
Man kann den gewagten Versuch unternehmen, die Geschichte aus der Perspektive der Kinder zu betrachten: Vier Kinder hat Lydia G., die seit heute in München vor Gericht steht. Im Jahr 2014 wurde das älteste von ihnen gerade mal drei Jahre alt, das jüngste war noch gar nicht geboren. Zu dieser Zeit, genauer am 15. Juli, setzte sich ihre Mutter mit ihnen in Nürnberg in ein Flugzeug in die Türkei. Nicht um da Urlaub zu machen, sondern um direkt in den vom sogenannten Islamischen Staat (IS) kontrollierten Teil Syriens weiterzureisen.
Der Vater der Kinder, Lydias Mann Mouadh G., hatte bereits Monate zuvor Deutschland verlassen und sich der Terrororganisation IS angeschlossen. Als die Familie in Syrien angekommen war, ließ er sich dorthin versetzen. Anders als ihre Mutter, die eigenen Worten zufolge eine „frohe Kindheit“ in Strullendorf im Landkreis Bamberg verbracht hatte, wuchsen die Kinder nun elf Jahre lang in Terroristenhaushalten, Camps und teilweise in Gefängnissen auf. Zwei von ihnen durften auch mal mit dem Vater für Facebook posieren. Außer den Kindern hielt er auf dem Schoß noch eine AK-47 Kalaschnikow und in den Händen eine Handgranate.
Kindergarten? Schule? Fehlanzeige. Stattdessen mehr Überleben statt Leben – teils in Häusern, auf die Bomben flogen, oder in verschimmelten Kellerwohnungen, teils in Camps, in denen es nicht ausreichend zu essen gab, geschweige denn für die Jahreszeiten passende Kleidung. So zumindest schildert die Anklage am Dienstagmorgen die Situation. Ein bisschen Deutsch und Rechnen habe sie versucht, den Kindern beizubringen, erzählt die Mutter.
Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihr vor, sich als Mitglied einer terroristischen Vereinigung im Ausland beteiligt zu haben, und zugleich ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht gröblich verletzt zu haben.
Man kann die Geschichte aber auch aus der Perspektive eben dieser Frau erzählen, die nun im Gerichtssaal B 277 auf der Anklagebank sitzt und versucht zu erklären, was kaum zu erklären ist. Zum Beispiel, warum sie ihrem Mann ins Kriegsgebiet folgte, obwohl sie nach eigenen Angaben zwar damals bereits zum Islam konvertiert, aber liberal eingestellt und keinesfalls radikalisiert war. Wieso sie ihrem Mann glaubte, als der ihr am Telefon erzählte, dass die Situation vor Ort ganz anders sei, als man sie aus dem Fernsehen kenne. Für die Familien der IS-Kämpfer gebe es dort Siedlungen, in denen es sich völlig gefahrlos leben lasse, weit von allen Kriegshandlungen entfernt. Familien aus der ganzen Welt lebten dort.
Erst in Irak radikalisiert?
„No way“, habe sie zwar anfangs gedacht, als er ihr auftrug, die beiden Autos und das übrige Hab und Gut zu verkaufen und ihm mit den drei Kindern zu folgen, erzählt die heute 38-Jährige, während ihre Hände mit einem Stift spielen. Sie trägt ein weißes Kopftuch. Aber dann, ein paar Wochen später, habe sie es eben doch gemacht. Jung sei sie gewesen, 26 Jahre damals, naiv und manipulierbar, zumal von ihrem Mann, der Liebe ihres Lebens. Bis heute könne sie sich nicht verzeihen, dass sie damals ausgereist sei. Sie habe aber tatsächlich geglaubt, dass sie sich und ihre Kinder in keinerlei Gefahr bringe und es ohnehin nur ein vorübergehender Aufenthalt sein werde, vielleicht ein Jahr oder so.
Überhaupt: Wenn sie sich heute ihr damaliges Verhalten vor Augen rufe, die Chatverläufe von damals lese, die sich in den Gerichtsakten reichlich finden, behauptet Lydia G., dann erscheine sie sich selbst als Fremde. Sie könne sich nicht erklären, wie sie damals so eiskalt gewesen sein konnte. Zum Beispiel nach dem Tod ihres Mannes. Der habe sich im Sommer 2016 von ihr verabschiedet, um einen Selbstmordanschlag gegen Kurden zu verüben. Kurz darauf schrieb sie ihrer Mutter auf Whatsapp vom Tod ihres Mannes, den sie Mo nannte: „Er ist im Kampf umgekommen. Der Mo wollte nichts in dieser Welt zurücklassen und hat Inschallah nicht mal seinen Körper hiergelassen. Der hat sich mit 3 Tonnen Sprengstoff in Luft aufgelöst.“ Dahinter setzt sie einen lachenden Smiley.
In der Zeit im syrischen Raqqah habe sie sich unter dem Einfluss ihres Mannes, des ganzen Umfeldes, aber auch von Propagandavideos tatsächlich radikalisiert. Nach dem Attentat wurde sie die Zweitfrau eines anderen IS-Mitglieds, habe von ihm 2017 ein weiteres Kind bekommen. Doch der Mann sei mit seiner Erstfrau beim Bombardement seines Hauses getötet worden. Sie und ihre Kinder überlebten, ergaben sich Anfang 2019 den US-geführten Koalitionstruppen, verbrachten die nächsten Jahre in Flüchtlingscamps, zeitweise auch im Gefängnis, bis sie schließlich im Mai 2025 von der deutschen Luftwaffe ausgeflogen wurden. Seither sitzt Lydia G. in Untersuchungshaft, ihre Kinder leben bei der Großmutter. Das Gericht hat für den Prozess zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt.







