
Erstmals kocht die Luft am Freitagabend so richtig, als Jassin auf der Bühne des Berliner Kesselhauses tritt. Nach vier Tagen, an denen das Festival „Pop-Kultur“ durch die Stadt getourt ist, ist es wieder in seinem Basislager angekommen, dem Gelände der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg.
Eröffnet wird Jassins Set mit einem Radiomitschnitt. Darin wünscht sich ein kleiner Junge aus Lutherstadt Wittenberg, dass Jassins Song „Arsenalplatz“ gespielt wird – schließlich komme der Künstler wie auch der Anrufer aus der Stadt in Sachsen-Anhalt – und die sei einfach cool. Diese Einschätzung teilt offenbar auch das junge Publikum. Es begleitet Jassins Mix aus melodischem HipHop und introspektivem Songwriting ausgesprochen textsicher.
In seinen Songs erzählt der 21-Jährige vom Aufwachsen in der ostdeutschen Provinz als Kind eines ägyptischen Vaters. Rassismus und Rechtsruck sind durchaus Thema, etwa wenn plötzlich eine Reichskriegsflagge im benachbarten Schrebergarten gehisst wird. Aber es ist eben auch der ganz normale Erwachsen-werden-Stoff. Als er vom Publikum wissen will, wer denn „auch aus Ostdeutschland“ komme, ist der Jubel riesig.
Die anstehende Landtagswahl ist beim Konzert jedoch kein Thema. Ob der postmigrantische Ossi – bis heute lebt Jassin in Wittenberg – damit zusammenhängende Realitäten einfach zu kompliziert findet? Er verwandelt den drohenden Wahlerfolg der Rechten jedenfalls nicht in bühnentaugliche Slogans. Vielleicht erscheint es Jassin einfach nicht opportun, sich dezidiert parteipolitisch zu positionieren?
Wutrede über Sachsen-Anhalt
Sein Auftritt wirkt diesbezüglich fast wie ein Echo auf das Konzert des Elektronik-Duos Calcou, das am Dienstag, als das Festival in den Berliner Wedding ausschwärmte, im kleinen Club Panke spielte. Sängerin Thea Alien, ebenfalls aus Sachsen-Anhalt, schickt ihren neuen Songs „Everything Okay“ eine Wutrede voraus: Sie rantet über ostdeutsche Identität, westdeutsche Gleichgültigkeit und „darüber, dass ich mich ständig erklären muss“.
Selbstverortungen sind klassisches Pop-Terrain – und damit auf dem in Sachen Vielfalt besonders engagierten Festival in potenzierter Form präsent. Doch, wie sich bei den Konzerten zeigt, auf eine vergnügte Weise, die vielerorts zu beobachtenden Identitätsverhärtungen etwas Verspieltes, Fluides entgegensetzt. Die Kids (of all ages), die sich auf den etwa 100 Konzerten rumtreiben, sind halt doch alright.
Und es lassen sich unterschiedlichste Befindlichkeiten und Tonlagen einfangen – etwa von der faszinierenden Livepräsenz der aus New York stammenden, in Berlin lebenden queeren Conscious-Rapperin Sorvina, die neben einem geschmeidigen Soul-Jazz-Amalgam einen Chor mit auf die Bühne bringt. Den flirrenden Gospel-Vibe erdet sie mit einer Prise Humor. Am Ende will sie gar nicht mehr aufhören – ebenso wie das glücklich gespielte Publikum.
Ebenso bemerkenswert der Auftritt der queerfeministischen Pöbel-Punkband Deutsche Laichen, die den Club aus allen Nähten platzen lässt. Auf krachige Passagen folgen melodiöse Singalongs, die die entfesselten Fan-Ultras in Ekstase versetzen. Überhaupt klingt Punk gerade mal wieder wie die Musik zur Zeit: Ob nun in Form entfesselter Energie des Sängers Paul Adamaheine, der literweise Schweiß vergießt – seine schwedische Band Boko Yout bringt eine treibende Synthese aus bratzigen Grungerock und Afro-Rhythmen auf die Bühne. Oder bei der Kölner Band Grenzkontrolle mit ihrer basslastigen, rohen Fusion aus Postpunk und Sprechgesang.
Ungeahnte Perspektiven
Das Besondere am Festival „Pop-Kultur“ sind ohnehin die Perspektiven, die sonst eher selten eine große Bühne bekommen: etwa das Auftragswerk der Musikerin Alejandra Cárdenas (alias Ale Hop). Zusammen mit dem Ensemble La Full Moon blickt Ale Hop auf die gesellschaftlichen Spannungen, die ihre Kindheit in Peru prägten – und sucht Antworten auf die Frage, inwiefern der eigene Körper als Zuhause ausreicht.
Aus dem Album „A Body Like a Home“, das zwischen dräuend-verzerrten Klanggewittern, Wortkaskaden und zarten Melodien oszilliert, gestalten die Künstler:innen eine spannungsreiche Performance, zu der das Kopfkino anspringt – plötzlich macht auch die Bestuhlung Sinn. Sitzen und Lauschen.
Auch die Reihe „Sonic Crossing“, entstanden in Kooperation mit dem Goethe-Institut, blickt dieses Jahr auf eine auf der Poplandkarte eher unterrepräsentierte Region: Kasachstan und Usbekistan in Zentralasien. Am Dienstag stellen sich drei Musiker:innen, die gerade beim Stipendienaufenthalt in Berlin weilten, in der Migas Listening Bar vor. Und spielen Musik, die sie geprägt hat – von regionalem Liedgut bis zu verästelter Elektronik. Ein ziemlich faszinierender Einblick. Am folgenden Abend präsentieren sie dann eigene Musik im benachbarten Sinema Transtopia.
Es sind nicht zuletzt derartige Formate bei dem vom Bund und Land Berlin-Brandenburg geförderten Festival, die es zu etwas wirklich Besonderem machen. Schmerzhafte Kürzungen musste auch das Festival „Pop-Kultur“ hinnehmen und so staunt man ein bisschen, dass diese zwölfte Ausgabe über eine volle Woche läuft. Schon im letzten Jahr war das Programm deutlich entzerrt worden – mit dem Nebeneffekt, dass die oft erhellenden Talks größere Aufmerksamkeit bekommen. Das noch umfänglichere Programm 2026 ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass man noch stärker auf die internationale Musikszene setzt, die in Berlin lebt – und man zudem enger mit Kulturinstitutionen und der Musikwirtschaft kooperiert.
Wunderbarer Konzertsaal
Dadurch kam es erstmals zur Zusammenarbeit des Indielabels Morr Music mit dem Pierre-Boulez-Saal, einem Doppelkonzert im wunderbaren Konzertsaal, dem Aushängeschild der Barenboim-Said-Akademie. Zuerst bringt die georgische Künstlerin Anushka Chkheidze, die ihre Wurzeln in Chormusik hat, und der postrockaffine Berliner Komponist Robert Lippok (Tarwater) Melodie und Dissonanz in höchst produktive Reibung zueinander.
Im Anschluss interpretiert die isländische Band múm mit selbst entworfenen elektroakustischen Gerätschaften, unterstützt von einem Streichquartett, einige elegische Kompositionen neu. Bisweilen mäandert das nahe am Kitsch, doch der wird immer durch die eigenwillig ausscherende Melodienführung eingefangen. Ein schwelgerischer Ausklang eines gelungenen Festivals.






