
„Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr als die Deutschen“, sagte Bundeskanzler Merz am Sonntag im ZDF-Sommerinterview. Er unterstelle niemandem persönliche Faulheit, aber die Produktivität in Deutschland sei zu gering.
Laut Schweizer Bundesamt für Statistik arbeiten die Vollzeitbeschäftigen in der Eidgenossenschaft 42,4 Stunden in der Woche. Die Deutschen hingegen nur 38,4 Stunden. Demnach würde Merz’ Rechnung auf das Jahr gesehen in etwa aufgehen. Schaut man sich die Zahlen des Deutschen Statistischen Bundesamts zu den wöchentlichen Arbeitszeiten aller Beschäftigten (Voll- und Teilzeit) an, schmilzt der Vorsprung der Schweizer auf unter eine Stunde pro Woche ab.
Was Merz gefallen dürfte, ist, dass einige Deutsche besonders viel arbeiten: Das Statistische Bundesamt veröffentlichte am Donnerstag Zahlen für das Jahr 2025, wonach 7,1 Prozent der Vollzeitbeschäftigten 49 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten. Vor allem Selbstständige sind von diesen „überlangen Arbeitszeiten“ betroffen.
Während nur 1,4 Prozent der jüngeren Vollzeiterwerbstätigen bis 24 Jahre mindestens 49 Stunden in der Woche arbeiten, sind es bei den 55- bis 64-Jährigen 9,6 Prozent. Grund dafür sei unter anderem, dass Führungskräfte in der Regel ältere Männer seien, die aufgrund ihre Position länger arbeiten würden. Obwohl rund die Hälfte aller Erwerbstätigen Frauen sind, sind nur knapp ein Drittel in Führungspositionen vertreten.
Teilzeit als Notlösung
Für 4,9 Prozent aller gut 13 Millionen Teilzeitbeschäftigten ist die Teilzeitarbeit laut Statistischem Bundesamt eine Notlösung. Der Grund für sie, in Teilzeit zu arbeiten, sei, dass sie keine Vollzeitstelle finden würden.
Alleinerziehende Mütter arbeiten häufiger in Vollzeit als Mütter in einer Partnerschaft. 38,6 Prozent der alleinerziehenden Mütter mit Kindern unter 18 Jahren sind vollzeitbeschäftigt. Bei Müttern, die in einer Ehe oder Lebensgemeinschaft leben, liegt der Anteil bei 30,7 Prozent. Alleinerziehende Väter arbeiten hingegen seltener in Vollzeit als Väter in einer Partnerschaft. Insgesamt sind die meisten Alleinerziehenden Frauen.
Sie könnten bald von Kürzungen betroffen sein: Wenn ein Elternteil den Unterhalt für ein Kind nicht oder nur teilweise zahlt, kann der alleinerziehende Elternteil den sogenannten Unterhaltsvorschuss bekommen. Der Staat versucht das Geld dann von dem unterhaltspflichtigen Elternteil wieder einzutreiben – in der Regel von den Vätern. Die Bundesregierung plant diesen Vorschuss nur noch für Kinder unter 16 Jahren auszuzahlen. Bisher liegt die Altersgrenze bei 18 Jahren.
Alleinerziehende und ihre Kinder seien besonders stark von Armut gefährdet, gibt das Statistische Bundesamt bekannt. Ihr Einkommen liegt im Vergleich zu Familien mit zwei Elternteilen mehr als doppelt so oft unter der Armutsgefährdungsgrenze.
Misbah Khan sitzt als Familienpolitikerin für die Grünen im Bundestag. Sie sagt der taz: „Alleinerziehende und ihre Kinder sind schon heute in hohem Maße von Armut betroffen.“ Die geplante Kürzung des Unterhaltsvorschusses drohe die Lage noch mal zu verschärfen. Steigende Lebenshaltungskosten und „horrende Mieten“ belasteten Alleinerziehende deutlich. Wenn der andere Elternteil keinen Unterhalt zahle, reiche das Geld trotz Berufstätigkeit oft nicht aus.






