Wenn jemand mich bei einer öffentlichen Veranstaltung damit vorstellt, dass Magdeburg meine Heimatstadt sei, fühlt sich das für mich wie eine Behauptung an, die mir nicht behagt. Ja, ich bin dort geboren und habe dort gelebt, bis ich volljährig war. Aber Heimat? Wäre dann, analog, die DDR mein Heimatland? Das hieße ja, dass man sich Heimat nicht aussuchen kann, dass sie Schicksal ist. Noch so ein Wort aus der nationalen Mottenkiste.
Das Grimm’sche Wörterbuch sieht in der „heimat“ neben dem Geburtsort: „patria, domicium. das land oder auch nur der landstrich, in dem man (…) bleibenden aufenthalt hat“. Meinen bleibenden Aufenthalt habe ich mir selbst gesucht, als ich volljährig war. Ich wollte auf der Straße nicht mehr damit beschimpft werden, dass man vergessen habe, mich zu vergasen, ich wollte nicht von der Polizei angehalten werden, weil ich mir auf der Brücke die Haare kämme, ich wollte nicht wegen melancholischer Texte zum Psychiater geschickt werden und mich vor dem Brigadier der Patenbrigade der Stahlgießerei nicht rechtfertigen müssen, dass sich meine Gedichte nicht reimten.
Ich wollte eine freie Künstlerin sein, und das konnte ich in den engen Verhältnissen meiner Geburtsstadt nicht. Also suchte ich mir ein neues Zuhause – Berlin. Das ist jetzt 44 Jahre her. Ich habe allerdings nie den Kontakt zu Magdeburg verloren, denn ich habe dort Familie und viele Geschichten im Kopf, die sich lohnen, erzählt zu werden. Es geht mir dabei wie Uwe Johnson, der in seinem Text „Versuch, eine Mentalität zu erklären“, schreibt: „Hier ist eine Rechnung nicht abgeschlossen. Aber: Es gibt da auch Dinge, die der Regen nicht abwischt. Was da an Biographie gestiftet wurde, war immerhin nicht alles notwendig zum Leben.“ Es hat seinen Vorteil, in der Provinz aufgewachsen und später in eine Großstadt gegangen zu sein. Es ist diese doppelte Erfahrung.
Wetten, die Demokratie gewinnt?
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie unter taz.de/ltw26
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Das Internet kann eine sehr kalte Heimat sein
Es ist mir bis heute nicht gleichgültig, was mit und in Magdeburg passiert. Das lässt sich schon daran ablesen, dass ich mich immer ärgere, wenn auf Veranstaltungen, auf dem Bahnhof oder im Radio jemand das Wort Magdeburg falsch betont. Als wäre es die Mühe nicht wert, sich zu erkundigen. Der Glanz der Elbstädte fiel immer auf Dresden oder Hamburg, dabei hat die Stadt mit dem Magdeburger Recht im Mittelalter europäische Geschichte geschrieben. Es galt seit dem 12. Jahrhundert in über 1.000 Städten Mittel- und Osteuropas in verschiedenen, regional angepassten Formen und in seinen Ausläufern bis ins 19. Jahrhundert. Heute wird es als eine Geschichte der städtischen Selbstverwaltung und als Baustein für das moderne Europa beschrieben. In Magdeburg war diese Geschichte lange nicht der Erinnerung wert.
Es war leicht, nach den Jahren der Transformation, die aus der „Stadt des Schwermaschinenbaus“ einen Ort der Industriebrachen gemacht hatte, gekränkt zu sein. Die AfD hat aus dem Gekränktsein ein Geschäftsmodell gemacht, dessen Währung Schadenfreude und Fremdenfeindlichkeit sind.
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Bis vor Kurzem habe ich, wenn das Wort auf Heimat kam, ganz unsentimental behauptet: „Heimat ist dort, wo die Rechnungen ankommen.“ Aber dann fiel mir auf, dass die meisten Rechnungen inzwischen nicht mehr im Briefkasten, sondern im E-Mail-Postfach liegen. Das Internet kann eine sehr kalte Heimat sein, in der Leute pöbeln, für die die Würde des Menschen durchaus antastbar ist – für die Menschenrechte nur für ihresgleichen gelten und Demokratie heißt, dass die Mehrheit Minderheiten nicht schützt, sondern vernichtet, wenn nicht physisch, dann psychisch oder wenigstens finanziell. Die Schnittmenge dieser Leute mit der AfD ist groß.
Ich würde Patriot*in mit Gendersternchen schreiben
Im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt, mit dem sie die Zeit hundert Jahre zurückdrehen will, kommt 41 Mal in verschiedenen Varianten das Wort „Heimat“ vor. Der Begriff ist so eng, dass eigentlich nur AfD-Wähler*innen, die in Sachsen-Anhalt wohnen und einen sortenreinen Ahnenpass vorweisen können, ihr Umfeld als Heimat bezeichnen dürfen. Einmal mehr ein Grund, Heimat zurückzuerobern. Das Wort „Patriot“ in allen möglichen Varianten kommt 18 Mal im Programm vor. Ich finde, wir sollten auch diesen Begriff nicht der AfD überlassen, sondern auf der Definition im Film „Die Patriotin“ des großen, gerade verstorbenen Alexander Kluge beharren, der ein Weltbürger war, aber Halberstadt immer im Herzen behielt. Die Geschichtslehrerin Gabi Teichert gräbt in diesem Film nach den Wurzeln der deutschen Geschichte und fragt: Wie konnte es zum Faschismus kommen, zum Holocaust, zum Krieg. Unentwegt ist sie auf der Suche nach einer Republik, für die der Einsatz lohnt. Ich persönlich würde Patriot*in schön mit Gendersternchen schreiben, dem wirksamsten Abwehrzauber gegen die AfD.
Und wenn schon Heimat, dann sollten wir sie sowieso nur im Plural betrachten. Die Linke in Sachsen-Anhalt sieht das ähnlich. „Heimat ist für alle da“ ist eins ihrer Wahlkampfmotti. Aber wird das reichen? Im Berliner Haus der Kulturen der Welt gibt es seit zwei Jahren eine Reihe, die „Heimaten“ heißt und die Pluralität von Kunst und Kultur in der Bundesrepublik zeigt. Die kurdisch-syrische Lyrikerin Widad Nabi, mit der ich seit vielen Jahren ein literarisches Tandem bilde, hat dort über ihren Heimat- und Sprachbegriff gesprochen. Sie verglich ihre eigenen kulturellen Brüche mit der berühmten japanischen Keramikkunst, die Risse mit Gold repariert und so neue, einzigartige Werke schafft.
Mein Leben wäre so viel ärmer, hätte ich Widad nicht kennengelernt. Ich fürchte, sie wäre in Sachsen-Anhalt nicht sicher. Die AfD Sachsen-Anhalt kündigt für den Fall einer Regierungsübernahme eine „neue patriotische Kulturpolitik“ an. Was nichts anderes heißt als Pflege des Deutschtums, für das die Geschichte dann kräftig ideologisch zurechtgebogen wird. Die Kulturinstitutionen Sachsen-Anhalts haben sich zusammengeschlossen, um der nationalistischen Instrumentalisierung von Geschichte und Kultur entgegenzutreten. „Wir warnen vor einer Entwicklung, die die Freiheit der Kunst, die Offenheit kultureller Institutionen und die demokratisch verankerte Erinnerungskultur grundlegend in Frage stellt“, schreiben sie in einem Statement.
Es braucht eine Neugierde auf fremde Einblicke
Seit ein paar Jahren bin ich wieder gern in Magdeburg. Die Stadt hat sich dem Fluss zugewandt, sie hat wunderbare Parks und die Elbauenlandschaft, die Luft ist sauber. Es gibt Projekte der Zivilgesellschaft und viel Hoch-, Sozio- und Subkultur. Das Theater Magdeburg und das Puppentheater sind über die Grenzen der Stadt hinaus als innovativ bekannt. Von außen betrachtet frage ich mich, ob die Stadtregierung weiß, welchen Schatz sie da hat, der sich gegen Kräfte wie die AfD zu verteidigen lohnt. Ich habe da meine Zweifel, seit ich lesen musste, dass die Magdeburger Stadtschreiberstelle, in der eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller seit 2012 für ein halbes Jahr Stipendium und Wohnung in Magdeburg bekommt, für das nächste Jahr nicht mehr ausgeschrieben wird.
Die stellvertretende Oberbürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur, Regina-Dolores Stieler-Hinz, begründete das mit der „finanziellen und personalwirtschaftlichen Gesamtsituation“. Es geht um 15.000 Euro, jede Social-Media-Kampagne kostet mehr. Eigentlich gibt es kein preiswerteres Stadtmarketing als eine Stadtschreiber*innenstelle. Man muss natürlich auch wollen, dass jemand von außen kommt und die Stadt auf wohlwollende, kritische, in jedem Falle intellektuelle Art betrachtet. Es braucht eine Neugierde auf fremde Einblicke. Und ein Mindestmaß an Gastfreundschaft. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Verwaltung selbstständig einen Antrag der AfD umsetzte, der zuvor und über Jahre stets vom Stadtrat abgelehnt worden war. Das ist nun wahrlich ein kulturelles Armutszeugnis.
Annett Gröschner ist freie Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt erschien ihr Roman „Schwebende Lasten“, für den sie unter anderem mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.






