
Das 79. Festival de Cannes ist zur Hälfte rum und bisher gibt es wenig Grund zur Klage. Von den in den Wettbewerb eingeladenen Regisseuren haben die meisten bisher überzeugt. Was gelegentliche Enttäuschungen nicht ausschließt, auch bei Altmeistern.
So lieferte der japanische Regisseur Hirokazu Koreeda mit seinem Beitrag „Sheep in the Box“ eine gar nicht allzu realitätsferne Science-Fiction-Geschichte. In der helfen Humanoide als äußerlich identische Kopien der Verstorbenen trauernden Familien, den Verlust eines Kindes zu bewältigen.
Koreeda, der sich in seinen Filmen viel mit alternativen Familienkonstellationen beschäftigt, wählt dabei einen Zugang, der seiner großen Stärke, der behutsamen Arbeit mit Kinderdarstellern, etwas im Weg steht. Denn der „Junge“, der darin die Hauptrolle spielt, ist ein weitgehend apathisches Wesen. Seine Gefühle bleiben eher verborgen. Immerhin tun die Roboter in diesem Fall etwas anderes als sonst üblich: Sie werden nicht zur Gefahr für die Menschen. Sie beschließen vielmehr, unter sich zu bleiben.
Zur Frage des Umgangs mit Verlust passt das durchaus. Koreedas Antwort darauf lautet, dass Trauerarbeit mit fetischartigen Ersatzobjekten wie Robotern nicht gelingen kann. Seine beiden Erzählungen wollen gleichwohl nicht recht zusammenkommen.
Filme lassen sich viel Zeit
Vielleicht auch, weil die Roboter mit ihren Motiven auch für das Publikum zu sehr für sich bleiben. Die für Koreeda typischen klar aufgebauten, ruhig gefilmten Bilder helfen da nur bedingt.
Auffällig viele Filme in diesem Wettbewerb nehmen sich viel Zeit. Zweieinhalb Stunden scheint der Standard zu sein, den einige Regisseure wie Ryūsuke Hamaguchi sogar überbieten. Mit zwei Stunden und 40 Minuten für seinen Film „Hope“ liegt der koreanische Regisseur Na Hong-jin damit gut im Durchschnitt. Als Durchschnitt kann man seine Science-Fiction-Horror-Actionkomödie allerdings kaum bezeichnen.
Na Hong-jin debütierte 2008 mit dem Thriller „The Chaser“. Darin inszenierte er das Treiben eines psychopathischen Serienmörders mit so nervenzehrender Spannung, dass man beim Zuschauen Herzrasen bekommen konnte. Diese Fähigkeit, sein Publikum buchstäblich mitzureißen, treibt Na Hong-jin in seinem ersten neuen Film seit „The Wailing“ von 2016 zu steilen Höhen.
Zuerst ist da nur die blutige Spur
Tempo ist fast alles in „Hope“. Im südkoreanischen Fischerdorf Hope Harbor nahe der demilitarisierten Zone entdecken die Bewohner ein gerissenes Rind. Die Polizei wird gerufen, man vermutet den Angriff eines Tigers, obwohl die in der Region sonst nicht vorkommen. Zudem deuten die Wunden des Kadavers auf ein größeres Tier als Angreifer hin. Wenig später erhält der Polizeichef des Dorfs, Bum-seok (Hwang Jung-min), Notrufe aus dem Ort.
Von da an schaltet „Hope“ um in den Jagdmodus. Bum-seok und die anderen Einwohner müssen nämlich vor einem riesigen und sehr wütenden Monster fliehen.
Na Hong-jin lässt sich Zeit, bis er diesen Angreifer direkt zeigt. Man sieht zunächst nur die blutige Spur der Verwüstung, hört es brüllen und Menschen oder Autos werden durch die Luft geschleudert. Sobald das Wesen im Bild erscheint, rast die Kamera mit den fliehenden Menschen vor dem unbekannten Verfolger davon, die in Autos, auf Pferden oder ihren zwei Beinen unterwegs sind.
Das Monster weint
Viele dieser Szenen lassen gut erkennen, dass sie ihre aberwitzige Geschwindigkeit großzügiger Hilfe aus dem Computer verdanken. Das macht nichts. Auch dass das Monster, sobald es vollständig in seiner hässlichen Pracht zu sehen ist, von seinem Schrecken verliert und in einer Szene sogar weint.
Denn Na Hong-jin gönnt seinen Protagonisten genauso wenig wie den Zuschauern eine Atempause. Man kann das selbstverständlich für großen Quatsch halten. Enttäuschen tut „Hope“ aber nicht. Er ist sogar sehr witzig.






