
D ie junge Frau im Haushaltswarenladen ruft: „Hallo, Söhnchen“, und um die Ecke gelaufen kommt kein Kind, sondern ein kleiner, knuddeliger Hund. Wie ein harmloser Werbeclip – ausgerechnet von der deutschen Firma Bosch – ein Land aufrühren kann, das sich in einem Kulturkampf zwischen einer islamistischen Regierung und einer zumindest in Teilen säkularen Bevölkerung befindet, zeigt sich dieser Tage in der Türkei.
Da ereifert sich die islamistische Tageszeitung Yeni Şafak über einen beispiellosen Angriff auf die Familie und die heilige Mutterschaft. Da Yeni Şafak als Sprachrohr der Regierung bekannt ist, schaltet sich alsbald die Medienaufsicht RTÜK ein. Mehmet Daniş, Chef von RTÜK, kritisiert die Bosch-Reklame scharf, die gezielt zum am Sonntag anstehenden Muttertag produziert wurde.
Er findet, die Mutter-Kind-Bindung dürfe nicht für kommerzielle Zwecke missbraucht werden. Da will auch die Familienministerin nicht zurückstehen und erklärt, ja, jede Liebe sei wertvoll, doch der so hohe Wert der Mutterliebe dürfe nicht für eine kommerzielle Kommunikationsstrategie aufgeweicht werden.
Auf der anderen Seite wird das Netz geflutet, unter anderem mit witzigen Liebeserklärungen von Hunden und Katzen, die sich bei Bosch bedanken.
Erfolgreichste Bosch-Werbung ever
Der Clip, um den sich all die Aufregung dreht, bewirbt Bosch-Haushaltsprodukte, speziell kleinere Handstaubsauger, mit denen man den Schmutz nach einem Parkbesuch besonders einfach entfernen können soll. Zwei junge Frauen – natürlich ohne Kopftuch – identifizieren sich in dem Clip als Mütter. Sie sprechen über die Vorteile der Staubsauger angesichts des Schmutzes, den ihre vier- oder fünfjährigen Kinder nach Hause tragen. Nachdem eine der Frauen einen Staubsauger gekauft hat, ruft sie ihren „Sohn“ – und es kommt der erwähnte niedliche Hund um die Ecke gelaufen.
Angesichts der Kritik knickte Bosch ein und zog den Werbeclip zurück. Doch das pushte ihn erst recht: Über hunderttausend Mal wurde er bislang angeklickt. Und wohl niemand hatte mit den Reaktionen gerechnet, die nun außerdem ins Netz gestellt werden: Hunderte, vor allem junge säkulare Frauen, posteten Bilder ihrer tierischen „Kinder“. Einige teilten Ultraschallbilder aus Schwangerschaften und montierten die Köpfe von Hunden hinein. Motto der meisten Posts: Danke, Bosch. Und: Wir bestimmen selbst, wer unsere Kinder sind.
Das Marketing ist gelungen, der kleine Bosch-Staubsauger wird zum Renner. Fotos im Netz zeigen, wie Frauchen ihren Hund damit absaugen. Bosch hat sicher nie einen erfolgreicheren Werbeclip geschaltet.
Jenseits des aktuellen Streits im Netz zeigt diese Auseinandersetzung außerdem erneut, dass der Hund als Haustier – und erst recht als Straßenhund – für die Islamisten eine Herausforderung ist. Einen Hund zu halten, gilt als unislamisch, als unrein. Nur Ungläubige hielten sich einen Hund.
Chef der Werbeagentur wird zur Zielscheibe
Entsprechend hatte die AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor zwei Jahren das Tierschutzgesetz geändert – und verkündet, Straßenhunde, die nicht adoptiert wurden, einsammeln und töten zu wollen. Aktivisten beschreiben das als „Massakergesetz“. Wie viele Tiere es bislang betrifft, ist nicht genau bekannt.
Problematisch wurde der Clip vor allem für Jeffi Medina, den Chef der Werbeagentur, die ihn produziert hat. Denn die Zeitung Yeni Şafak machte ihn persönlich zur Zielscheibe. Um ihn nicht ganz platt als Juden zu denunzieren, stellte Yeni Şafak einfach einen Screenshot aus Medinas Wikipedia-Eintrag mit in ihren Artikel und teilte diesen auf dem sozialen Netzwerk X. Daraus geht hervor, dass Jeffi Medina jüdischen Glaubens ist.
Das Onlinemagazin Avlaremoz, das sich mit jüdischem Leben in der Türkei befasst, schrieb dazu: Eine Hundemutter und dann auch noch Jude – was kann es in diesen Zeiten Schlimmeres geben?






