
A ls ich das sechste Mal an diesem Tag durch den Baumarkt irrte, fielen mir zum ersten Mal die schönen Ecken dieses Ortes auf: die Frau am Rückgabeschalter, die meine Farbeimer zurücknahm, obwohl ich die Kassenzettel verlegt hatte; der schüchterne Azubi, der an den SB-Kassen überwachen sollte, dass Kunden alle Waren scannten, und dem ins Gesicht geschrieben war, dass er hoffte, ein Betrug trete niemals ein.
H. hatte mir zuvor gesagt, was ich bei meinem fünften Besuch gekauft habe, sei „Dreck“. „Du brauchst diese eine Marke, der Rest bringt’s nicht“, hatte er fachmännisch erklärt und mir etwas auf einen Zettel gekritzelt. Ich hatte genickt und stand wenig später also mit diesem Stück Papier wieder zwischen meterhohen Gängen mit mir unbekannten Schrauben und Kleingeräten.
Als Frau mit osteuropäischen Wurzeln gehe ich grundsätzlich erst einmal davon aus, dass ich alles selbst erledigen kann. Einen Kühlschrank tragen? Kann ich allein. Bis zur Decke kommen ohne Leiter? Ich baue mir einfach eine. Doch durch H., einen begabten Handwerker, habe ich einsehen müssen, dass auch meine Fähigkeiten Grenzen haben.
H. kommt vielleicht nicht immer pünktlich, aber er kommt. Das ist sein großer Vorteil. Als ich mich einmal mit einem anderen Handwerker verabrede, lässt er mich wenige Stunden vor unserem Termin sitzen. Keine Erklärung, nur ein „Auftrag storniert“. Ich war schwer getroffen, hatte ich doch zuvor extra aufgeräumt. H. erzählte ich nicht davon.
Einen Handwerker zu finden, ist fast wie Partnersuche
Später leuchtete es mir ein: Einen Handwerker zu finden, ist fast wie Partnersuche heutzutage. Man lernt sich online kennen, schreibt vielleicht vorher ein paar Nachrichten hin und her, manchmal telefoniert man, verabredet sich für ein Date, und wenn man dann kurzfristig sitzen gelassen wird, ist die Enttäuschung groß: Lag es an mir? Hat ihm mein handwerkliches Problem nicht gefallen?
Wenn Handwerker in der Wohnung sind, weiß ich üblicherweise nicht so recht, wohin mit mir. Mit H. ist das anders. Wir haben gute Gespräche, das heißt, meistens führt jeder für sich seine Selbstgespräche bei der Arbeit in unterschiedlichen Zimmern. Aber ich habe auch gelernt, wie echte Handwerker fluchen und sich über die Arbeit ihrer Vorgänger echauffieren.
Mit H. rede ich nicht nur über Küchen, Leitungen und kaputte Armaturen. Irgendwann, zwischen zwei Handgriffen, reden wir auch über Material, das teurer wird, fehlende Fachkräfte, über lange Arbeitstage.
Es ist gar kein schlechtes Bild für den Zustand dieses Landes. Überall bröckelt es: Schulen, Straßen, Behörden, Wohnungen. Und die angestellten H.s dieses Landes fahren von morgens bis spätabends durch die Stadt, von einem Auftrag zum nächsten, auch am Wochenende. „Alles scheiße“, sagt H.
Biomarkt und Feierabendbier
Neulich sah ich eine ARD-Sendung, in der Familien dabei begleitet wurden, wie sie mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage zurechtkommen. Eine Mutter stand mit ihrer Tochter bei Rewe, und die Stimme aus dem Off erklärte, dass sie früher im Biomarkt eingekauft habe. Jetzt eben nicht mehr.
Ich musste an H. denken. Wahrscheinlich war er noch nie im Biomarkt. Vielleicht will er da auch gar nicht hin. Aber das ist überhaupt nicht der Punkt. Es geht darum, dass selbst die, die ohnehin schon lange Tage haben, die viel arbeiten, die gebraucht werden, nicht unbedingt das Gefühl haben, dass es für sie leichter wird.
Am Ende eines solchen Tages trinkt H. ein Bier. Mehr braucht er nicht, würde er sagen. Aber was, wenn selbst dieses kleine Feierabendgefühl teurer wird, unsicherer?
Ich stand in der Küche, während H. mit seinem Kopf im Schrank verschwand. „Das ist doch alles scheiße“, sagte ich. Er hörte mich nicht. Oder tat so. Und arbeitete weiter.







