Indie-Hörbuch über Russlanddeutsche: „Klar, ich kenne diese Scham auch“

taz: Ira Peter, Ihr Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ (2025) haben Sie nun auch als Hörbuch eingelesen. Russlanddeutsche sind Nachfahren von Deutschen, die im 18. und 19. Jahrhundert ins zaristische Russland ausgewandert sind. In den 1990ern kehrten viele nach Deutschland zurück. Ihr Hörbuch ist überraschenderweise beim Indielabel Audiolith veröffentlicht, das eher mit Electropunkbands wie Egotronic assoziiert wird.

Ira Peter: Wir haben uns vor circa fünf Jahren durch Instagram kennengelernt. Audiolith und mich verbindet, dass wir uns seit Jahrzehnten gegen rechts und für eine starke Demokratie in Deutschland einsetzen. Als mein Verlag die Rechte freigab, hat Audiolith zugeschnappt.

Artur Schock: Als ich Ira Peters Podcast „Steppenkinder“ entdeckte, habe ich mich zum ersten Mal mit Russlanddeutschen identifizieren können und mich bei ihr für die wichtige Arbeit bedankt. 2003, in den Anfängen von Audiolith war die Idee meines Kollegen Lars Lewerenz, dass er Musik von Freunden rausbringt. So war es mit Ira auch, nur dass sie ein wichtiges Buch geschrieben hat. Erst wollten wir es auf CD veröffentlichen, das wäre ein Ziegelstein geworden. Jetzt ist es eine MP3-CD geworden.

Im Interview: Ira Peter und Artur Schock

Ira Peter, 1983 in der Sowjetrepublik Kasachstan geboren, ist Autorin, Podcasterin und Journalistin in Berlin.

Artur Schock, 1984 in der Sowjetrepublik Kasachstan geboren, ist Booker und betreibt von Berlin aus zusammen mit dem Hamburger Lars Lewerenz das Indie Audiolith.

Yelizaveta Landenberger, 1994 in der Russischen Föderation geboren, ist Slawistin und freie Journalistin in Berlin.

Ira Peter: „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“, Hörbuch mp3 CD, veröffentlicht bei Audiolith (das Buch erschien 2025 bei Goldmann/München)

Peter: Mir war wichtig, das Buch selbst einzusprechen, denn es ist mit viel Ironie verfasst.

taz: Und in einem sehr persönlichen Ton. Sie verbinden Russlanddeutschen-Geschichte mit Ihrer Biografie. So schildern Sie die Deportationen unter Stalin, der die Deutschen in der Sowjetunion nach dem Angriff der Wehrmacht ab 1941 in Sippenhaft nahm und ostwärts in die Steppe deportierte, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten mussten. Sie erzählen auch vom langen Schweigen, von der Angst und von Scham, die sie nach Ihrer Emigration nach Deutschland in den 1990ern erlebt haben. Kommen viele Russlanddeutsche zu Ihren Lesungen?

Peter: Russlanddeutsche sind oft in der Minderheit. Einige Menschen kommen mit Vorurteilen, geben das aber auch offen zu. Vieles davon löst sich bei meinen Lesungen auf. Die Standardfrage ist: Warum wählen so viele Russlanddeutsche die rechtsradikale AfD? Ich gehe damit sehr freundlich um, erkläre sachlich die Studienlage. Es gibt Stadtteile in Deutschland, in denen es einen Zusammenhang gibt zwischen dem hohen Anteil postsowjetischer Bevölkerung und der Zustimmung zur AfD. Man wählt oft das, was der Nachbar wählt – gleichzeitig sind diese Stadtteile nicht repräsentativ für zweieinhalb Millionen Menschen.

taz: In Ihrem Buch erklären Sie, dass Russlanddeutsche zwar etwas überdurchschnittlich für die AfD stimmen, dass es da aber eben keinen so großen Unterschied zur Gesamtbevölkerung gibt, wie manche annehmen – und dass es schon gar nicht alle Russlanddeutschen sind, die AfD- und Putin-Fans sind, wie Klischees besagen. Sie erwähnen auch, dass die Datenlage dürftig ist.

Peter: Wenn man genauer hinschaut, weiß man nicht so recht, wessen Daten ausgewertet wurden. Das Zentrum für Osteuropa-Studien in Berlin arbeitet etwa mit unscharfen Begriffen wie „Russlandhintergrund“.

taz: Kürzlich eingewanderte Menschen aus Russland werden mit Russlanddeutschen und jüdischen Kontingentflüchtlingen aus den 1990ern gleichgesetzt. Teils werden sie zu „Deutschrussen“, obwohl viele von ihnen gar nicht aus Russland, sondern aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken kommen. Sie beide sind ja aus Kasachstan.

Schock: Die AfD hat einfach wahnsinnige hohe Zustimmungswerte, gerade in Bundesländern, wo sie offen faschistisch auftritt. Was macht es da für einen Sinn, noch mal nach Russlanddeutschen zu suchen? Was ich auch superschwierig finde: Wer begreift sich überhaupt als russlanddeutsch? Würden wir drei uns zufällig treffen, würden wir wohl gar nicht merken, dass wir Russlanddeutsche sind. Wir leben seit inzwischen 30, 35 Jahren in Deutschland, teils mit eigenen Kindern.

taz: Warum werden Russlanddeutsche als rechts gelesen?

Schock: Die Deutschen wählen auf einmal eine faschistische Partei, und dann kommt da dieser Reflex: Ah ne, die Stimmen kommen ja gar nicht von den Deutschen, sondern von irgendwelchen Migranten, die sich noch nicht so gut mit der Demokratie auskennen. Dabei sollten wir uns eher fragen, wie wir uns als Demokratie insgesamt gegen Desinformation aus Russland und von anderen Staaten schützen können. Das wird nicht ernst genug genommen, und es wird viel zu wenig dagegen getan. Der russische Staat pumpt Millionen Euro in Social-Media-Kampagnen, um die Propaganda in die Köpfe der Menschen zu bekommen. Das ist eine Kriegswaffe.

taz: Frau Peter, noch einmal zurück zu Ihren Lesungen. Wie reagieren denn die Russlanddeutschen, die kommen?

Peter: Es wird viel geweint, weil die Menschen, die selbst eine russlanddeutsche Geschichte haben, sich zurückversetzt fühlen in die 90er Jahre, eine Zeit, die für viele wegen mangelnder Sprachkenntnisse und nicht anerkannter Berufsabschlüsse schwierig war. Dass nun Raum für diese Geschichten und diese Gefühle ist, ist das Größte, was ich aus meinen Lesungen ziehe. Es scheint an Deutschland zu liegen, dass sich die Menschen nach so vielen Jahren immer noch nicht „deutsch genug“ fühlen.

taz: Herr Schock, haben Sie sich auch schon nicht „deutsch genug“ gefühlt?

Schock: Klar, ich kenne diese Scham auch. Wir sind von Kasachstan nach Bayern gekommen. Dort hatten alle große Häuser, die Kinder eigene Zimmer mit zig Spielsachen. Mein Lehrer im Gymnasium fragte mich, was ich eigentlich auf der höheren Schule wolle, weil er sich mich viel eher mit einem Schraubenzieher in der Hand vorstellen könne. Ich hatte aber das Glück, relativ jung nach Deutschland gekommen zu sein. Wer etwas älter war und noch kein Deutsch sprach, so wie mein Bruder, wurde sofort auf die Haupt- oder Sonderschule geschickt.

taz: Ihr Label Audiolith hat in der Vergangenheit mit den Bands Messed Up und Mister X aus Belarus sowie mit What We Feel aus Russland zusammengearbeitet. Was wurde aus ihnen?

Schock: Die Gruppen haben sich alle aufgelöst. Die lebendige Punkszene in Belarus wurde vom Regime plattgemacht. In Russland ist es ähnlich, viele Menschen haben das Land verlassen oder sich in die innere Emigration zurückgezogen.

taz: Wie blicken Sie heute zurück auf die legendäre Russland-Tour mit Egotronic 2005?

Schock: Seitdem hat sich Russland stark verändert. Die Tour war lustig und für mich persönlich sehr wichtig. Erst dadurch habe ich mit dem Booking angefangen, denn damals wusste ich überhaupt nicht, was ich machen soll. Ich wollte eigentlich nach Berlin und vielleicht DJ werden. Ich war als Dolmetscher auf die Tour mitgekommen, hatte aber Egotronic gesagt, dass ich Tontechnik machen kann, obwohl das gar nicht stimmte. Aber ich dachte, das erhöht meine Chancen, dass sie mich mitnehmen. Hat dann auch geklappt – und sie haben relativ schnell gemerkt, dass ich keine Tontechnik kann. Dafür war das Übersetzen total wichtig, weil ich ihnen Zigaretten und Bier besorgen musste. Was wir damals schon hautnah mitbekamen, war die krasse Nazigewalt in Russland.

taz: Es gibt ja die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, die LmDR, welche die Interessen der Russlanddeutschen vertreten soll. Aber diese Organisation ist so wie alle Vertriebenenverbände erzkonservativ. Brauchen wir nicht Strukturen, die progressiver und pluralistischer sind und auch Menschen wie uns ansprechen?

Peter: Ich nehme das ganz ähnlich wahr. Ich persönlich habe mit der LmDR kaum Berührungspunkte. Ihnen ist es in 70 Jahren ihres Bestehens nicht gelungen, eine hörbare russlanddeutsche Stimme mit positivem Image zu entwickeln. Und ich finde es erbärmlich, dass eine so große eingewanderte Bevölkerungsgruppe in Deutschland – wir sprechen von 2,4 Millionen Menschen – keine öffentliche Stimme hat. Wir haben keine Lust, uns ständig für Putin und die AfD zu rechtfertigen. Wir möchten als Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen werden.

taz: Können Sie etwas mit dem Begriff „postost“ anfangen, der immer öfter verwendet wird – gewissermaßen als Label für alle, die einen Hintergrund in Osteuropa im weiten Sinne haben?

Schock: Ich finde ihn super.

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Peter: Der Begriff „Russlanddeutsche“ stammt ja aus der Nazizeit. Den Nazis war es wichtig, zwischen den Reichsdeutschen und den Russlanddeutschen zu unterscheiden. Der Begriff ist durch die russische Vollinvasion in die Ukraine noch einmal schwieriger geworden. Wenn es um meine Herkunft geht, sage ich, dass ich Deutsche aus Kasachstan bin und ukrainedeutsche Großeltern habe. Ich finde „postost“ wunderbar, weil viele Familien aus der ehemaligen Sowjetunion ohnehin multikulturell sind, mit verschiedenen Hintergründen. „Postost“ ist ein neutralerer Begriff, der trotzdem eine Gemeinschaft bilden kann.

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