Nach dem Anschlag von Schongau: Die Spuren des Täters und die Schlüsse daraus

Innerhalb der herrschenden Verhältnisse in Deutschland gibt es die unangenehme Tendenz, eine ideologisch motivierte Gewalttat erst einmal zu entpolitisieren. So hat es auch die bayerische Polizei nach dem Attentat in Schongau am 8. Juli 2026 getan.

Der erst 16 Jahre alte Täter hat auf dem von ihm besuchten Gymnasium zwei 13 Jahre alte Mädchen schwer mit einem Messer verletzt; außerdem war er mit einer mittels 3D-Drucker hergestellten Schrotflinte bewaffnet. Der Polizeisprecher sprach von „zufällig“ ausgewählten Zielen. Eine Auseinandersetzung mit dem auf einschlägigen Portalen veröffentlichten, 19 Seiten langen Manifest offenbart jedoch, dass der Jugendliche enge Bezüge zu menschenfeindlichen Communitys wie Incels, dem rechtsextremen Akzelerationismus oder auch der gewaltverherrlichenden „No Lives Matter“-Szene hatte.

Wahrscheinlich waren die Mädchen zufällig ausgewählt, aber es liegt nahe, dass er gezielt Mädchen angegriffen hat – der Text strotzt nur so vor Frauenverachtung. Weitere Aspekte sind Queerfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Hass auf Menschen mit Behinderung und ein generelles Überlegenheitsdenken gegenüber den Mitmenschen.

Das Dokument zeichnet das Bild eines Jungen, der sich über Jahre hinweg im Internet radikalisiert hat, im Online-Slang „Edgelord“ genannt. „Edgelords“ sind vor allem junge Männer, die sich Fatalismus und Zynismus hingeben und ihre Menschenverachtung performativ vor sich hertragen. Es deutet außerdem auf eine Tat hin, die durch ein stabiles Sozialsystem hätte verhindert werden können.

Denkmal

Der Text weist im Tenor starke Bezüge zu dem Manifest des (auch namentlich referenzierten) Incel-Attentäters Elliot R. auf, der 2014 in Kalifornien sechs Menschen ermordet und in einem 140 Seiten langen Schriftstück die Motivation seiner Tat erläutert hat. Ein grundlegender Aspekt bei diesem kontemporären Typus an rechtsextremen oder misogynen Tätern ist: sich selbst für die „Szene“ ein Denkmal setzen, zu einem sogenannten „Saint“, also einem „Heiligen“ aufsteigen.

Die Rechnung ist simpel: Je höher der „Highscore“ oder „Bodycount“, also die Anzahl der Opfer, desto besser. Der Täter von Schongau wollte „mindestens vier“ Menschen töten – zum Glück ist ihm dies nicht gelungen. Trotzdem hat er traumatisierte Mit­schü­le­r*in­nen und Familien hinterlassen.

Immer wieder verweist er auf Terroristen, Islamisten, Massenmörder und Amokläufer, die für ihn als Inspirationsquellen fungieren. Er schreibt von Gewalt, die er selbst erfahren hat – jedoch ist hier zu betonen, dass Verfasser solcher Manifeste immer aus ihrer eigenen narzisstischen Kränkung heraus schreiben. Er erzählt von einem gewalttätigen Vater, ohne jedoch auch nur einen Funken Empathie für die von häuslicher Gewalt betroffene Mutter aufbringen zu können. Im Gegenteil: sie ist für ihn eine „Narzisstin“ und strafende Instanz, die sich herausnimmt, von ihm den Besuch eines Gymnasiums und gute Noten zu fordern.

Auch hier findet sich eine Parallele zu Elliot R.: der Hass auf die Mutter. Dieser wird in einer generellen Misogynie weiter geführt: Mädchen sind für ihn „Foids“ – „Female Androids“, der dehumanisierende Incel-Begriff für Frauen. Diese seien „hypergam“, würden also nur Männer begehren, die ihnen einen Status-Aufstieg versprechen. Gleichzeitig wünscht er sich eine Partnerin, die ihn versteht, seine Interessen teilt und ihn aus seinem Umfeld rettet – ein wiederkehrendes Moment bei Incels, bei denen Frauen nur als entweder unrealistisch überhöhte Projektionsfläche oder Objekt der Abwertung herhalten, die „Heilige-Hure-Dichotomie“ in Reinform. Er behauptet zwar, sich nicht als Incel zu identifizieren, aber seine Sprache und Ideologie machen den Bezug deutlich.

Der rote Faden im Text ist die Verachtung anderer Menschen. Er hasst Queers, dicke Menschen, Behinderte: Er zeigt das Bild eines japanischen Massenmörders, der 2016 neunzehn Bewohnende einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung massakriert hat. Jü­din­nen*­Ju­den und Mus­li­m*in­nen deklariert er konsequent mit diskriminierenden Schimpfworten, er referenziert antisemitische Verschwörungsnarrative. Auch seinen Mit­schü­le­r*in­nen und Nach­ba­r*in­nen bringt er nur Hass entgegen: Dorftrottel, „Untermenschen“, „degenerierter Abschaum“.

Er selbst sei ihnen intellektuell und ideologisch weit voraus – das Spannungsverhältnis zwischen der eigenen narzisstischen Selbstüberhöhung bei einem Bruch mit der öffentlichen, auf Abwertung basierenden Wahrnehmung durch das soziale Umfeld ist ein wiederkehrendes Moment gerade bei Attentätern aus der Incel-Szene. Er schreibt von Mobbing-Erfahrungen durch seine Mitschüler*innen, eine tiefe Verletzung gerade in Bezug auf die eigene wahrgenommene Überlegenheit.

Gewalt als Wiedergutmachung

Die Wiedergutmachung dieser Kränkung ist Gewalt: Er hätte Gore-Content, also extrem gewaltvolle Inhalte, konsumiert. Das ganze Manifest ist eine Aneinanderreihung elaborierter Gewaltfantasien. Er bezeichnet den Livestream des antimuslimisch-rassistischen Anschlags von Christchurch 2019 als eine Art Erweckungsmoment. Er hatte auch überlegt, ein Geflüchtetenheim anzugreifen, der Rassismus des Täters ist also unmöglich zu verleugnen.

Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit schreibt in seinem Buch von einem „Lachen der Täter“: (vor allem) Männer, die die Gewaltausübung gegen andere libidinös besetzt haben. In seinem Buch „Angry White Men“ analysiert der Soziologe Michael Kimmel die Sozialpsychologie von Amokläufern und Rechtsterroristen. Er argumentiert, dass die erfahrenen Demütigungen und Kränkungen als Entmännlichung aufgefasst werden. Die mobbenden Mitschüler haben ihn also in seiner Vorstellung quasi kastriert.

Gewalt ist in patriarchalen Verhältnissen ausgesprochen männlich besetzt. Die Rache an den eigenen (vermeintlichen) Peinigern ist ein Akt der Resouveränisierung von Männlichkeit. Der Täter ist kein Versager mehr, der nichts zu verlieren hat, sondern hat seine eigene Hoffnungslosigkeit in einen historischen Moment umgewandelt.

Wenn wir also über Schongau sprechen, kommen wir nicht umhin, über gekränkte Männlichkeit und patriarchale Gewalt zu sprechen. Bedauerlicherweise ist Mobbing Alltag an Schulen. Aber Amokläufe durch Mädchen oder queere Jugendliche sind Ausnahmeerscheinungen, die durch heterosexuelle cis Jungen die Regel.

Hier ist es notwendig, die Familienverhältnisse des 16-Jährigen zu untersuchen. Söhne gewalttätiger Männer üben diese im späteren Leben oft selbst aus, anstatt sie zu hinterfragen und überwinden zu wollen. Seine Mutter hat anscheinend häufiger versucht, den Vater zu verlassen, ist aber aufgrund der üblichen strukturellen Umstände, mit denen Opfer missbräuchlicher Beziehungen konfrontiert sind, gescheitert. Eventuell hätte dieser Angriff auf zwei Mädchen verhindert werden können, wenn es stabile Strukturen gegeben hätte, die die Frau und ihren Sohn hätten auffangen können. Online-Szenen wie „No Lives Matter“ greifen diese Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit auf, in dem sie ihnen das Versprechen der Machtausübung gegen andere entgegensetzen.

Eine adäquate Antwort ist also weniger ein stärkeres Strafmaß, der Mythos von unverstandenen „Einzeltätern“, das rassistische Narrativ des migrantisierten Frauenhasses, sondern Präventionsarbeit: Schutz von Gewalt betroffener Frauen, digital Streetwork im Internet, Deplatforming menschenfeindlicher Akteure, ein sicherer Zugang zu Therapie, und vor allem: profeministische Jungenarbeit. Doch genau diese Maßnahmen sind durch die Große Koalition von großflächigen Kürzungen betroffen. Wenn wir nicht konsequent die strukturellen Ursachen dieser Tat begreifen und bekämpfen, wird sich eine Gewalttat wie Schongau früher oder später wiederholen.

  • informationsspiegel

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