Grünen-Vize Heiko Knopf: „Ostdeutsche Belange spielen eine größere Rolle“

taz: Herr Knopf, wer hier in Wittenberg danach gefragt hat, was sich ostdeutsche Grüne vom ersten grünen Ostkongress erhoffen, bekam eher zurückhaltende Antworten. Mit welchen Erwartungen sind Sie angereist?

Heiko Knopf: Ich freue mich sehr, dass so viele Grüne aus Ost und West, aber auch Menschen ohne Parteibuch gekommen sind. Wir wollen uns zum einen untereinander vernetzen. Zweitens haben wir viele neue Mitglieder gewonnen, auch in Ostdeutschland, auch im ländlichen Raum. Denen wollen wir die Möglichkeit geben, ihre Ideen einzubringen. Drittens laden wir mit dem Ostkongress die Öffentlichkeit ein. Ich habe auf dem Kongress SPD-Mitglieder getroffen und Menschen, die in Vereinen aktiv sind und uns kennenlernen möchten. Es geht ja auch um Fragen ostdeutscher Identität, das ist mit Bündnis 90 in unserem Parteinamen auch angelegt.

taz: Sie meinen die Gruppe aus Bür­ge­r:in­nen und Oppositionellen der DDR, die sich noch in der Wendezeit zusammengeschlossen haben und 1993 mit den Grünen fusionierten.

Knopf: Das waren Menschen, die aus ihrem Beruf, aus ihrer Erfahrung kommend gesagt haben, ich will mich für die Region, die Umwelt und für Gerechtigkeit einsetzen.



Bild: Nils Leon Brauer


Im Interview: Heiko Knopf

wurde 1989 in Jena geboren. Seit Februar 2022 ist der promovierte Ingenieur stellvertretender Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.

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taz: Machen Sie sich Sorgen, dass der Ostkongress im Nachhinein nur eine Alibi-Veranstaltung war?

Knopf: Nein, gar nicht. Nach dem Ostkongress schauen wir, was alles gut lief und was nicht funktioniert hat. Und dann entscheiden wir, ob man das verstetigen kann. Viele Mitglieder äußern den Wunsch nach regelmäßigem Austausch. Beim Ostkongress sind dazu etwa 500 Menschen aus Ost und West zusammengekommen. Zu überlegen, einmal im Jahr so einen Ostkongress zu veranstalten, finde ich genau den richtigen Gedanken.

taz: Seit Juli berät ein Ostbeirat Ihren Bundesvorstand. Ihr Vorsitzender, Felix Banaszak, erzählt in seinen Reden fleißig Anekdoten von seiner Ost-Tour in diesem Jahr und jetzt der Ostkongress. Wie verändert das die grüne Politik?

Knopf: Sie sagen es ja selbst, ostdeutsche Belange spielen eine größere Rolle als in der Vergangenheit. Wenn wir das Zusammenwachsen der deutschen Regionen unterstützen wollen, braucht es sachliche Lösungen für die Unterschiede. Aber es braucht auch Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Repräsentanz und Verständnis. Der Ostbeirat berät den Bundesvorstand und soll dabei helfen, die mit Blick auf den Osten bestehenden Lücken bisheriger Debatten zu schließen. Wir sind die einzige Partei, die so ein Gremium hat.

taz: Reicht das, um im kommenden Jahr die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu überstehen? Laut Umfragen liegt Ihre Partei dort aktuell bei 3 Prozent. In Thüringen und Brandenburg scheiterten Sie vergangenes Jahr an der 5-Prozent-Hürde.

Knopf: Ostbeirat, Ostkongress, aber auch die Sommertour der Vorsitzenden sind Bausteine dafür, unsere Ziele auch bei den Wahlen zu erreichen. Dazu werden wir Mitglieder beispielsweise gezielt durch Trainingsprogramme unterstützen, ihnen Sichtbarkeit geben. Aktuell werden die Finanzgrundlagen gestärkt, um die Strukturen vor Ort zu unterstützen. Ich kenne die Umfrageergebnisse und das wird eine große Aufgabe. Aber unsere Verbände sind motiviert und wir haben viele neue Mitglieder, die Bock haben, sich zu engagieren.

taz: Als Thüringer sind Sie jetzt gerade der einzige Politiker im Bundesvorstand, der aus dem Osten kommt. Ändert sich das in nächster Zeit?

Knopf: Der Bundesparteitag wählt den Bundesvorstand. Repräsentanz ist wichtig, genauso wichtig ist jedoch, das Thema Osten aus der Nische zu holen. Sich um den Osten zu kümmern ist eine Aufgabe der Gesamtpartei, das wissen auch unsere Bundesvorsitzenden. Wenn sich nur die Ossis um den Osten kümmern, dann werden wir es nicht schaffen. Ob bei den Grünen oder in der Bundespolitik: Es braucht Rückenwind von der Bundesebene, etwa um die Lohnlücke zu schließen oder die Vermögensunterschiede aufzulösen.

taz: Die Hälfte der Grünen-Mitglieder auf dem Ostkongress ist aus dem Westen angereist. Was ändert sich denn, wenn die Wessis jetzt in den Osten kommen, um sich hier die Situation anzugucken?

Knopf: Es geht darum, Erfahrungen auszutauschen. Der Osten ist an vielen Stellen Vorreiter, beispielsweise wenn es um Kindergartenplätze geht oder wenn es um die Berufstätigkeit und Erwerbstätigkeit von Frauen geht. Hier wird ein großer Teil erneuerbaren Stroms produziert wie auch die Hälfte der in Deutschland produzierten E-Autos. Der Osten ist anders. Und das ist auch gut so. Wir müssen dahin kommen, die Stärken des Ostens wertzuschätzen.

taz: Wir reden jetzt die ganze Zeit über „den Osten“. Ist das nicht ein bisschen pauschal? Zwischen den fünf Bundesländern und Ostberlin gibt es große Unterschiede.

Knopf: Ja, das ist zu pauschal, wie auch der Westen als Begriff nicht die Vielfalt der Regionen abbildet. Das ist auch so im Osten. Und doch teilen vielen Menschen als Ostdeutsche den Eindruck, hintenan zu stehen. Bei den Vermögen, in der Wendezeit oder auch im Niedergang der Solarwirtschaft in den Nullerjahren oder zuletzt die Intel-Fabrik. Ich bin Thüringer. Da lebe ich gerne und bringe diese Perspektive mit in den Bundesvorstand ein.

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