E s ist Tag sechs der ununterbrochenen Angriffe auf Kyjiw, als ich beobachten konnte, wie der Feuerball einer abgeschossenen Schahed-Drohne über meinem Stadtviertel auseinanderbrach. Es fühlte sich ein bisschen so an, als lebte ich in einem Film von Lars von Trier.
Die Russen haben ihre Taktik beim Beschuss der ukrainischen Hauptstadt geändert. Drohnen und Raketen kommen jetzt eine nach der anderen. Es ist, als sei die Millionenstadt von den ständigen Luftalarmen geradezu gelähmt. Ständige Staus, die Unmöglichkeit, die Stadt sicher zu verlassen, und ein permanenter Brandgeruch sind die Folgen.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
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Nach einigen solcher Tage wollte ich einfach nur noch liegen (so wie Kirsten Dunst in den Lilien in von Triers Film „Melancholia“) und darauf warten, dass ein Komet aus Schüssen und Kälte Kyjiw vollständig überrollt. Aber das Leben in der Ukraine lässt keinen Platz für solche existenziellen Krisen.
Kyjiwer sind für sich selbst verantwortlich
Am 1. September hat für ukrainische Kinder das neue Schuljahr begonnen. Die Stadtverwaltung hat die Entscheidung über die Unterrichtsform den Schulen selbst überlassen. Die meisten haben sich für Onlineunterricht entschieden.
So ist es Herbst in Kyjiw geworden, eine Zeit, in der die Einwohner der Stadt erneut die einzigen Erwachsenen sein müssen, die Verantwortung für sich selbst, ihre Kinder und die Wintervorbereitungen übernehmen müssen. Die ukrainische Regierung und das Militär prognostizieren, dass er hart wird.
In Charkiw gibt es unterirdische Schulen, im Gebiet Tschernihiw werden Schulen mit Wechselrichtern und Solarmodulen ausgestattet. Im Osten, Süden und Norden der Ukraine sind die Straßen mit Anti-Drohnen-Netzen abgeschirmt. Kyjiw hingegen kommt erst langsam in dieser neuen Realität an.
Städte und ihre Einwohner, die erkannt haben, dass sie in Frontnähe liegen, passen sich an. Diejenigen hingegen, die immer noch „nicht nach oben schauen“, finden weiterhin nur situationsbezogene Lösungen.
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Sich auf den Winter vorbereiten
Im Freundes- und Kollegenkreis haben wir den ganzen Sommer darüber diskutiert, wie wir uns selber auf die kalte Jahreszeit vorbereiten können. Nach den Stromausfällen vom letzten Jahr und den russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur habe ich begriffen, dass man vor allem die eigene Wohnung hell und warm machen muss.
Wie viele anderen Kyjiwer Familien hat auch meine eine Checkliste mit Dingen, die wir für den Winter kaufen müssen. Und hier geht’s nicht um neue Klamotten oder Weihnachtsgeschenke.
Erstens: ein autonomes Heizgerät, das weder Strom noch Gas benötigt. In der Ukraine sind derzeit tragbare Heizgeräte mit Flüssigbrennstoff sehr beliebt. Sie wurden ursprünglich für erdbebengefährdete Gebiete in Japan entwickelt, haben sich aber auch im Krieg in der Ukraine hervorragend bewährt.
Zweitens, und vielleicht am wichtigsten: eine leistungsstarke Ladestation. Mit der man zumindest kurz den Kühlschrank oder die Kaffeemaschine anschalten kann. Und natürlich, um Handys und Laptops aufzuladen. Und als Drittes Gaskartuschen und einen Kocher, Thermosbehälter und einen großen Wassertank.
Ratenkäufe und Weinvorräte
Trotz der Einschüchterungsversuche durch russische Propaganda glaube ich weder an eine Hungersnot noch an völlig leere Supermarktregale. Unsere Wirtschaft hat im Laufe des Krieges gelernt, sich anzupassen: Generatoren kaufen, neue Logistikketten aufzubauen. Deshalb kaufe ich keine Vorräte, sondern nur ein paar Flaschen Wein für den Winter. Denn außer Licht und Wasser braucht man zum Überleben manchmal auch ein positives Gefühl.
Ja, all das kostet Geld. Eine Ladestation kann bis zu zweitausend Euro kosten, das ist viel für den Durchschnittsukrainer mitten im Krieg. Deshalb kaufen viele meiner Bekannten diese Dinge auf Kredit oder auf Raten.
Aber all das ist immer noch billiger, als die Hauptstadt zu verlassen und ein Haus in einem Dorf fernab der Front zu mieten.
Solange der Komet also noch unterwegs ist, hake ich die Punkte auf meiner Winter-Checkliste ab. Und hoffe, dass ich von all den Dingen nur den Wein brauchen werde.
Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey






