es gibt aber auch Emmanuel Macron, der Depardieu in einem Interview Ende 2023 noch als einen Schauspieler bezeichnete, „der Frankreich stolz macht“. Bis heute weigert sich Macron, Depardieu den bedeutendsten nationale Orden, die Ehrenlegion, der ihm 1996 unter Jacques Chirac verliehen wurde, abzuerkennen. Denn Macron sei ein „großer Bewunderer“ Depardieus, sagte er im gleichen Interview und prangerte an, dass es eine „Menschenjagd“ auf ihn gebe.

Diese vermeintliche Menschenjagd erfolgte, nachdem die Schauspielerin Charlotte Arnould, die damals 22-jährige Tochter eines Freunds von Depardieu, die Polizei im Sommer 2018 darüber verständigte, dass er sie zwei Mal in seinem Pariser Wohnsitz vergewaltigt haben soll. Das Verfahren wurde 2019 eingestellt und nach erneuter Prüfung 2020 wieder aufgenommen. Zu einem Prozess kam es bisher noch nicht.

Arnould war die Erste, die öffentlich über Gérard Depardieu sprach, der angibt, in etwa 250 Filmen mitgespielt zu haben. Seine gesamte Karriere lang, das sind knapp 50 Jahre, sah man dem Schauspieler bei seiner Übergriffigkeit zu. 50 Jahre lang wurde weggesehen oder mitgemacht. 50 Jahre dauerte es, bis das kollektive Schweigen gebrochen wurde. Von der Stimme einer Frau.

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