Antibabypille wird 65: Geburtstag mit Nebenwirkungen

L iebe Pille,

vor 65 Jahren hast du in den USA das Licht des Markts ­erblickt, am 18. August 1960. Als den Eisprung unterdrückendes hormonelles Verhütungsmittel, das dem weiblichen* ­Körper eine Schwangerschaft vorgaukelt, warst du damals ground-­breaking. Zum ersten Mal konnten Frauen* selbstbestimmt ihre Schwangerschaft und damit ihr Leben planen. Du hast das „Liebemachen“ revolutioniert, denn Sex und Fortpflanzung sind dank dir nicht länger Synonyme.

Während du für die einen eine sprichwörtliche Erlösung warst, trifft dich auch seit jeher scharfe Kritik. Erinnerst du dich noch, als Papst Paul VI. dich 1968 verurteilte, weil du „zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht“ beitragen würdest? Iconic, wenn du mich fragst. Eigentlich warst du früher mal eine richtige Skandalnudel. Selbst dein Name wurde in der DDR kritisiert, er sei zu negativ, viel zu anstößig, und deshalb in „Wunschkindpille“ geändert.

Verhütung ist aber nur eines deiner vieler Talente. Du kannst Akne heilen, Brüste vergrößern, die Libido senken, Stimmungen zum Schwanken bringen, Thrombosen verursachen und Depressionen auslösen. Bei jeder Frau* zeigst du dich von einer anderen Seite, spielst in gewisser Weise ein Russisch Roulette der Nebenwirkungen. Du bist das „Allheilmittel“, das uns Frauen* bei gefühlt jeder Beschwerde von der Frauenärztin verschrieben wird. Für Männer wärst du natürlich viel zu gefährlich.

Du hast es jedoch dieser Tage nicht mehr so einfach, deine Beliebtheitswerte unter jungen Menschen sinken. So bist du hierzulande nur noch das zweitbeliebteste Verhütungs­mittel. Typischerweise haben dich Männer von deinem Thron gestoßen – mit dem Kondom. Kopf hoch, du tust ­sicher dein Bestes. Laut Umfragen der AOK wurdest du 2024 nur noch knapp 25 Prozent aller Patientinnen* verschrieben, ­während es 2014 noch 43 Prozent waren. Ab 22 Jahren müssen wir dich selbst bezahlen, was ehrlicherweise ziemlich unfair und ziemlich teuer ist. Nicht jede* kann sich Verhütung leisten.

Aber hey, du hast auch gute Seiten. Mit einem Pearl-­Index von 0,1 bis 0,97 bist du immerhin ziemlich zuverlässig. Das bedeutet, dass innerhalb eines Jahres eine bis neun von 1.000 Frauen* bei korrekter Anwendung trotz dir schwanger werden. Respekt! Außerdem hältst du vermutlich den Weltrekord mit den meisten Vornamen: Anovlar, Maxim, Belara, Yasmin und so weiter.

Zu deinem Geburtstag wünsche ich mir, dass wir mal eine ehrliche Debatte über dich und deine Kol­le­g:in­nen führen. Ich wünsche mir, dass wir Frauen* ernst genommen werden, wenn wir von Nebenwirkungen berichten und dich deshalb nicht mehr nehmen wollen. Und ich wünsche mir, dass du nicht immer nur für uns, sondern auch mal für Männer da wärst. Aber egal, was kommt: Bitte bleib nicht so, wie du bist, weniger Nebenwirkungen würden dir wirklich guttun.

Happy birthday! Ich trinke heute auf dich und darauf, dass ich dich nie wieder nehmen muss.

Nicht mehr deine

Lea

  • informationsspiegel

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