Olympische Winterspiele vor dem Start: Frieden, Liebe und viel Asphalt

Snoop Dogg ist wieder auf olympischen Pfaden unterwegs. Der mit den Jahren so drollige gewordene Rapper von der Westküste ist wie schon vor anderthalb Jahren bei den Sommerspielen von Paris als Gaudibursch für den US-Sender NBC in Mailand und Cortina d’Ampezzo unterwegs. Diesmal hat er noch einen weiteren Job. Er ist „Ehrentrainer“ des US-Teams und schüttelt fleißig Hände von US-Olympionikinnen und Olympioniken.

Am Mittwoch hat er sich als hochoffizieller Fackelträger eingereiht und das olympische Feuer, das im September in Griechenland entzündet worden ist, ein paar Meter weiter Richtung Mailand getragen, wo am Freitagabend die große Feuerschale erstrahlen soll. Brav salbaderte er irgendwas von Frieden und Liebe, den „darum geht’s bei Olympia“, wie er sagte. Kirsty Coventry hat das gewiss gefallen.

Die IOC-Präsidentin, die vor ihren ersten olympischen Spielen als Oberolympierin steht, würde wahrscheinlich gerne mit Snoop Dogg durch die olympischen Dörfer und Anlagen spazieren, statt unangenehme Fragen zu beantworten. So richtig hat sie dann auch nichts gesagt, als sie gefragt wurde, was sie von den Protesten in Mailand gegen die Präsenz der US-Miliz mit der winterlichen Abkürzung ICE hält. Die ist vor allem für die Sicherheit der US-Delegation um US-Vizepräsident JD Vance rund um die Eröffnungsfeier zuständig. Es sei doch traurig, wenn mit derartigen Fragen von den Spielen abgelenkt würde. Bald aber würden „Zauber und Geist“ in die olympische Welt einziehen.

Sie hofft gewiss, dann keine weiteren Fragen mehr zu Casey Wassermann beantworten zu müssen. Der Name des Cheforganisators der Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles findet sich in den Epstein-Files. Demnach hat er auf äußerst anzügliche Weise mit der wegen Sexhandels verurteilten Ghislaine Maxwell kommuniziert, der Vertrauten des pädokriminellen Netzwerkers Jeffrey Epstein.

Knapp 3.000 Sportlerinnen und Sportler

Nein, sie hat nicht mit Wassermann gesprochen, sie sei ganz bei den Spielen, die am Freitagabend mit der großen Eröffnungsfeier im Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand eröffnet werden. Bis zum 22. Februar messen sich in Norditalien knapp 3.000 Sportlerinnen und Sportler in 16 Disziplinen. Will Coventry alle Wettkampfstätten mit ihrem Besuch beehren wird sie jede Menge Reisekilometer zurücklegen müssen.

Um von Mailand nach Cortina d’Ampezzo, dem zweiten namensgebenden Ort der Spiele, zu kommen, ist man mit Bahn und Bus gute 5 Stunden unterwegs. Mit dem Auto geht es auch nicht viel schneller. Es wurden zwar unter dem Olympialabel über drei Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte gesteckt, doch die sind zu einem guten Teil noch nicht abgeschlossen. Aber auch wenn der Asphalt in den Bergen verstrichen ist, wird eine Reise quer durch die Alpen von Livigno, wo der Snowpark für die Spaßsportarten auf Snowboard und Skiern steht, ins Fleimstal, wo die nordischen Skisportler unterwegs sind, mehrere Stunden dauern.

Es ist das erste Mal, dass Olympische Spiele zwei offizielle Austragungsorte haben und die Ausdehnung der Spiele über mehrere Regionen in den Alpen kennt auch kein Beispiel in der Geschichte. Möglich macht das die Agenda 2020, mit der das IOC einen Schritt Richtung Nachhaltigkeit gehen wollte. Olympia sollte mit seinen Sportarten dahingehen, wo diese ohnehin zu Hause waren. Dass für Olympia Straßen und Skiarenen in die Berge gesprengt werden, so wie es bei den unfassbare 33 Milliarden Euro teuren Spielen im russischen Sotschi war, sollte es nicht mehr geben.

Jetzt stehen Olympischen Spiele der langen Wege an, was sich bestimmt nicht positiv auf die Klimabilanz auswirkt. Und dann ist da noch die Sache mit der Bob- und Rodelbahn in Cortina d’Ampezzo. Wieder einmal steht ein Eiskanal für den ökologischen Irrsinn bei Winterspielen. Italien hatte sich ohne intakte Schlittenanlage für die Spiele beworben. Der Eiskanal von Cesana, wo 2006 bei den Spielen von Turin gerodelt wurde, war jahrelang ungenutzt und soll in diesem Sommer ganz abgerissen werden. Die Rodelbahn von Cortina, wo bei den Spielen von 1956 gerodelt worden ist, hatte sich die Natur mit den Jahren längst zurückgeholt.

Das IOC hätte nichts dagegen gehabt, die Rodelwettbewerbe etwa im österreichischen Innsbruck auszutragen. Im Ausland? Das schmeckte dem rechtsextremen italienischen Infrastrukturminister Matteo Salvini gar nicht. Flugs erklärte er die Rodelbahn zum nationalen Anliegen und ließ sie für über 100 Millionen Euro aus dem Boden stampfen. Bei Olympia geht es eben nicht nur um Medaillen, es geht um die Selbstdarstellung des Gastgeberlandes. Mal sehen, was in dieser Hinsicht die Eröffnungsfeier zu bieten hat.

  • informationsspiegel

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