Marc-Uwe Kling über Digitalkonzerne: „Zum Glück gibt es überall Alternativen“

taz: Herr Kling, die meisten von uns verbringen viel Zeit in Apps und Programmen, hinter denen oft große Tech-Konzerne stehen. Um unsere Abhängigkeit von denen zu verringern, haben Sie den Digital Independence Day ausgerufen. Was ist das?

Marc-Uwe Kling: Hoffnung liegt im Machen – und das ist zumindest ein Versuch. Die Idee dahinter: Wir vollziehen alle zusammen jeden ersten Sonntag im Monat einen Wechsel – von einem mächtigen digitalen Konzern zu einem anderen Anbieter, der es etwas genauer nimmt mit Datenschutz und Demokratie. Suchmaschine, Browser, Bezahlsystem, E-Mail, Streamer, Messenger: Wenn wir uns mal vor Augen führen, wie abhängig wir uns jeden Tag von digitalen Konzernen machen, wird es echt gruselig. Aber es gibt ja zum Glück überall Alternativen.

Im Interview: Marc-Uwe Kling

wurde 1982 in Stuttgart geboren und ist Autor, Kleinkünstler, Regisseur und Liedermacher. Besonders bekannt ist er für „Die Känguru-Chroniken“ und „Das Neinhorn“.

taz: Ihr Projekt hat eine Website mit praktischen Anleitungen für den Abschied von Big Tech, in manchen Städten gibt es aber auch persönliche Treffen und Veranstaltungen.

Kling: Und wenn du mal einen Monat keine Zeit hattest für einen Wechsel, dann machst du halt im nächsten Monat wieder weiter – alles ganz entspannt.

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taz: Bekommt man dann am Ende, wenn man alle Wechsel vollzogen hat, eine Art Digital-Independence-Day-Abzeichen verliehen?

Kling: Lustige Idee, aber nein. Es geht nicht um ein digitales Reinheitsgebot oder darum, mit dem Finger auf Leute zu zeigen, die vielleicht noch nicht so weit sind oder manches für ihren Job brauchen. Das Motto ist: Mach halt, was du kannst – und je­de*r kann irgendwas machen.

taz: Also alle tragen etwas bei, aber nicht alleine die Verantwortung.

Kling: Genau, das ist uns schon beim Klima auf die Füße gefallen. Da hat man sich zerstritten, weil der Nachbar einen Inlandsflug gemacht hat, statt sich gemeinsam darüber zu beschweren, dass Kerosin steuerbefreit ist. Genauso ist es bei der digitalen Unabhängigkeit, sie muss systemisch angegangen werden. Als Individuen können wir uns dennoch engagieren und jeden ersten Sonntag im Monat eine digitale Demonstration ausrufen. Das Ganze muss in den medialen Diskurs, dann gibt es auch eine Rückwirkung auf die Politik.

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Buchcover

Dieses Interview stammt aus dem Buch „Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen“ (Oekom, München 2026, 208 Seiten, 19 Euro). Herausgeber Julien Gupta lässt darin progressive Stimmen der deutschen Öffentlichkeit zu Wort kommen: Worauf können wir noch hoffen zwischen Krisen, Kriegen, Hitze und Hetze – und wie kommen wir da wieder raus? Mit Beiträgen von Cornelia Funke, Raúl Krauthausen, Gilda Sahebi und Marina Weisband (u.a.). Gupta ist auch einer der Autor*innen des wöchentlichen taz-Newsletters TEAM ZUKUNFT.

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taz: Sie sind berühmt geworden durch das kommunistische Känguru, das schnapspralinenfutternd durch Ihre Bücher, Podcasts und Comics hüpft. Wie wichtig ist es bei der oft negativen Nachrichtenlage, auch mal abzuschalten und zu lachen?

Kling: Lachen hat eine gewisse Macht. Das sollten wir auf keinen Fall unterschätzen. Wenn du erstmal über etwas gelacht hast, verlierst du auch die Angst davor, und genau das ist oft nötig, um ins Tun zu kommen. Am Ende gibt es Hoffnung nur, wenn man sie sich macht.

taz: Angesichts all der Krisen scheint es aber gerade gar nicht so leicht, zwischen Betroffenheit und Ausgelassenheit umzuschalten.

Kling: Ich glaube, das kann parallel existieren. Wir dürfen auch Spaß haben beim Machen. Wenn wir nur dasitzen wie Trauerklöße, wie sollen wir dann die Leute davon überzeugen, bei der guten Sache mitzumachen? Betroffenheit und Ausgelassenheit schließen sich nicht aus. Du kannst dir Sorgen um die Welt machen und trotzdem ein schönes Leben haben. Mit Spaß gelingt dir am Ende wahrscheinlich sogar mehr. Aber natürlich ist nicht jeder Witz automatisch auch ein guter. Es kommt immer auf die Tendenz an. Was genau will mir der Witz sagen? Im Idealfall wird mir durch eine Pointe sogar etwas klar, das ich vorher gar nicht wusste. Eine humoristische Metapher kann dir Sachen manchmal besser erklären als eine Doku.

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