Die Wahrheit: Verscheiden in der Besoldungsgruppe A

Ich soll mich hier wegen meiner Krankschreibung melden“, ruft Einzelhandelskauffrau Samira Höppner aus Hannover durch die geöffnete Tür der Sanitätsbaracke. Die 56-Jährige hat sich gleich am ersten Krankheitstag zur Finn-Wolfhard-Kaserne vor den Toren der Heidestadt Lönnesen geschleppt, um an einem Pilotprojekt teilzunehmen, das die Minister für Soziales, Gesundheit und andere Orchideenfächer zusammen mit Verteidigungsboss Pistorius bei einem gemeinsamen Manöver in der Bundestagskantine ausbaldowert haben.

Nachdem Bundeskanzler Merz bei der Regierungserklärung erneut bekräftigt hat, den Sozialstaat zugunsten der Landesverteidigung sturmreif schießen zu lassen, wollen die bedrängten Zivilressorts von der prall gefüllten Kriegskasse der Bundeswehr profitieren. Außerdem soll eine robuste militärische Ansprache Sozialmissbrauch im Keim ersticken, über sämtliche Leistungen darf künftig nach Kriegsrecht entschieden werden.

„Dual Use“ heißt das Zauberwort, das die Bundespolitiker in mühevoller Kleinarbeit aus dem Englischen übersetzt haben. Zwiefach soll künftig der Gebrauch sein, der von der üppigen militärischen Infrastruktur gemacht wird, die das Sondervermögen in die deutsche Landschaft gespült hat.

Brandneuer Stützpunkt

In der struppigen Besenheide vor Lönnesen wurde ein brandneuer Truppenstützpunkt aus dem sandigen Boden gestampft, der den künftigen Aufwuchs der Bundeswehr behausen soll. Doch noch stehen Kasernen, Kasinos und Kampfbahnen leer. Die wehrfähige Jugend mag dem Ruf zu den Waffen einfach nicht folgen. Nur 530 Rekruten haben sich zuletzt zum Freiwilligen Wehrdienst verpflichten lassen, dabei wurden 300.000 persönlich gestaltete Einladungen verschickt. Zwecklos: „Irgendwas ohne sterben“ bleibt beliebtester Berufswunsch der unbelehrbar lebenslustigen Jugend.

Dabei wurden die Lönnesen-Kasernen eigens nicht nach halb vergessenen preußischen Boomer-Militärs wie Heinz Schenk Graf von Stauffenberg oder Theon Greyjoy von Gneisenau benannt. Vielmehr heißen die Häuser nach Gen-Z-Idolen aus dem Serienblockbuster „Stranger Things“, in dem halbe Kinder gegen russische Brutalos und gesetzlose US-Truppen kämpfen müssen, wenn sie nicht gerade von Monstern massakriert werden. Im Grunde eine gelungene Darstellung der Position einer militärisch bedeutungslosen Mittelmacht in der multipolaren Welt.

&#xE80F

Innere Führung wird inzwischen tänzerisch auf Tiktok vermittelt

Doch nicht nur die Namen der Kasernen sind kindersoldatengerecht, an Ballerkonsolen können sich die Wehrbereiten spielerisch als Drohnenpiloten beweisen, und die Innere Führung wird inzwischen tänzerisch auf Tiktok vermittelt. WLAN gibt es am Stützpunkt allerdings nur bei günstiger Witterung, und Waffen sind ebenfalls Mangelware. Heimische Lieferanten wie Rheinmetall verfranzen sich in Großprojekten, und US-Importe stehen unter Trump-Vorbehalt: Immer wenn sich der Kanzler beim Schulbesuch im Sauer­land oder sonstwo verplappert, verspätet sich das Schießgerät um etliche Truth-Social-Tweets, so dass die Lönnesener Waffenkämmerer meist Däumchen drehen.

Beschäftigungslos waren bislang auch Verwaltungsfachkräfte, Stabsärzte und Sanitätsoffiziere der Einrichtung, die wie feldgraue Geister durch die leeren Gänge schlurften. Doch nun dürfen die Militärmediziner ihr scharfes Auge auf mutmaßliche Drückeberger wie Frau Höppner werfen. Wehrverwalter und Schleifer sollen wiederum den lästigen Kunden der Sozialsysteme Beine machen, denn Schlendrian und lasche Haltung werden im Merz-Deutschland unterhalb der Führungsebene nicht mehr geduldet.

Fußmarsch zur Kaserne

„Das ist eine tolle Verbesserung“, freut sich die chronisch kranke Verkäuferin. „So schnell habe ich noch nie einen Termin bekommen, und die Schlange vor der Praxis meines Hausarztes führte ohnehin zur Stadt hinaus.“ Die Rheumapatientin hat einen Fußmarsch von 100 Kilometern zur Kaserne hinter sich. Für diese Leistung bekommt die Einzelhandelskauffrau einen Lolli aus der Gulasch­kanone zur Belohnung und wird mit T1 als „voll wehrdienstfähig“ für den Job an der Ladenkasse gemustert.

„Schade, ich dachte, ich werde KZH“, meint die Verkäuferin, doch der beliebte militärische Dienstgrad „Krank zu Hause“ steht ihr erst zu, wenn sie bei der Truppe unterschreibt und sich fest zwischen zwei und 17 Jahre lang beim Bund verpflichtet.

Zusammen mit Feldwebel Brühmann schaut sich die Midijobberin eine geräumige Wohnstatt in der Millie-­Bobby-Brown-Kaserne für Mädchen in Uniform an. „2.800 Euro sind aber ganz schön viel“, meint die Verkäuferin, die künftig noch weniger Wohngeld bekommen soll. Doch mit der Summe ist nicht die Miete, sondern der Grund­sold gemeint, der Samira Höppner beim Bezug der Stube monatlich ausgezahlt würde.

„Ob ich bei der Arbeit von den Kunden oder vom Spieß angeschrien werde, ist eigentlich auch egal“, beginnt sich die 56-Jährige für eine späte Militärlaufbahn zu erwärmen. Ein älterer Herr mit Anspruch auf Grundsicherung pflichtet ihr bei, nachdem Feldwebel Brühmann ihn nach allen Regeln des Drills zusammengefaltet hat: Derart zuvorkommend sei er auf dem Amt noch nie angebrüllt worden. Außerdem ließe seine Sachbearbeiterin ihn bei Widerspruch weitaus mehr Liegestützen machen.

Dienst im letzten Drittel

Schon klopft der nächste Interessent ans Kasernentor. Dem 63-jährigen Kassenpatienten aus Uelzen hat ein Dentist gesteckt, dass bisweilen sogar Zahnersatz in der unentgeltlichen truppenärztlichen Versorgung enthalten ist. „Wie geil ist das denn?“, pfeift der krumm gesessene Fernfahrer durch seine Lücken und lässt sich widerstandslos zum Militärdienst im letzten Lebensdrittel pressen.

Wohnungsnot, mangelnde ärztliche Versorgung, Altersarmut und Sozialkürzungen lassen den Strom der Besucher nicht abreißen, doch verfehlt der raue Kasernenhofton seine strategisch beabsichtigte Wirkung. Umgehend entschließen sich alle Kunden, das entbehrungsreiche zivile Leben hinter sich zu lassen, um bei der vollversorgten Truppe eine ruhige Kugel zu schieben. „Kugeln sind gerade aus“, warnt Feldwebel Brühmann, doch auch das schreckt hier niemanden. An Versorgungslücken ist diese Klientel gewöhnt.

Innerhalb eines einzigen Tages füllen sich die Kasernen Lönnesens mit überwiegend grauhaarigen Rekruten aus prekären Lebenslagen. „Etwas Besseres als den Tod findet man hier vielleicht nicht“, fasst eine Gruppe langzeitarbeitsloser Jazzrockmusiker aus Bremen die allgemeine Stimmung unter den Nachwuchsmilitärs zusammen. „Aber immerhin den Tod in der Besoldungsgruppe A.“

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Jens Spahns Leihmutter-Kind: Auch in der CDU regen sich die Rücktrittsforderungen
    • July 18, 2026

    Der erste CDU-Landesverband fordert Rücktritt Spahns in der Leihmutterschaftsdebatte. Bundeskanzler Merz will den Fall im CDU-Präsidium diskutieren. mehr…

    Weiterlesen
    Party für Millennials: Aura wieder aufgeladen
    • July 18, 2026

    Millennials haben Sorge vor der Zukunft, suchen nach der Liebe und günstigen Mietwohnungen. Doch eine gute Party lässt die Sorgen vergessen. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Jens Spahns Leihmutter-Kind: Auch in der CDU regen sich die Rücktrittsforderungen

    • 5 views
    Jens Spahns Leihmutter-Kind: Auch in der CDU regen sich die Rücktrittsforderungen

    Party für Millennials: Aura wieder aufgeladen

    • 6 views
    Party für Millennials: Aura wieder aufgeladen

    Die Wahrheit: Verscheiden in der Besoldungsgruppe A

    • 5 views
    Die Wahrheit: Verscheiden in der Besoldungsgruppe A

    Nach dem Anschlag von Schongau: Die Spuren des Täters und die Schlüsse daraus

    • 4 views
    Nach dem Anschlag von Schongau: Die Spuren des Täters und die Schlüsse daraus

    Wochentaz-Podcast: Hitzefrei fürs Hirn

    • 5 views
    Wochentaz-Podcast: Hitzefrei fürs Hirn

    Machtkampf zwischen Weidel und AfD NRW: Mittelfinger für „Alice Merkel“

    • 5 views
    Machtkampf zwischen Weidel und AfD NRW: Mittelfinger für „Alice Merkel“