Heilbronn, siebtgrößte Stadt Baden-Württembergs, machte im April dieses Jahres Schlagzeilen. Die Stadt, die sich nördlich von Stuttgart umgeben von Weinbergen an den Neckar schmiegt, verfüge über die höchste Kaufkraft des Landes, hieß es. Eine neue Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft hatte das ergeben. Erstaunlich könnte man das finden, wenn man sich durch die eigentlich wenig auffällige Innenstadt bewegt, wo man vor ein paar Jahren noch über eine Obergrenze von Dönerläden diskutierte. Heilbronn eben ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig aussagekräftig Durchschnittswerte sind: Die Statistiken verzerrt eine ansässige Familie, die den Nachnamen Schwarz trägt. Schwarz, wie Dieter Schwarz, Gründer der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), reichster Mann Deutschlands.
Maßgeblich trägt jener auch dazu bei, dass sich die Stadt, die sich seit 2020 „Universitätsstadt“ nennen darf, gerade neu erfindet. Die Hochschule wächst seit Längerem, und jetzt entsteht noch ein 30 Hektar großer Innovationspark für Forschung und Firmen, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten.
Trotz dem, was da gerade so wächst und gedeiht, ist die Stadt regional eine AfD-Hochburg. Die genauen Gründe dafür wären interessant, auch als Folie, um durch sie auf die Ausstellung der Berliner Künstlerin Andrea Pichl zu schauen, die aktuell in der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann läuft. Um deutsche Geschichte, um Ideologien und wie diese sich durch die Zeit winden und um deren Spuren in Architekturen geht es da unter anderem.
Andrea Pichl: „deutsch deutsch“, Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn, bis 6. September. Katalog (Snoeck Verlagsgesellschaft): 48 Euro
=”” div=””>
Andrea Pichl, geboren 1964 in Haldensleben, Sachsen-Anhalt, hat in diesem Jahr den Ernst Franz Vogelmann-Preis für zeitgenössische Skulptur erhalten, der mit 30.000 Euro dotiert und mit einer Einzelausstellung in Heilbronn verbunden ist. Mit Pichl ging er erstmals an eine in der DDR geborene Künstlerin, noch dazu an eine, deren Kunst von ihrem Aufwachsen in der DDR und dem Erleben der Wende und deren Folgen geprägt ist.
Schließt an Ausstellung im Hamburger Bahnhof an
Ziemlich weit weg von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze liegt Heilbronn, das lokale Publikum wird einige der Anspielungen weniger schnell lesen können als jenes aus Berlin, wo Pichl im vergangenen Jahr im Hamburger Bahnhof eine Einzelausstellung hatte, auf die die aktuelle aufbaut. Die „architektonischen Baukörper“ etwa, für die sich die konzeptuell arbeitende Bildhauerin interessiert.
Gleich im ersten Raum begegnet man so einem, dem Nachbau eines Kassenhäuschens, wie es einst im VEB Kulturpark im Ostberliner Plänterwald stand. Der Vergnügungspark war in den 1980er Jahren zumindest zeitweise auch Treffpunkt von Ostpunks. Scheinbar geduldet war deren Anwesenheit, bis es zum Konflikt kam. Von der brutalen Auflösung einer Sitzblockade durch Sicherheitskräfte ist im Text die Rede, der im Raum ausliegt, in dem Bilder aus trutschig-praktischen Kunststoffteppichen bedruckt mit den skelettartigen Überresten der Toilettenanlage einer ehemaligen Gaststätte in Ostberlin das Häuschen einrahmen.
Geradezu vorbildlich aufbereitet ist die Ausstellung, die die Künstlerin selbst gemeinsam mit Rita E. Täuber von der Kunsthalle Vogelmann kuratiert hat. In jedem Raum hängen solche Texte, die einordnen und Hintergründe liefern. Didaktisch könnte man das nennen. Oder sich einfach darüber freuen, dass sich da richtig viel Mühe gegeben wurde, das Publikum abzuholen.
Pichl nimmt in der Ausstellung insbesondere die Wirtschaftsbeziehungen zwischen DDR und BRD und deren Nachwirkungen in den Blick. Den Devisenhandel, den Warenverkehr. Um Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen geht es, von denen auch Westfirmen wie Ikea, Otto oder Salamander profitierten, um Giftmüllentsorgung, die Abwicklung von Ostbetrieben nach der Wende. Um Brüche und um Kontinuitäten.
Fundstücke, Skulpturen und Zeichnungen
Im Erdgeschoss stellt Pichl Bezüge etwa mit Volker Koepps Langzeitdokumentation „Wittstock Wittstock“ über drei Frauen aus dem VEB Obertrikotagenbetrieb Ernst Lück her. Mit Arbeiterinnenfotografien von Helga Paris und Bildern des DDR-Reporters Reinhard Mende. Und – als Sinnbild für die Doppelmoral der Mächtigen – mit einer Aufnahme aus dem Stasi-Archiv, auf dem Mitarbeitende des Ministeriums für Staatssicherheit heimlich Yoga praktizieren.
Pichl bearbeitet ihre Themen mit Fundstücken, Skulpturen und Zeichnungen. In die beiden Obergeschosse hat sie Nachbauten von DDR-Lauben, NS-Behelfsheimen – da schon setzt Pichl mit ihren Recherchen an – und aktuellen Baumarktgartenhäuschen gestellt. Äußerlich weisen sie Ähnlichkeiten auf, vergleichbar erscheinen sie auch darin, wie sie in standardisierter Form und ideologisch aufgeladen Vorstellungen eines privaten Glücks propagieren, nur eben in anderen Kontexten.
Drinnen hängen allerlei Buntstiftzeichnungen, vermeintlich harmlose Stillleben, Details etwa von Wohnhäusern der DDR-Politprominenz. Filmaufnahmen verfallener DDR-Plattenbauten sieht man an anderer Stelle. An wieder anderer im Westen verkaufte Strumpfwaren aus DDR-Zwangsarbeit. Zum genauen Hinschauen lädt das alles ein, nicht nur in der Ausstellung, sondern auch im täglichen Umfeld.






