Die Wahrheit: Der Hilferuf der Yuccapalme

D ie Yuccapalme ließ die Blätter hängen. „Ich fürchte, es geht zu Ende“, sagte Raimund düster. Wir nickten bedrückt. Selbst Petris, Wirt des Café Gum und Stoiker, schniefte leise.

„Ich werde sie vermissen“, seufzte Raimund. „Sie war ja praktisch einer von uns.“ – „Sie hat da schon gestanden, als ich den Laden übernommen hab“, ergänzte Petris, der sonst nie etwas sagte. „Stimmt, ich erinnere mich“, sagte Theo, und Luis sinnierte: „Vierzig Jahre, man glaubt ja nicht, wie alt diese Pflanzen werden.“

„Am besten sah sie aus, als wir noch geraucht haben wie die Fabrikschlote und der Nebel hier drin so dicht war wie beim großen Londoner Smog 1952“, meinte Theo. „Trotzdem: Wir hätten sie mehr beachten sollen“, sagte Raimund. „Mehr beachten?“ Theo runzelte die Stirn. „Wie das denn?“ – „Indem wir mit ihr reden, zum Beispiel. Pflanzen mögen das.“ – „Mit ihr reden? Worüber willst du denn mit einer Pflanze reden?“ – „Über die Weltrevolution zum Beispiel?“ – „Über die was?!“ – „Na, klar“, sagte Raimund: „Wer wird in Dampfmaschinen verfeuert? Wer wird für Palmölplantagen gerodet? Wer verkümmert im sauren Regen? Pflanzen sind die geborenen Antikapitalisten. Vielleicht wären wir mit dem Sozialismus schon viel weiter, wenn Marx und Engels nicht das Proletariat zur Revolution aufgerufen hätten, sondern Yuccapalme, Osterglocke & Co.“

Feuchte Wolke

Theo verdrehte die Augen. Bevor er aber Raimund einen Spinner und Knallkopf nennen konnte, flog die Eingangstür auf und eine betäubende feuchte Wolke, die nach Moder, Pilzen und Waldboden roch, zog herein. Ihr folgte ein zottelbärtiger Hüne in schweren Stiefeln. Er stapfte grußlos vorüber und blieb vor der Yucca stehen.

„Das ist ja Quasselman!“, flüsterte Luis. „Habt ihr den gerufen?“ Wir schüttelten die Köpfe. Auch Petris winkte ab, und Quasselman begann mit der Yucca zu murmeln. Noch nie hatte ihn jemand außerhalb des Taubenwaldes gesehen, wo man ihn jederzeit treffen konnte, vor ein paar Bäumen oder Brombeerbüschen stehend und in ein unverständliches Gespräch mit ihnen vertieft. War es denn möglich, dass die Palme selbst ihn um Hilfe gerufen hatte? Gab es tatsächlich diese geheimnisvollen Kommunikationskanäle der Flora, von denen Waldversteher sprachen?

Zwei Stunden fuhr er mit dem Gemurmel fort, schlug manchmal die Hände über dem Kopf zusammen oder seufzte erschüttert, dann drehte er sich auf einmal zu uns um, schenkte uns einen tödlichen Blick und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war.

Am nächsten Tag sah die Yucca irgendwie erholter aus. Sie hob die Blätter, kriegte mehr Farbe, und schließlich war es ausgerechnet Theo, der dafür sorgte, dass wir ihr jeden Abend abwechselnd einige Brecht-Gedichte vorlasen, was binnen Kurzem dazu führte, dass sie so aussah, als ob wieder dichte Tabakschwaden durchs Café Gum zögen.

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