Überlebende der Flutkatastrophe 2021: „Unser größtes Problem war nicht der Extremregen“

taz: Frau Chemnitz, Sie kommen aus Schweinheim, das Dorf in NRW war 2021 stark von der Flut betroffen. Sie waren damals mittendrin.

Cornelia Chemnitz: Das kann man wohl sagen. Zu beiden Seiten unseres Hauses strömte das Wasser vorbei. Damals kam sehr viel zusammen: der Starkregen, das Hochwasser der Bäche, die Talsperre, die übergelaufen ist. Das Dorf liegt im Tal, da ist das alles zusammengeflossen. Außerdem sind hier im Frühjahr vor der Flut rund 1.000 Hektar Wald gerodet worden, wegen Hitzeschäden, die Bäume hatten Borkenkäfer. Der Wald erfüllt in einer Landschaft jedoch die wichtige Rolle, das Wasser über die Wurzeln in den Untergrund zu kriegen. Die Rodungsflächen waren zudem alle frisch befahren, der Boden war dadurch verdichtet, dort wuchs keine Vegetation mehr.

Im Interview: Cornelia Chemnitz

Cornelia Chemnitz hat die Flutkatastrophe 2021 miterlebt und beschloss, etwas gegen die Ursachen zu tun. Heute engagiert sie sich mit anderen Betroffenen für Klimaprojekte in der Region

taz: Das Wasser konnte also nicht versickern.

Chemnitz: Genau. Dazu kam, dass die Wochen zuvor sehr trocken gewesen waren. Der Boden hatte also nicht die Grundfeuchte, die er braucht, um Wasser aufzunehmen. Zumal es ja drei Tage lang extrem viel geregnet hat. Ich bin gleich nach der Flut mit dem Fahrrad um das Dorf gefahren, um zu sehen, wo das Regenwasser lang ist und was man tun kann, damit das nicht noch mal so schlimm passiert. Und da hab ich gesehen, dass die Waldwege komplett ausgespült waren. Das war auch die Idee, als man sie angelegt hatte: dass das Wasser von den Wegen in die Seitengräben fließt und dann ins nächste Gewässer. Damals hatte man aber solche Wetterextreme nicht. Jetzt muss man dafür sorgen, dass das Wasser wieder in die Waldfläche fließt. So wie früher.

taz: Das Wasser lief auch über die ausgetrockneten Felder.

Chemnitz: Ich muss mich outen: Ich bin Landschaftsplanerin, habe aber den Großteil meines Berufslebens in der Verwaltung gearbeitet und war damals an der Flurbereinigung beteiligt. Da wurden die durch Erbteilung stark parzellierten Felder wieder zu großen Flächen zusammengelegt. Dabei sind Säume und Randbepflanzung verloren gegangen. Die Büsche und Bäume fehlen jetzt, um das Wasser in den Boden zu bringen und zu speichern. Deswegen fallen auch die Agrarflächen schnell trocken.

taz: Also ist nicht das Wasser, sondern die Dürre das Problem?

Chemnitz: Ja, unser größtes Problem war nicht der Extremregen, sondern die trockenen Jahre zuvor. Wir müssen verstehen, dass dieses Problem mit dem Klimawandel zusammenhängt, also menschengemacht ist.

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Flutkatastrophe Ahrtal 2021

Auslöser: Nachdem das Tief „Bernd“ ab dem 12. Juli 2021 für massive Regenfälle gesorgt hat, tritt die Ahr am 14. Juli über die Ufer.

Todesopfer: Im Ahrtal allein kommen 135 Menschen ums Leben, in Deutschland insgesamt 183 Menschen, im benachbarten Belgien weitere 41.

Kosten: Laut Rückversicherer Swiss-Re verursacht die Katastrophe einen wirtschaftlichen Schaden in Höhe von mehr als 36 Milliarden Euro.

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taz: Aber was kann man als kleines Dorf dagegen tun?

Chemnitz: Das hab ich mich nach der Flut auch gefragt. Wie kommt man aus dieser Hilflosigkeit heraus? Dann hab ich in der Zeitung gelesen, dass eine Betroffene aus dem Nachbardorf einen Antrag auf Bildung einer LEADER-Region gestellt hat. Ich habe mich gleich bei ihr gemeldet.

taz: Was ist eine LEADER-Region?

Chemnitz: Das Modell der LEADER-Regionen ist von der Europäischen Union, das gibt’s schon seit über 30 Jahren. Die Idee ist, dass sich Bürger einer ländlichen Region nach dem Bottom-up-Prinzip zusammentun und Projekte initiieren, zusammen mit den Kommunen und anderen lokalen Akteuren. Bei uns ist das etwa der Erftverband, der für die Wasserversorgung zuständig ist. Über die Hälfte der Akteure müssen aber aus der Bürgerschaft kommen. Uns haben sich viele Leute und Vereine aus der ganzen Region angeschlossen.

taz: Und im Zentrum steht die Frage, wie man die Region vor Klimakatastrophen schützt?

Chemnitz: Ja, Starkregenschutz und Klimaanpassung sind für uns zentral. Ein Beispiel ist das Projekt zum Klimawandel-resilienten Wald. Es wurden schon Speichermulden im Wald geschaffen. Die Försterin hat außerdem halbdurchlässige Dämme gebaut, aus Zweigen und Reisig oder auch aus Brettern.

taz: Gibt es auch Projekte für das Grünland?

Chemnitz: Ja, in Queckenberg, oben am Hang, wollte ein Pärchen eine Landwirtschaft aufbauen, mit Ziegen und Hühnern in Bodenhaltung. Die hatten die Idee für einen Agroforst, bei dem man Nuss-, Obst- oder andere Bäume in die Agrarlandschaft integriert. Dazu kommen Muldenstreifen ins Grünland, die das Oberflächenwasser aufnehmen können. Dann ist das keine trockene Rampe mehr, über die das Wasser einfach rüberrauscht, so wie wir das bei der Flut gesehen haben. Gleichzeitig kommt das Wasser dem Baumhain zugute. Es hat eine Weile gedauert mit der Finanzierung, aber jetzt gab es endlich den ersten Spatenstich.

taz: Wie wird die Arbeit finanziert?

Chemnitz: Als LEADER-Region bekommen wir Mittel von der EU und dem Land NRW, damit können wir Projekte fördern. Unsere RegionalmanagerInnen beraten, wenn Leute mit Projektideen kommen, und sie helfen bei der Beantragung. Im Verein haben wir einen Lenkungskreis, in dem über die Anträge beraten und entschieden wird. Darin sitzen sowohl Ehrenamtliche wie ich und von Vereinen als auch Vertreter von kommunalen Stellen und Institutionen. Ich finde, dass sich diese Mischung bewährt, weil man auf niedrigschwellige Weise schnell zum Ziel kommt. Viel schneller, als wenn man den Weg über die Kommunalpolitik wählt.

taz: Auch mit der Wissenschaft kooperieren Sie.

Chemnitz: Ja, sehr viele Projekte haben einen Innovations- und Modellcharakter. Unser Wissen wollen wir außerdem teilen, zum Agroforst zum Beispiel, da wird es auch Workshops und Vorträge geben. Manchmal helfen wir aber auch nur bei der Vernetzung. Zum Beispiel gibt es ein Projekt von der Uni Bonn, da geht es um mehrjährige Ackerpflanzen wie den Miscanthus. Der hat ein besonderes Vermögen, Wasser zu halten und in den Boden zu bringen. Die Stadt Rheinbach, die auch bei uns vertreten ist, hat das jetzt aufgenommen, die fördern jetzt den Miscanthus-Anbau.

taz: Wie geht es Ihnen heute, fühlen Sie sich nun weniger hilflos?

Chemnitz: Ja, auf jeden Fall. Solche Projekte machen oft nicht viel Aufwand, sind in der Wirkung aber groß und können multipliziert werden. Ich hoffe sehr, dass die EU das LEADER-Projekt weiterführt, zurzeit steht die Finanzierung leider zur Diskussion.

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