Frankreich-Rundfahrt der Radprofis: Der Mythos wird müde

Am Freitag und Samstag erobert das Peloton der Tour de France gleich zweimal L’Alpe d’Huez. Einmal, am Freitag, über die bekannten, mit Geschichten aufgeladenen 21 Kehren hinauf zum Skiort. Tags darauf pirschen sich die 164 Fahrer nicht vom Tal von Le Bourg d’Oisans, sondern in einer weiten Schleife über die Cols Croix de Fer, Telegraphe und Galibier an den alten Ziegenpfad über den Col de Sarenne heran, der sie von hinten nach L’Alpe d’Huez heranbringt.

Vom Profil her ist diese 20. Etappe die spektakulärste dieser Tour. Sie löst bei so ziemlich allen, die beim großen Zirkus Tour de France mitreisen, Vorfreude bis Begeisterung aus. Der Deutsche Meister Felix Engelhardt etwa freut sich, bei seiner Debüttour überhaupt erstmals im Wettkampf zur Alpe hochzustiefeln. Er kann sich, wie er sagt, gar nicht recht entscheiden, ob ihn mehr die traditionelle Auffahrt oder die neue große Runde über den Col de Sarenne reizt. Sein Schweizer Teamkollege bei Jayco AlUla, Mauro Schmid, bereits Etappensieger bei dieser Tour, freut sich vor allem auf die Massen an Fans und die Stimmung, die zwei Tage lang am Berg herrscht.

L’Alpe d’Huez hat sich als ultimativer Spektakelort der Tour de France herauskristallisiert. Das war im Jahr 1952 noch nicht abzusehen, als der Italiener Fausto Coppi als Erster die Alpe erklomm. Auf Fotos sieht man ihn vor einer Minikarawane aus Motorrädern und dem Fahrzeug des damaligen Tourdirektors nach oben stürmen. Am Rand der Straße stand damals niemand. Kein Tourist, kein Radsportfanatiker machte sich damals zur Alpe auf.

Sie war damals beileibe nicht das größte Radstadion der Welt, als das sie mittlerweile vermarktet wird. Die Szenerie oben am Ziel war damals derart spartanisch, dass der damalige Tourdirektor Jacques Goddet ernüchtert notierte: „Es gibt keinen Grund, sich für weitere Bergankünfte einzusetzen.“ Die Alpe geriet in Vergessenheit. Die Murmeltiere, die damals Coppis wohl zahlreichste Augenzeugen waren, konnten sich wieder ihrem gewohnten Leben zwischen Höhlen und Wiesen hingeben.

Die großen Duelle am Berg

Erst 1976 kehrte die Tour nach L’Alpe d’Huez zurück. Damals begann das Oranje-Spektakel mit sieben Siegen niederländischer Radprofis binnen 14 Jahren. Das mündete später in Bierzapfanlage und DJ-Boxen in der sogenannten „Holländerkurve“. Zum sportlichen Legendenstatus trug unter anderem die Austragung 1989 bei, als Laurent Fignon seinem US-amerikanischen Rivalen Greg Lemond hier mehr als eine Minute abnahm, um in Paris dann doch mit winzigen acht Sekunden Rückstand zu verlieren. 1997 stiefelte hier „il pirata“ Marco Pantani Jan Ullrich davon. 1986 wiederum war dadurch gekennzeichnet, dass Lemond und Bernard Hinault Arm in Arm den Zielstrich überquerten.

„Ikonisch werden solche Anstiege nicht durch ihre Härte, sondern über die Geschichten, die sie schreiben“, meint Tadej Pogačar und hat recht. Das Problem des Slowenen aber ist: Um selbst in den Geschichtsbüchern zum L’Alpe-Helden zu werden sind ihm die ebenbürtigen Rivalen abhandengekommen. Der einzige, dem man dies hätte zutrauen können, war der Däne Jonas Vingegaard. Doch der ist nach Sturz und Schlüsselbeinbruch bereits in seine Heimat zurückgekehrt.

Damit geht auch das Szenario des aktuellen Tour-Chefs Christian Prudhomme nicht auf. Der hatte das doppelte L’Alpe-d’Huez-Spektakel noch damit begründet, Langeweile in Sachen Gesamtklassement vermeiden zu wollen. „Wir versuchen, die Spannung bis zum Ende aufrechtzuerhalten“, sagte er bei der Vorstellung vor allem der zweiten L’Alpe-d’Huez-Etappe über den Col de Sarenne. Diesen Spannungsbringer, der Pogačar herausfordert, sucht man nach dem Abgang Vingegaards und angesichts des komfortablen Vorsprungs des Slowenen auf den Rest allerdings vergebens.

So rückt denn auch der Protest von Umweltschutzgruppen stärker in den Fokus. Mehr als 15.000 Menschen unterzeichneten die Petition „Nein zur Tour über den Col de Sarenne“. Denn der einstige Ziegenpfad führt durch den Nationalpark Ecrins, in dem unter anderem die Nachfahren der Murmeltiere, die einst Coppi sahen, ein weiterhin geschütztes Leben führen. In­itia­to­r*in­nen und Un­ter­zeich­ne­r*in­nen der Petition fürchten nicht nur, dass seltene Pflanzen zertrampelt und geschützte Tiere verscheucht werden. „Viele Investoren wollen gern das Skigebiet von L’Alpe d’Huez ausweiten und schielen deshalb nach dem Col de Sarenne. Langfristig bedeutet die Passage der Tour de France einen weiteren Schritt hin zu massiver Überentwicklung“, heißt es in der Petition.

So wie Künst­le­r*in­nen oft die Avantgarde der Gentrifizierung in Städten sind, drohen Radprofis und Fans zu Vorreitern der Naturzerstörung zu werden. Das ist die dunkle Seite des Mythos L’Alpe d’Huez.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    „Gen Z regelt“-Demonstrationen: Eine Bühne für die Unzufriedenheit
    • November 1, 2026

    In Hamburg, Berlin und Erfurt bleiben die Proteste eher ruhig. Nur nach dem Ende der Kundgebungen werden mancherorts Böller oder Steine geworfen. mehr…

    Weiterlesen
    Debatte: Krieg gegen die Natur
    • November 1, 2026

    Der Gipfel zur Biodiversität hat wichtige Beschlüsse gefasst, doch mit der Land- und Forstwirtschaft wird weiter der eigene Untergang subventioniert. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    „Gen Z regelt“-Demonstrationen: Eine Bühne für die Unzufriedenheit

    • 7 views
    „Gen Z regelt“-Demonstrationen: Eine Bühne für die Unzufriedenheit

    Debatte: Krieg gegen die Natur

    • 7 views
    Debatte: Krieg gegen die Natur

    Gasspeicher nicht gut gefüllt: Zielverfehlung mit Ansage

    • 7 views
    Gasspeicher nicht gut gefüllt: Zielverfehlung mit Ansage

    Nach Gen-Z-regelt-Protest in Frankfurt: 54 Festnahmen nach Ausschreitungen

    • 9 views
    Nach Gen-Z-regelt-Protest in Frankfurt: 54 Festnahmen nach Ausschreitungen

    Frontstadt Oleschky: Trotz erfolgreicher Evakuierung wenig Hoffnung auf Frieden

    • 7 views
    Frontstadt Oleschky: Trotz erfolgreicher Evakuierung wenig Hoffnung auf Frieden

    Folgen der neuen Grundsicherung: Bloß nicht für die Kinder sparen

    • 7 views
    Folgen der neuen Grundsicherung: Bloß nicht für die Kinder sparen