
Es gibt Momente, die kann man auf sich wirken lassen. In der Bundespressekonferenz ereignete sich kürzlich ein solcher. Deutschland müsse „sich an Nullwachstum gewöhnen“, sagte Wirtschaftsforscher Timo Wollmershäuser. Wer will, mag das als epochalen Einschnitt verstehen.
Wollmershäuser, liberaler Ökonom des Münchner ifo Instituts, meinte es eher als Warnung, vorgetragen anlässlich der neuen Gemeinschaftsdiagnose führender Wirtschaftsinstitute zur Lage des Landes. Motto: Alle Bürger:innen sollten sich jetzt mehr anstrengen, die Politik müsse es den Unternehmen leichter machen, Geld zu verdienen. Sonst setze sich die krisenhafte Stagnation der hiesigen Wirtschaft in den kommenden Jahren fort.
Wie begründen die Institute ihren Befund? In ihrer Prognose bis 2030 sinkt erstens das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland: Unter anderem, weil die 1960er Jahrgänge in Rente gehen, nimmt die Zahl der Arbeitskräfte ab; auch die Arbeitszeit pro Kopf reduziert sich. Zweitens gibt es kaum noch technischen Fortschritt, die Produktivität der Wirtschaft wächst nur marginal. Das hat auch etwas damit zu tun, dass, drittens, vor allem die Unternehmen nicht genug investieren.
Aus diesen Faktoren ergibt sich: Ende des Jahrzehnts soll das sogenannte Produktionspotenzial, das Maß für ein inflationsfreies Wachstum, bei null liegen. „Die niedrigeren Wachstumsraten der Gemeinschaftsdiagnose sind nachvollziehbar“, sagt dazu Monika Schnitzer, die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten.
Katastrophe für die Wirtschaftsmacht Deutschland?
Das ist das Gegenbild der deutschen Erfolgsgeschichte der vergangenen 80 Jahre – eine erlahmende Gesellschaft, die weniger arbeitet, keinen technischen Fortschritt hervorbringt, deren Wohlstand versiegt. Tschüss, Wirtschaftsmacht Deutschland.
In der konservativen Sicht zum Beispiel von CDU und CSU wäre das eine Katastrophe. Aber auch die meisten Sozialdemokrat:innen, Linken und Grünen finden Wirtschaftswachstum notwendig, zumindest nützlich. Denn permanenter Zuwachs hat viele Vorteile. Ein entscheidender: Wenn die Einkommen und Vermögen jedes Jahr zunehmen, können die einflussreichsten gesellschaftlichen Gruppen ihren Anteil vergrößern, ohne dass das Mehr auf Kosten anderer geht. Die Gewinne der Unternehmen steigen und gleichzeitig die Löhne der Beschäftigten. Wenn es rundläuft wie zwischen 2010 und 2020, verbessert sich sogar die Situation der ärmsten Schichten der Bevölkerung. Wachstum reduziert Verteilungsprobleme und stabilisiert demokratische Gesellschaften.
Was dagegen bei Stagnation oder gar Schrumpfung passiert, sehen wir momentan. Autokonzerne wehren sich dagegen, Geld für Klimaschutz ausgeben zu müssen. Die Union findet den Sozialstaat zu teuer. Verteilungskämpfe werden bissiger.
Auf die Diagnose „Wir müssen uns an Nullwachstum gewöhnen“ lässt sich jedoch auch anders reagieren – hoffnungsfroh, angstfrei, kreativ, nachdenklich oder pragmatisch. Unterschiedliche Analysen sind möglich, verschiedene Wege denkbar.
Der krankhafte Zwang zu wachsen
Ist Nullwachstum schlecht? Matthias Schmelzer, Historiker und Wachstumstheoretiker der Universität Flensburg, sagt: „Wollmershäusers Aussage beschreibt strukturelle Realitäten, die die Postwachstumsdebatte seit Jahrzehnten thematisiert: Eine gesättigte, ressourcenintensive Volkswirtschaft nähert sich ökologischen und demografischen Grenzen.“
Matthias Schmelzer, Wachstumstheoretiker
Schmelzer hält eine Diskussion am Leben, die früher mal breiter war. Im Zentrum steht die These, dass Marktwirtschaften wie die deutsche an einem krankhaften Zwang zu wachsen leiden. Das ist ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke, wenn man die ökologischen Kosten unseres Wirtschaftsmodells betrachtet. Zwar verursachen E-Autos beim Fahren kein klimaschädliches Kohlendioxid, doch auch ihre Produktion erfordert eine zunehmende, weltweite Ausbeutung natürlicher Rohstoffe.
Dagegen betont Schmelzer: „Nullwachstum des Produktionspotenzials bedeutet nicht automatisch schlechtere Lebensbedingungen.“ Und er plädiert für eine grundsätzlich andere Wirtschaftspolitik. Der Staat solle Hunderte Milliarden Euro in „Gemeinwirtschaft, Stadtwerke, kommunale Wohnungsgesellschaften und Energiegenossenschaften“ stecken, um „günstige Mieten, stabile Energieversorgung und gute Nahversorgung“ zu erreichen. Und wenn der in einem kleineren Teil der Gesellschaft vorhandene, überbordende Reichtum gerechter verteilt würde, könnten auch alle weniger arbeiten.
Für manche Leute klingt das verheißungsvoll. Aber wie viele Bundesbürger:innen wären bereit, auf den gewohnten Zuwachs des materiellen Wohlstands zu verzichten? Konkret könnte das ja heißen: Ein neues Auto ist zu teuer. Vielleicht sinkt auch die Rente. Das will kaum jemand akzeptieren. Oder höchstens dann, wenn alle anderen gleichfalls Opfer bringen – eine utopische Forderung. Doch Matthias Schmelzer bleibt Optimist: Auch in einer langsamen Wirtschaft könne das Bruttoinlandsprodukt ja noch ein bisschen weiterwachsen.
Wohlstand pro Kopf steigt trotzdem
Zu einer anderen Herangehensweise rät Sebastian Dullien, der Chef des gewerkschaftlich orientierten Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Er will der Null-Diagnose ihren Horror nehmen. „Für die Lebensqualität in Deutschland ist ja nicht unbedingt das gesamte Wirtschaftswachstum zentral, sondern die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf“, sagt er. „Wenn die Zahl der Menschen, die in Deutschland leben, sinkt, dann ist ein Potenzialwachstum von null nicht unbedingt dramatisch, weil trotzdem der Wohlstand pro Kopf steigt.“
Und Dullien betont die wohltuenden Nebenwirkungen wachsenden Wohlstands: „Historisch möchten Menschen mit steigendem Einkommen auch mehr Freizeit genießen.“ Deutschland sei eines der Länder mit den besten Lebensbedingungen weltweit. Was bleibe da noch zu wünschen? „Es ist nicht verwunderlich, dass die Leute auch weniger arbeiten wollen als jene in Ländern mit niedrigerem Wohlstand“, argumentiert Dullien.
Von der Globalisierung haben deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten stark profitiert – billige Energie aus Russland, günstige Konsumgüter aus China, lukrative Exporte dank weltweit sinkender Zölle. Dieses „Wirtschaftsmodell funktioniert so nicht mehr“, sagt Florian Schuster-Johnson. Der Ökonom des sozialdemokratisch orientierten Dezernats Zukunft rät, „dass ein neues Modell weniger export- und dafür mehr konsumorientiert sein sollte“ mit Schwerpunkten zum Beispiel auf heimischer Bildung und Betreuung. Wobei ein Nachteil dieser Strategie darin liegen könnte, dass der inländische, selbst der europäische Markt kleiner ist als der Weltmarkt und weniger zu verteilende Profite abwirft.
Und wie ließe sich das Problem mangelnden technischen Fortschritts angehen? Der Staat setze momentan oft die falschen Anreize, sagt Schuster-Johnson. Steuerregeln und Subventionen machten es für Unternehmen eher attraktiv, Kapital in Finanzanlagen im Ausland zu investieren als in Erfindungen und neue Produkte. Eine Wirtschaftspolitik, die mehr Produktivität und damit Wohlstand anstrebt, müsse das ändern.
Mehr Kitaplätze, weniger Ehegattensplitting
Um die 1.400 Stunden arbeiten die Erwerbstätigen in Deutschland durchschnittlich pro Jahr – deutlich weniger als in Frankreich, Schweden und anderen reichen Staaten. Zu wenig? Zu solch einer allgemeinen Aussage lässt Wirtschaftsweise Monika Schnitzer sich nicht hinreißen. Sie argumentiert pragmatischer und differenzierter: „Es besteht durchaus Potenzial in einer höheren Erwerbsbeteiligung und Arbeitszeit von Frauen, wofür insbesondere Betreuungsinfrastruktur und steuerliche Rahmenbedingungen entscheidend sind.“ Also mehr Kitaplätze und weniger Ehegattensplitting.
Zudem sollten „im Steuer- und Transfersystem die Anreize zur Ausweitung der Arbeitszeit verbessert werden, insbesondere im Bereich niedriger Einkommen“, empfiehlt die Wirtschaftsprofessorin. Bewerkstelligen könnte die Bundesregierung das beispielsweise, indem sie die Steuersätze für kleine Verdienste reduzierte und Empfänger:innen der Grundsicherung gestattete, mehr vom eigenen Lohn zu behalten, wenn sie einen zusätzlichen Job annehmen.
Und Schnitzer plädiert auch für „eine stärkere Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte“. Offiziell beabsichtigt die Bundesregierung das ebenfalls, wobei der CSU-Innenminister gleichzeitig Hunderttausende syrischer Flüchtlinge loswerden will, von denen viele hier arbeiten. Die vergiftete Atmosphäre und die widersprüchliche Einwanderungspolitik stehen der Realisierung von Schnitzers Rat im Wege.






