
D er Krieg in der Ukraine dauert inzwischen seit fast fünf Jahren an, und ein Ende ist weiterhin nicht in Sicht. Während all dieser beinahe fünf Jahre habe ich keine nachvollziehbare Erklärung dafür gefunden, warum Wladimir Putin diesen Krieg entfesselt hat.
Natürlich sind mir seine Motive bewusst: das Streben nach Macht und Geld sowie die Verwirklichung persönlicher Ambitionen. Sind mir aber diese Motive nachvollziehbar? Nein. Könnte ich, wenn ich meine Interessen im Auge habe, auch nur ein einziges Menschenleben opfern? Nein. Würde ich, wenn ich Blutvergießen verhindern könnte, dies tun? Ja. Das würde ich. Mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.
Gerade deshalb ist für mich unbegreiflich, wie im 21. Jahrhundert ein derart grausamer Krieg entfesselt werden konnte. Und ich glaube, mit diesem Unverständnis bin ich nicht allein. Millionen von Menschen betrachten das Handeln Russlands auf dieselbe Weise.
Durch Spenden an die taz panterstiftung werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen der Projekte „Tagebuch Krieg und Frieden“ sowie „Unser Fenster nach Russland, Belarus und in andere postsowjetische Länder“ finanziell unterstützt. Am letzten Tag jedes Monats erscheint unser Podcast “Freie Rede”, in dem Stimmen aus Projekten der Stiftung zu Wort kommen.
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Kasachstans Wendung
Zu denjenigen, die den Krieg „nicht verstehen“, hat sich vor Kurzem auch der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew gesellt. Bei einem Treffen mit Wladimir Putin in Omsk erklärte er vor den anwesenden Journalisten öffentlich, dass „die Natur dieses Konflikts für viele nicht ganz verständlich ist – auch für uns“. In seiner rund vierminütigen Rede sprach sich Tokajew zudem dafür aus, den Konflikt einzufrieren und zu Verhandlungen auf Grundlage der „Istanbul-Formel 2.0“ zurückzukehren.
Putin saß währenddessen daneben und hörte zu, verzichtete jedoch auf einen öffentlichen Kommentar. Stattdessen erklärte er, er werde dem kasachischen Präsidenten seine Sicht der Dinge in einem persönlichen Gespräch erläutern.
Kasachstans Präsident plädiert nicht deswegen gegen den Krieg, weil er auf den Friedensnobelpreis versessen wäre.
Hat Tokajews Äußerung die Welt dem Frieden nähergebracht? Meiner Ansicht nach: Nein. Schon deshalb nicht, weil Putins Pressesprecher den Vorschlag umgehend zurückwies und erklärte, ein Einfrieren des Krieges komme nicht infrage.
Der ukrainische Außenminister hingegen bezeichnete Tokajews Appell als „realistisch und weise“. Daran lässt sich deutlich erkennen, wer tatsächlich an einem Ende des Krieges interessiert ist. Und wer nicht.
Das große Interesse an Öl
Doch Kassym-Schomart Tokajew trug seine Antikriegsäußerungen, für die er fünf Jahre gebraucht hatte, nicht etwa vor, weil er auf den Friedensnobelpreis versessen wäre. Der kasachische Präsident verfolgt dabei eigene Interessen.
Sein Friedensappell erfolgte vor dem Hintergrund der zunehmenden ukrainischen Angriffe auf die Infrastruktur des Kaspischen Pipeline-Konsortiums (CPC). Diese Pipeline ist die wichtigste Exportroute für kasachisches Erdöl: Sie transportiert das Öl von den Förderstätten in Westkasachstan bis zum Seehafen Noworossijsk am Schwarzen Meer, wo es auf Tanker verladen und auf die Weltmärkte verschifft wird.
Seit einiger Zeit nehmen ukrainische Drohnen dabei sowohl die Verladeterminals als auch die Tanker selbst ins Visier. Vom CPC hängen jedoch nicht nur Kasachstan und Russland ab. Störungen beim Ölexport treffen auch große westliche Konzerne – darunter amerikanische Unternehmen –, die in Kasachstan zu den wichtigsten Erdölproduzenten gehören. Sie fördern rund ein Drittel der gesamten kasachischen Ölproduktion. Zu ihnen zählt unter anderem auch Chevron.
Auch mehrere europäische Staaten haben ein großes Interesse an stabilen Öllieferungen aus Kasachstan. Besonders an Bedeutung gewonnen hat dies seit dem Verzicht auf russisches Erdöl.
Aus all diesen Entwicklungen lässt sich schließen, dass Menschen und Staaten aus ganz unterschiedlichen Beweggründen zu der Erkenntnis gelangen können, diesen Krieg nicht zu verstehen, und zu einem Ende der Kampfhandlungen aufrufen – auf unterschiedlichen Wegen und aus unterschiedlichen Interessen heraus.
Die entscheidende Frage ist jedoch, wann derjenige, der diesen Krieg begonnen hat, selbst zu der Erkenntnis gelangt, dass es an der Zeit ist, ihn zu beenden. Denn allem Anschein nach haben das inzwischen nahezu alle verstanden – nur er nicht.
Nikita Danilin , Jahrgang 1996, ist ein Journalist aus Almaty (Kasachstan). Er war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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