Fotoprojekt über Krebserkrankte: „Es geht nicht nur um die Narben“

taz: Frau Kröplin, im Sommer 2022 wurde bei Ihnen Brustkrebs diagnostiziert. An welchem Punkt in Ihrem Leben waren Sie damals?

Sofia Kröplin: Ich war 29 und hatte das Gefühl, unverwundbar zu sein. Das Thema Krankheit war sehr weit weg. Ich hatte damals ein eigenes Onlinemagazin und dachte, dass ich gerade richtig durchstarte. Dann wurde ich krank und alles hat sich verändert. Durch die Chemotherapie war ich sehr eingeschränkt, Worte zu formulieren, das Schreiben wurde immer schwieriger. Die ganze Erfahrung hat meine Sicht auf mich selbst und mein Umfeld sehr verändert. Mir war klar, dass ich mich weiter damit beschäftigen will und habe einen Fotokurs an der Berliner Ostkreuzschule gemacht.

taz: Also sind Sie erst durch die Diagnose zum Fotografieren gekommen?

Kröplin: Genau. Mich selbst zu fotografieren, hat mir geholfen, einen Abstand zu gewinnen zu der Krankheit, den Schmerzen, der Einsamkeit. Ich hatte eine Aufgabe und eine spielerische Art, damit umzugehen und darin nicht mehr so viel Leid zu sehen.

taz: Es gibt ein Selbstporträt von Ihnen, das Sie mit blutiger Nase und kahlem Kopf zeigt. Was bedeutet Ihnen dieses Bild?

Kröplin: Zu dem Zeitpunkt war ich zwei Monate in Chemotherapie und hatte gerade ein neues Medikament bekommen. Eine Nebenwirkung war das tägliche Nasenbluten. Das Bild zeigt mir, wie viel Stärke in unseren Körpern steckt. Wenn ich heute darauf zurückblicke, wie ich ausgesehen habe und wie sich mein Körper wieder regeneriert hat – da ist schon viel Stolz. Das Fotografieren hat bei mir auch eine Leere gefüllt. Ich habe angefangen, mich mit Betroffenen zu verbinden und mich meiner Angst, Nähe zuzulassen, gestellt.

taz: Begegnungen, aus denen Ihr Projekt „The Fight We Never Asked For“ entstand. Die Bilder und Interviews aus der Serie sind sehr intim. Wie sind Sie als Fotografin vorgegangen?

Kröplin: Hinter jedem einzelnen Foto steckt sehr viel Zeit und ein individuelles Konzept. Ich habe Vorgespräche geführt, mit den Menschen Kaffee getrunken oder ganz unterschiedliche Sachen unternommen, töpfern, ins Kino gehen, gemeinsam Sport machen. Mich interessiert die ganze Person, weniger die Krankheit selber. Und ich glaube, aus dieser Nähe heraus entstehen dann auch diese verletzlichen Bilder. Weil mein Gegenüber merkt, dass es mir nicht nur um ihre Narben geht, sondern um sie als Ganzes.

Im Interview: Sofia Kröplin

33, arbeitet als Journalistin und Fotografin in Berlin. Ihre Bilder sind im Rahmen einer Ausstellung der Ostkreuzschule für Fotografie vom 24. bis 27. 9. im Bethanien in Berlin-Kreuzberg zu sehen.

taz: Wie war das für Sie, sich immer wieder mit der Krankheit auseinanderzusetzen?

Kröplin: Ich war überrascht, dass ich es geschafft habe, das Thema immer wieder so nah an mich ranzulassen. Ich bin an den Beziehungen, die daraus entstanden sind, sehr gewachsen. Es ist toll, mitanzusehen, wie Menschen, die an einem Tiefpunkt sind, auch wieder an einen Punkt kommen, an denen es ihnen besser geht. Diese Reise begleiten zu können, war sehr bereichernd.

taz: Welche Momente aus den Fotosessions haben Sie besonders beeindruckt?

Kröplin: Bei vielen Menschen kommt der Krebs irgendwann wieder. Ich konnte mir lange nicht vorstellen, nochmal in eine Chemotherapie zu gehen. Und dass Leute es schaffen, für diesen erneuten Kampf Kraft aufzubringen, weiterzumachen, irgendwie die Freude am Leben nicht zu verlieren – das fand ich bewundernswert.

taz: Der „Kampf“ steckt auch im Titel Ihres Projekts. Übersetzt heißt es: „Der Kampf, um den wir nie gebeten haben“.

Kröplin: Nach einer Krebsdiagnose wird man von der Gesellschaft schnell zum Kämpfer gemacht. Das habe ich auch so erlebt. Gleichzeitig entsteht dadurch das Gefühl, immer stark sein zu müssen. Dabei gibt es so viele Momente, in denen man einfach keine Kraft hat, und nur weinen oder schreien will. Es ist eine Reise, die wir uns nicht ausgesucht haben, aber trotzdem auf uns nehmen müssen.

taz: Sie sind seit Anfang 2024 krebsfrei, Ihr Projekt geht immer weiter. Warum?

Kröplin: Weil es mir einfach Spaß macht. In meiner Arbeit habe ich auch nach meiner eigenen Geschichte gesucht und danach, was mich als Person ausmacht. Durch die Verbindung mit anderen Betroffenen konnte ich viele Fragen für mich beantworten. Ich finde meine Protagonisten sehr mutig in der Art, wie sie sich zeigen und habe viel Wärme und Offenheit von ihnen erfahren. Ich möchte sie weiter unterstützen und ihnen eine Stimme geben, so wie sie mir geholfen haben, meinen eigenen Weg zurück ins Leben zu finden.

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