
F C-Sankt-Pauli-Präsident Oke Göttlich will ihn, einige EU-Parlamentarier*innen unterstützen den Vorschlag und auch ein paar Bundestagsabgeordnete finden die Idee gut. Nun machen sich auch Sexarbeiter*innen in Mexiko-Stadt für einen Boykott der Fußballweltmeisterschaft der Männer 2026 stark. Im Gegensatz zu den Europäer*innen geht es ihnen aber nicht darum, ein Zeichen gegen die rassistische und imperiale Politik des US-Präsidenten Donald Trump zu setzen.
Ihr Problem liegt direkt vor der Haustüre, besser gesagt: an ihrem Arbeitsplatz, der achtspurigen Calzada de Tlalpan, eine dieser Verkehrsachsen, die sich quer durch die Metropole ziehen. Dort soll ein Fahrradweg entstehen, auf dem Fußballfans mit dem Rad ins Azteken-Stadion gelangen können – also dorthin, wo am 11. Juni das WM-Eröffnungsspiel zwischen Co-Gastgeber Mexiko und Südafrika sowie später vier weitere Partien stattfinden. 36 Kilometer Fahrradspuren werden dann das Stadtzentrum mit der Sportstätte verbinden. Das namentlich an die Azteken-Stadt angelegte Projekt „Ciclovía Gran Tenochtitlán“ ist Teil einer beachtenswerten Verkehrspolitik, mit der linke Regierungen die 22-Millionen-Einwohner-Region für Fahrradfahrer*innen nutzbar machen.
So gesehen ist der Große-Tenochtitlán-Fahrradweg eine hervorragende Initiative. Nur, nun ja, für die Sexarbeiter*innen, die auf der Calzada de Tlalpan arbeiten, wird er eine große Einschränkung darstellen. Schon jetzt ist es für Freier ein mittelmäßig lebensgefährliches Unterfangen, auf der äußerst befahrenen Straße zu halten. Mit einer Fahrradspur dürfte das unmöglich werden. Bereits die Baumaßnahmen hätten zu Umsatzeinbußen von bis zu 70 Prozent geführt, kritisieren die Prostituierten.
Furcht vor massiver Gentrifizierung
Die Sexarbeiter*innen befürchten vor der WM eine massive Gentrifizierung, sprich: „soziale Säuberungen“ und Vertreibung aus ihrem Arbeitsgebiet. Sie fordern eine rechtliche Anerkennung ihrer Arbeit, ein Ende polizeilicher Operationen gegen sie sowie Entschädigungszahlungen von etwa 1.000 Euro monatlich für die bisherigen Einbußen. Derzeit sind sie in Gesprächen mit der Regierung, aber die ist nicht auf ihre Forderungen eingegangen. Die Stadtverwaltung hat nur den Zugang zum Gesundheitssystem und Hilfszahlungen für ihre Schulkinder angeboten. Sollte es keine Lösung geben, drohen Prostituierte mit Protesten und einem Boykott während der WM.
Die 200 Sexarbeiter*innen, die auf der Calzada de Tlalpan stehen und sich der Aktion anschließen, dürften das umfangreiche Geschäft mit dem Sex während der Meisterschaft kaum beeinflussen. Doch neben ihnen kritisieren auch andere die Konsequenzen der WM. Anwohner*innen des Azteken-Stadions, das nun bezeichnenderweise nach einer Sponsorbank Banorte-Stadion genannt wird, wehren sich gegen die Folgen der Umstrukturierungen: Wasserknappheit, teure Wohnungen, Vertreibungen. Vorwürfe, die die linke Bürgermeisterin Clara Brugada zurückweist.
Auch weitere gesellschaftliche Gruppen nutzen die WM, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die kämpferische Lehrer*innengewerkschaft CNTE droht mit massiven Protesten, um neue Verhandlungen mit der Regierung zu erzwingen. Angehörige der 134.000 Verschwundenen kündigten eine Großdemo an, Bauernorganisationen wollen wegen des für sie ungerechten Freihandelsvertrags mit den USA und Kanada Straßen blockieren. „Wir werden keine solchen Veranstaltungen erlauben, während wir damit kämpfen müssen, unsere Produkte zu verkaufen“, sagt ein Sprecher.
Das dürfte etwas hoch gegriffen sein, aber zweifellos geht es in dem Land in diesen Tagen um mehr als nur die WM selbst. Aber für so manchen Fußballbegeisterten könnte es sowieso ratsam sein, Spiele in Kanada oder Mexiko zu besuchen und die USA zu meiden. Das schlägt jedenfalls die Koalition der Migranten von Florida vor. „Die internationalen Besucher müssen sich fragen, ob es sich lohnt, für ein Fußballspiel das Risiko einer Entführung oder einer Inhaftierung einzugehen“, empfahl deren Direktorin Tessa Petit den lateinamerikanischen Fans. Viele Europäer*innen haben das Privileg, freier zu entscheiden. Die können sich ja dann an Oke Göttlich und die kritischen Abgeordneten halten.






