Die Wahrheit: Wellenreiter auf wilden Winden​

„Nach bisherigem Kenntnisstand können Stare ihr ganzes Leben lang hinzulernen und ihre Gesänge um die unterschiedlichsten Töne erweitern. Sie sind genauso empfänglich für Töne anderer Vogelarten wie Spatzen, Amseln oder Krähen und bauen auch Hundebellen, Katzenschnurren oder Froschlaute in ihre Vorträge ein. In der Stadt imitieren sie die Geräusche anfahrender oder bremsender Autos, Polizeisirenen und Baustellenlärm. Dadurch spiegeln ihre Gesänge ihren Lebensraum und ihre verschiedenen Klangmuster“, schreibt der Biologe Cord Riechelmann in seinem Buch „Vögel: Vom Singen, Balzen und Fliegen“ (2021). Der Gesang sei für Stare „wesentlich ein Gemeinschaftsereignis“, zudem könnten sie auch zweistimmig singen: „In der Oberstimme legato, in der Unterstimme stakkato.“

Es gab in Berlin mal eine ganze Reihe von „Star-Listenern“ als sich in den Bäumen am Berliner Dom allabendlich bis zu 40.000 Stare einfanden. Auch ein Kunstprojekt befasste sich dort mit ihnen: „Stare über Berlin“ (2004).

Aber dann verschwanden die Stare nach und nach, bis dahin, dass man kaum noch einen in der Stadt sah. Der Starforscher Riechelmann wich damals nach Rom aus: „Dort sind die Stare mittlerweile zu einem Paradebeispiel der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Schwarmintelligenz geworden. Mit dem schwächer werdenden Tageslicht versammeln sich im Herbst und Winter fast fünf Millionen an dafür geeigneten Plätzen in Rom“, schrieb er in der FAZ.

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Wegen der Klimaerwärmung ziehen sie dort nicht mehr weiter nach Afrika. „Besonders spektakulär wird dieses Wellenreiten tausender kleiner schwarzer Vögel, wenn sich dem Schwarm ein Falke nähert. Dann sieht man den größeren Falken in seinem Jagdflug auf den Schwarm zu sausen und darin verschwinden, während sich die Starwolken um ihn immer dichter, fast zu einer Kugel schließen und den Greifvogel in ihrer Mitte verschwinden lassen. Wenn der Falke dann wieder herauskommt, wirkt er meist leicht verwirrt und ist in der Regel ohne Beute geblieben.“

Wieder einige Stare in Berlin

In den letzten Jahren habe ich überhaupt keinen Star mehr in Berlin gesehen, aber nun sind doch wieder einige da. In Walter Sontags Buch „Das wilde Leben der Vögel“ (2020) las ich, dass Stare „die bemerkenswerte Tendenz haben, sich auf den Umgang mit anderen Tieren einzulassen“. Wenn man ihnen nicht ins Gesicht blickt, kann man sich ihnen fast bis auf Greifweite nähern. Dieses Verhalten könnte ihrer Not geschuldet sein. Das Insektensterben, die Industrialisierung der Landwirtschaft und die massenhaften Nestzerstörungen infolge von Fassadenisolierungsmaßnahmen setzen den Staren derart zu, dass sie ebenso wie die Spatzen in Europa „auf dem Rückzug“ sind.

Das Schwinden ihrer Nistmöglichkeiten kompensieren die Starenweibchen zum Teil dadurch, dass sie wie Kuckucksweibchen ihre Eier heimlich in fremde Starennester legen und mit ausbrüten lassen – in manchen Kolonien beträgt die „Anzahl“ derart „parasitierter Nester“ laut Walter Sontag fast 40 Prozent. In Amerika, Australien und Südafrika, wo man sie eingeschleppt hat, scheinen die Stare aber wohl noch nicht solche Nistprobleme zu haben, denn sie vermehrten sich dort millionenfach und sind mancherorts bereits zu einer regelrechten Landplage geworden.

Der besonders an einzelnen Vögeln interessierte Starforscher Walter Sontag („Jedes Vogelindividuum ist ein Solitär“) hielt jahrelang acht Lappenstare aus Kenia in einer Voliere, um sie zu studieren. Für den Wiener Biologen, der „mit ihnen regelrecht zusammen lebte“, stellte sich „die Begegnung mit dem Einzelvogel ganz anders dar als für den Vogelkundler, der unter bestimmten Gesichtspunkten gewisse Verhaltensäußerungen seiner Beobachtungsobjekte im Freiland oder im Labor systematisch erfasst.“

Diese Vogelkundler, so kann man vielleicht sagen, denken sich intelligente Experimente für ihre Stare aus, während Vogelkundler wie Sontag, die Stare als „Familienmitglieder“ halten, sich für deren intelligente Experimente begeistern.

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Ein Star erlaubte einem Hasen, ihn von seinen Zecken im Ohr zu befreien

Letzterer erwähnt einige Versuche mit wild lebenden Vögeln in der Bretagne und in Apulien, bei denen die Stare „sehr uneinheitlich reagierten. Dieser Befund belegt einmal mehr, dass das sogenannte arttypische Verhalten vielfach eine Chimäre darstellt.“ So orientieren sich Stare anscheinend inmitten von ortskundigen Artgenossen an deren Verhalten, bei ortsunkundigen verlassen sie sich jedoch lieber auf ihre eigene Erfahrung.

Der NABU berichtet, dass sich Stare gern auf Weidetiere niederlassen, um die sie plagenden Parasiten zu verzehren. Sontag erwähnt einen Star, dem ein Hase erlaubte, ihn von seinen Zecken im Ohr zu befreien. Es handelte sich dabei um einen asiatischen Hirtenstar, der, wie der Namen sagt, gern auf Hausbüffeln pickt. Ansonsten halten sich Stare auch in der Nähe von Krähenschwärmen auf.

Die (christlichen) Ornithologen interessieren sich seit jeher für das Fortpflanzungsverhalten, nicht zuletzt, weil sie mit ihren schlechten Augen die Vogelgeschlechter nicht gut auseinander halten können – und deswegen lange Zeit dumpf davon ausgingen: Die Vogelpaare halten ein ganzes Leben lang zusammen, so wie es Noah ihnen einst vorschrieb.

Inzwischen weiß man es jedoch besser. „So können männliche Stare zum Beispiel über einen Harem von bis zu fünf Weibchen gebieten – mit entsprechend verringerter oder gar ausfallender Brutpflege“, schreibt Sontag. „Dabei ist die Erstfrau noch etwas privilegierter als die ‚Zweitfrauen‘, die sogar regelrechte ‚Alleinerzieherinnen‘ sind.“ Da waren die europäischen Starforscher erst mal baff.

„Gestandene, rational argumentierende Soziobiologen“ machte es laut Sontag vor allem „ratlos“, dass sich „etliche Starenweibchen auf bereits ‚vergebene‘ Männchen einließen“. Das wird auch heute noch nicht gern in den westlichen Ländern gesehen. Für die männlichen Bigamisten gilt, wie Starforscher in Flandern herausfanden, dass sie immerhin bei der Aufzucht der Brut ihres Erstweibchens mithalfen. Für die gesamte Brut ihrer Vielweiberei gilt aber wohl auch, dass sie für die wenigsten Nachkommen der Vater waren. Wobei die asiatischen Männchen ihre Nebenbuhler weitaus aggressiver zu vertreiben versuchten als die kenianischen und europäischen.

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