Revolutionäre 1. Mai-Demo in Berlin: Revolte versinkt im Partykiez

Es dauert mehr als drei Stunden, bis die hinteren Blöcke der Revolutionären 1. Mai Demonstration endlich die Oranienstraße verlassen können. Um 22 Uhr erreicht der Antifablock den Rio-Reiser-Platz, kaum 600 Meter vom Startpunkt der Demonstration am Oranienplatz entfernt. Hier stößt plötzlich die Polizei über die Mariannenstraße dazu und begleitet die Antifas im engen Spalier. Doch der guten Laune tut das keinen Abbruch. „Wir werden heut’ nicht müde“, lautet die vom Lautsprecherwagen ausgerufene Parole.

Nach zwei Jahren, in denen Berlins berühmteste Demo in Neukölln verblieb, lag der Startpunkt der 18-Uhr-Demonstration in diesem Jahr wieder am Kreuzberger Oranienplatz. Man konnte darin eine Rückkehr zu den traditionellen autonomen Wurzeln der Demo lesen, die den Aufmarsch jedoch nur noch marginal prägen. Grund für den Ortswechsel war vielmehr wohl der Görlitzer Park, der nun entlang der Demoroute lag und gegen dessen nächtliche Schließung seit Monaten unaufhörlich protestiert wird.

Doch die Rückkehr nach Kreuzberg erwies sich als fatal. Denn der Bezirk ist beim Demostart zum Bersten voll mit Partypublikum. Hunderttausende müssen es gewesen sein, die den Tag über im Viertel gesoffen und zu Techno getanzt haben. Zwischenzeitlich musste die BVG mehrere U-Bahnhöfe schließen, die überfüllten Züge transportierten das Partyvolk dann nach Friedrichshain. Schon bevor sich am Oranienplatz die 18-Uhr-Demo versammelt, war kaum ein Durchkommen durch den Bezirk.

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Schließt euch doch mal uns an und setzt ein Zeichen gegen die Gesamtscheiße

Lautsprecherwagen in Richtung des partypublikums

Als sich dann um kurz nach 19 Uhr der Block des Bunds der Kom­mu­nis­t:in­nen unter „Die Straße frei der roten Jugend“ in Bewegung setzt, prallen die Linken auf die Partymeute. Nur der Frontblock schaffte es, sich hier durchzudrängeln. Mit etwa 3.000 Menschen machen sich die organisierten Kom­mu­nis­t:in­nen auf dem Weg nach Neukölln – die Polizei 100 Meter voraus. „Freiheit, Frieden, Solidarität“ steht auf ihrem Transparent, dass die rot vermummten Protestierenden weit hoch über ihre Köpfe halten, sodass dahinter nur ein rotes Fahnenmeer zu sehen ist.

Partymeute wird angemotzt

Die Demoblöcke dahinter bleiben zurück. Ab etwa 20:30 Uhr kann nicht mehr von einer geschlossenen Demonstration die Rede sein. Hinter den vorderen Blöcken der Kom­mu­nis­t:in­nen und An­ti­im­pe­ria­lis­t:in­nen hatten sich auf dem Oranienplatz unter anderem ein großer Antifablock und ein antiautoritärer Block formiert – der letztere ist ein weiteres Comeback des Tages, denn einen solchen Block hatte es in den letzten Jahren nicht mehr gegeben. Hier setzt man sich erst um kurz nach acht in Bewegung – mit wahnsinnig viel Rums und Geknall.

„Banner hoch!“, ruft jemand, dann werden im Antifablock schwarze Regenschirme aufgespannt und auf einmal unzählige Bengalos gezündet. Es kracht laut, Feuerwerk schießt in die Höhe. Etwa hundert Meter spannt sich die schwarze Masse, in deren Mitte sich das rote Feuer der Bengalos mit blauem Rauch vermischt. Im Takt werden dazu antifaschistische Slogans skandiert. Zwischendurch ist von der Oranienstraße nur noch schwarzer Rauch zu sehen.

Doch in der Folge bleibt die Demo komplett in der Partymenge stecken. Aus dem Haus Oranienstraße 9 sollte offenbar ein Konzert der Rap-Crew RAPK gespielt werden. Zum Kollaps beigetragen hat auch ein Konzert von Ikkimel beim Fest der Linken am Mariannenplatz, nur knapp hinter dem Rio-Reiser-Platz. Zum Start strömten Tausende dorthin – und sorgten damit ebenfalls dafür, dass die Demo nicht vorankam. Zwischenzeitlich steht die Menge so dicht, dass einige Tränen in den Augen haben. Viel hätte nicht gefehlt, und es wäre zu einer Massenpanik gekommen.

Und so verbringen die Blöcke in der Oranienstraße ihre Zeit vor allem damit, massiv Pyro zu zünden, in Trippelschritten voranzugehen – und ununterbrochen Sprechchöre zu skandieren. Vom Lautsprecherwagen motzt eine Rednerin die umherstehende Partymeute an. „Das hier ist keine Eventpolitik, wir stehen hier und jeden Tag im Jahr dafür ein, dass ihr euch im Supermarkt endlich wieder den Einkauf leisten könnt! Schließt euch doch mal uns an und setzt ein Zeichen gegen die Gesamtscheiße“, ruft sie – mit mäßigem Erfolg.

Erst, als sich die Partydichte abendbedingt um kurz nach 22 Uhr auflöst, kommt plötzlich auch Bewegung in die Demo. Und – man glaubt es kaum: In Form einer abgekürzten Route über den Hermannplatz schaffen es die Überreste der hinteren Blöcke tatsächlich noch zum Südstern, dem ursprünglich vorgesehenen Endpunkt. Beim Eintreffen gegen 23 Uhr kommt es noch zu vereinzelten Rangeleien mit der Polizei.

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