Neue „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“: Kuschelblatt für klasse Leute

Holger Friedrich freut sich. Er, der Ostdeutsche, der Multimillionär, der Zeitungsverleger, hat einen Witz gemacht, auf Kosten von Westdeutschen, und der ganze Saal lacht.

„Ihr haltet uns auf“, hat Friedrich mit ruhiger Stimme gesagt, gerichtet an seinen Gesprächspartner. Sein Gesprächspartner ist Jakob Augstein, ein Kollege, Verleger der Wochenzeitung Freitag, Hamburger – und damit für Friedrich an diesem Abend vor allem eines: der Westdeutsche.

Es ist ein Abend im Januar 2026 im Theater Ost, im Berliner Stadtteil Adlershof. In vier Wochen wird Friedrich sein neuestes Projekt veröffentlichen, die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Ein „Leitmedium für den Osten“, wie er es nennt. Viel weiß man an diesem Abend noch nicht über die neue Zeitung, aber im Publikum des Theaters Ost sitzen einige, die große Hoffnung auf sie setzen.

Zu DDR-Zeiten wurde hier die „Aktuelle Kamera“ gedreht, die wichtigste Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens. Nun ist das Theater in der Krise, und Friedrich will helfen, also hat er eine Debattenreihe aufgelegt. Erster Gast ist Jakob Augstein, zweiter wird im März Springer-Chef Mathias Döpfner sein. Beide Veranstaltungen sind lange ausverkauft.

„Klasse gut“

Für seinen Wessi-Witz bekommt Holger Friedrich zwar Lacher aus dem Publikum, aber eigentlich, das wird schnell klar, meint Friedrich das ganz ernst. „Niemand hier jammert“, sagt er über die Ostdeutschen. „Uns geht es klasse gut. Uns könnte es noch viel, viel besser gehen“, sagt er – wenn, so etwa geht es weiter, da nicht die Westdeutschen wären.

Und damit ist nicht nur Friedrichs roter Faden für diesen Abend umrissen, sondern auch der publizistische Auftrag seiner neuen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ).

Im Herbst hatte er sie angekündigt, am Freitag ist sie nun erschienen, online und gedruckt. 40.000 Exemplare sollen ausgeliefert worden sein, an 7.000 Verkaufsstellen im ganzen Land. Eine davon ist die Bahnhofsbuchhandlung in Dresden Neustadt, da ist die Zeitung schon am Freitagmittag ausverkauft. Am Bahnhof in Leipzig gibts am Freitagabend noch wenige Restexemplare. Am Bahnhof in Erfurt kam die Zeitung nicht an, wurde aber den Tag über nachgefragt, erzählt ein Mitarbeiter am Telefon.

Die OAZ ist eine Wochenzeitung mit 56 Seiten für 3,90 Euro und damit deutlich günstiger als die Zeit, der Freitag oder die Wochentaz. Es geht darin um Politik im Osten, Wirtschaft im Osten, Kultur, Sport, Essen – alles aus Ostdeutschland.

Eine „Vollendung der Wiedervereinigung“ soll die Zeitung werden, heißt es im „Mission Statement“ der ersten Ausgabe. Die OAZ wolle die ostdeutsche Perspektive „selbstbewusst“ in den deutschen und europäischen Diskurs einbringen. Auf Anregung von ostdeutschen Bürgern und ohne staatliches Geld sei die Zeitung gegründet, schreiben Holger Friedrich und seine Frau Silke. Die OAZ sehen sie als ihren Beitrag zur Demokratieförderung. Die Zeitung solle den Diskurs um eine „vierte Himmelsrichtung“ erweitern, „Perspektivenvielfalt statt Scheinsicherheit“, heißt es in den publizistischen Leitlinien.

Friedrich, der Umstrittene

Das klingt kraftstrotzend. Friedrich gibt sich gerne so. 2019 hat er mit seiner Frau den Berliner Verlag gekauft, seitdem gab es einige Skandale und Aufreger in der Zeitung. Friedrich griff in die Berichterstattung ein, hofierte Egon Krenz und ließ Gastbeiträge des russischen Botschafters veröffentlichen.

Als er im Herbst ankündigte, eine Zeitung für Ostdeutschland zu gründen, stieß das aufgeregte Debatten an. Viele Medien, auch die taz, berichteten, noch lange bevor die Zeitung erschien: über das Logo in Frakturanmutung, über das neue Personal (der Chefredakteur ist Westdeutscher, der Parlamentskorrespondent hat früher für den russischen Propagandasender RT Deutsch gearbeitet, der Chef des Debattenressorts für die Junge Freiheit geschrieben) und darüber, dass die OAZ bei der Konkurrenz gedruckt werden soll.

Die OAZ selbst hielt die Aufmerksamkeit hoch, mit aggressivem Marketing und Ostdeutschtümelei in den sozialen Medien. In jeder ehemaligen DDR-Bezirkshauptstadt wollte man eine Redaktion aufbauen – die erste Ausgabe ist nun vor allem in dem Büro in Dresden enstanden. Gegenüber anderen Medien hingegen gab sich das Team verschlossen. Ein Gespräch mit der taz sagte der neue Geschäftsführer des Ostdeutschen Verlags erst zu, dann wieder ab. Auch andere Redaktionsmitglieder wollten nicht reden.

In die Welt geht die erste Ausgabe nun mit dem Titelthema Meinungsfreiheit. Die sieht das Team der OAZ bedroht, vor allem von links und aus der Politik. „Deutschland verstummt“ heißt es im dazugehörigen Essay, eine Mehrheit der Deutschen traue sich nicht mehr ihre Meinung zu sagen, der Diskurs müsse wieder geöffnet werden. Für welche Argumente und Perspektiven genau, sagt der Autor nicht.

Nichts Neues vom Ministerpräsidenten

Ein ausführliches Interview mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer fügt sich ebenfalls in die Linie der Friedrichs. Der CDU-Politiker sagt, die neuen Bundesländer seien „politische Seismografen“.

Frage um Frage darf Kretschmer darstellen, dass seine Minderheitsregierung in Sachsen funktioniere, dass der Freistaat auf einem guten Weg sei und weshalb er eine „Brandmauer“ zur AfD nicht für zielführend halte. Ob er mit Chrupalla einen Kaffee trinken würde? Er sagt viel, aber die eigentliche Frage lässt er unbeantwortet.

Mit dem Gespräch setzt die OAZ noch einen anderen Fokus: Russland. Das sei nicht auf dem Schlachtfeld besiegbar, deshalb brauche es Gespräche, sagt Kretschmer. Man kennt das von ihm, übrigens auch aus westdeutschen Zeitungen. Nichts Neues also. Nach dem Ende des Krieges solle Deutschland wieder mit Russland Handel treiben. Kritische Nachfragen gibt es von der OAZ nicht.

Kretschmer ist nicht der Einzige, der in der Ausgabe über Russland spricht. Der zurückgetretene Staatschef Bulgariens fordert in einem weiteren Interview: „Wir müssen mit Russland reden.“ Ein Kolumnist schreibt von der „herbeifantasierten Gefahr durch Russland“.

Der Osten, die Avantgarde

Auf zwei Seiten der ersten Ausgabe porträtiert die OAZ AfD-Chef Tino Chrupalla als den „Mann hinter den Zuschreibungen“. Im Titelbild lehnt er lässig an einem Simson-Moped.

Im Text geht es um seine Liebe zum Osten, um seine Armbanduhr und seinen Stil, „den man genauso gut in der Supermarktschlange tragen könnte“. Der gelernte Maler sei ganz anders als die Klischee-Politiker, die sonst im Berliner Parlament sitzen. Sein politisches Programm oder das seiner Partei spielen in dem Text keine Rolle. Es ist ein zärtliches Porträt, das mit der Erkenntnis endet, dass Ostdeutsche die AfD wählen, weil sie nicht ausgegrenzt werden möchten.

Das Grundrauschen der Texte ist Friedrichs Satz aus dem Theater: Wir, der Osten, sind Avantgarde. Der Geschäftsführer des Ostdeutschen Verlags Dirk Jehlmich schreibt ein Gedicht über Ostdeutschland als „Europas Powerhouse für Großinvestitionen“ und „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ im Stil des DDR-Klassikers „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Und auch ein Westdeutscher bezeugt, warum die DDR trotz Diktatur ein gerechterer Staat war.

Im Aboshop der Zeitung verkaufen sie Taschen mit dem Aufdruck „Ostablishment“ und Pullover mit dem Aufdruck „Ostbeauftragte:r“. Damit umarmt die OAZ eine Entwicklung, die auch Soziologen zuletzt festgestellt haben: In Ostdeutschland wächst selbst unter jungen Leuten wieder eine ostdeutsche Identität. AfD und BSW wissen sie politisch zu bewirtschaften, die OAZ erschließt sie jetzt publizistisch.

Wahrer Kern der Kritik

Friedrich bespielt eine Marktlücke – wenn auch mit Größenwahn. Im Jahr 2026 eine Zeitung zu gründen, noch dazu im Osten, wo die Abokurven schneller sinken als im Westen, mag nicht nach einer klugen Geschäftsidee klingen. Aber Holger Friedrich gibt sich gern als jemand, der allen Widerständen trotzt, und das mit ausgestrecktem Mittelfinger.

Und er kennt die Schwachstellen seiner ostdeutschen Konkurrenz. Wer die Webseiten mancher Lokalzeitungen liest, für den ist die OAZ eine Erholung. Sie sieht gut aus, sowohl gedruckt als auch im Internet: einfaches Layout, großzügige Fotos – für die Optik sind die Kollegen aus der Berliner Zeitung zuständig.

Mit seiner Kritik am ostdeutschen Zeitungsmarkt trifft Holger Friedrich durchaus einen wahren Kern: Die ostdeutschen Lokalzeitungen gehören ausschließlich westdeutschen Verlagen, ihre überregionale Berichterstattung beziehen sie aus Berlin oder den Konzernzentralen. In Thüringen dominiert der Essener Funke-Verlag, in Sachsen die Verlagsgruppe Madsack aus Hannover. Die hat ihren Regionalzeitungen in Ostdeutschland, zu denen unter anderem die Leipziger Volkszeitung gehört, zusätzlich zum Lokalteil gerade eine wöchentliche Ostdeutschland-Seite verpasst.

Die Zeit, die seit Jahren von ihrem Leipziger Büro aus drei Extraseiten „Zeit im Osten“ produziert, strukturiert just in dieser Woche ihr Ressort um. Das Büro und drei Redakteure bleiben in Leipzig, aber aus den bisher drei wöchentlichen Seiten werden nur noch zwei, die überregionale Berichterstattung aus Leipzig wird künftig vom Politikressort verantwortet.

Als Schwächung der Ostberichterstattung will Martin Machowecz, stellvertretender Chefredakteur der Zeit, das im Gespräch mit der taz allerdings nicht verstanden wissen, im Gegenteil. Die Berichterstattung über Ostdeutschland sei inzwischen für das ganze Haus wichtig, sodass sie künftig noch stärker überregional abgebildet werden soll.

Das alles trifft in Ostdeutschland auf eine ausgeprägte Medienskepsis. Laut dem letzten Sachsen-Monitor trauen 45 Prozent der Menschen in Sachsen den Medien nicht mehr, ähnliche Werte gibt es in den anderen ostdeutschen Bundesländern.

Nur: Kaufen diese Menschen die Ostdeutsche Allgemeine? So, dass sie sich wirtschaftlich trägt?

Eine Zeitung für die „Community“

Friedrich lässt sich bei der Frage wohl von seinen Erfahrungen bei der Berliner Zeitung leiten. Der gehe es gut, sagt er an jenem Januarabend im Theater Ost. Seit zwei Jahren mache der Verlag Profit. Überprüfen lässt sich das nicht, Friedrich weist keine offiziellen Zahlen aus, aus der öffentlichen Auflagenstatistik hat er die Berliner Zeitung abgemeldet.

Schätzungen gehen davon aus, dass Holger Friedrich in jeder größeren ostdeutschen Stadt 5.000 Abon­nen­t:in­nen bräuchte, damit sich die kleine Redaktion trägt. Langfristig, sagt Friedrich im Theater Ost, wolle er die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine profitabel machen und an die ostdeutsche Community übergeben.

Nach zwei Stunden Diskussion, über Russland, die Nato, den Journalismus und den Osten, steht im Theater Ost ein Mann im Publikum auf und hat noch eine Frage. Ob die OAZ denn eine Zeitung für ganz Deutschland werden könne? So was wie die Frankfurter Allgemeine? Holger Friedrich überlegt nicht lange. Mit ironischem Tonfall setzt er an: Er würde diese Frage jetzt gern nicht beantworten, sagt er. „Weil – das ist natürlich der heimliche Plan.“ Das Publikum lacht. Friedrich hat wieder einen Witz gemacht. Vielleicht.

  • informationsspiegel

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