
Auch 81 Jahre nach den verheerenden Bombenangriffen auf Dresden ist ein konsensuales, mahnendes Erinnern unmöglich. Die Risse, die sich ohnehin durch die Gesellschaft ziehen, spiegeln sich an diesem geradezu mythisch aufgeladenen Tag auch in der Stadt wider. Am Samstag nutzten Neonazis einmal mehr das Gedenken an die großflächige Zerstörung der angeblich unschuldigen, schönen und reinen Kulturstadt, um jede deutsche Ursprungsverantwortung zu bestreiten.
Gegen diesen „Gedenkmarsch“ mobilisierte das Bündnis Dresden WiEdersetzen. Die Polizei riegelte die Route in der westlichen Innenstadt mit Doppelgitterreihen, 2.200 Beamten und zwei Wasserwerfern ab.
In den späten 2000er Jahren hatte sich der Aufmarsch in Dresden zu einer der größten Neonazi-Demos Europas entwickelt, mit bis zu 7.000 Teilnehmenden aus verschiedenen Ländern. Davon ist man dieses Jahr mit rund 1.200 Teilnehmern zwar weit entfernt, doch ideologisch ist man sich treu geblieben.
Das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz hatte den Marsch als rechtsextremistisch eingestuft. Das gilt auch für die beteiligten Gruppen und Organisationen wie die nationalsozialistische Balaclava Graphics Bautzen oder die Jungen Nationalisten, die Jugendorganisation der früheren NPD, jetzt Die Heimat.
„Missbrauch des Jahrestages“
An der Spitze eines Blockes im Zug prangte auf einem Banner der 2005 vom damaligen NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel geprägte Begriff „Bombenholocaust“, der bundesweit heftige Debatten ausgelöst hatte. Ein weiterer Block marschierte unter einer Palästinenserfahne mit der Banderole „Gestern Dresden – heute Gaza“. Angemeldet worden war der Marsch abermals von Lutz Giesen, früher aktiv in neonazistischen Kameradschaften, heute für die Freien Sachsen im Kreistag Mittelsachsen.
Sachsens Verfassungsschutzpräsident Dirk-Martin Christian sprach von einem Missbrauch des Jahrestages durch die rechtsextremistische Szene, „um ihre geschichtsrevisionistischen Narrative in die Öffentlichkeit zu tragen“. Bei der Auftaktkundgebung am Bahnhof Mitte wurde mit Appellen wie: „Es ist nicht eine Frage der Regierung, sondern eine Frage des Systems“ indirekt zum Umsturz aufgerufen.
Vom Postplatz aus versuchten mehrere antifaschistische Gruppen, aber auch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) den Zug der Nazis zumindest lautstark zu stören und an einigen Stellen sogar die massiven Absperrungen zu durchbrechen. Ihre Zahl wird auf 2.000 geschätzt. Direkte Auseinandersetzungen mit den Nazis verhinderte die teils sehr robuste Polizei, wobei auch Pfefferspray eingesetzt wurde. Insgesamt 24 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet.
Die Stadt wiederum hatte bereits am Vortag des Hauptgedenktages am 13. Februar zu Aktionen aufgerufen. Am Kulturpalast trafen sich nur noch rund 500 Bürger zum Liedersingen. Eindringliche Reden kamen von Universitätsrektorin Ursula Staudinger und vor allem von Rachel Lancaster, Bürgermeisterin der Partnerstadt Coventry, die 1940 zuerst Opfer des deutschen Bombenterrors geworden war. Lancester forderte dazu auf, „vergangenes Leid zu nutzen, um eine bessere Welt zu schaffen“.
Zahl der Teilnehmenden sinkt
Die nachfolgende traditionelle Menschenkette bildete anders als früher keinen geschlossenen Kreis, obschon die Strecke wegen der eingestürzten Carolabrücke nur noch halb so lang war wie in anderen Jahren. Statt der angekündigten 10.000 Menschen kamen laut offiziellen Angaben 5.000 – in früheren Jahren war es durchaus schon das Dreifache gewesen.
Nur 50 Teilnehmer versammelten sich auf dem Heidefriedhof, wo 17.000 Luftkriegsopfer begraben liegen. Jahrzehntelang bildete die Kranzniederlegung hier den Mittelpunkt des Gedenkens, bevor sich die Stadt vor zehn Jahren wegen der Unterwanderung durch NPD und AfD zurückzog.
Aktive, die vor 20 Jahren der Nazi-Okkupation des Tages neue Formen entgegensetzen wollten, sprechen von einer Krise der Erinnerungskultur. Im Gespräch mit der taz betonten Demonstranten einerseits, man dürfe solche inszenierten Großaufmärsche von Nazis aus ganz Europa nicht unbeantwortet lassen. Andererseits war auch leiser Zweifel zu hören, ob diese stetige Wiederholung von Konfrontationsritualen dem Erinnern im Sinne eines „Nie wieder“ förderlich sei.
Teile des Dresden-WiEdersetzen-Bündnisses wollen den ihrer Meinung nach verlogenen offiziellen „Gedenkzirkus“ abschaffen. „Das städtische Gedenken wird nicht von den Rechtsextremen missbraucht, sondern das offizielle Gedenken ist per se anschlussfähig. Es baut auf den gleichen Opfererzählungen auf“, hatte eine Sprecherin dies im vergangenen Jahr in der taz begründet.






