Anschläge auf Umspannwerke: „Daniel, ruf mich zurück, es ist dringend“

Am Donnerstagvormittag regnet es in Gevelsberg, niemand ist auf der Straße unterwegs. Wobei das wohl auch sonst nicht der Fall wäre in dem hügeligen Wohngebiet dieser kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Daniel V. soll hier in einer Doppelhaushälfte wohnen, eine Sandsteintreppe führt hinauf zur Tür. Als die taz klingelt, öffnet seine Mutter, eine Frau von über 80 Jahren. Sie ist gerade dabei, Kartoffeln für das Mittagessen zu schälen.

Nach taz-Informationen ist Daniel V., Ende 40, der Mann, der sich zu den Anschlägen auf ein Umspannwerk bei Jänschwalde in Südbrandenburg, bei Bergheim und Dormagen in Nordrhein-Westfalen bekannt hat. Die Polizei Köln bestätigte am Freitagmorgen, dass sie nach einem Mann aus Gevelsberg fahndet.

Ihr Sohn sei seit Wochen nicht zu Hause gewesen, sagt die Mutter, und dass sie es vermisse, mit ihm Brettspiele zu spielen. Daniel, der habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden, schlage aber manchmal über die Stränge. So sei er mal in eine Auseinandersetzung mit einem Mann geraten, dem er Umweltverschmutzung vorgeworfen habe. Auch die Anschläge auf die Umspannwerke traue sie ihm zu. Die Mutter weiß, dass sie mit einem Journalisten spricht und ist einverstanden, dass die taz über das Gespräch berichtet. Sie wirkt verzweifelt, dass es so weit kommen konnte: Ihr Sohn sei ein so talentierter Mann, beste Voraussetzungen für eine Karriere. Er habe aber auch immer etwas Rebellisches an sich gehabt.

Erst Medizinstudium, dann arbeitslos

Daniel V. habe Medizin studiert und das Studium sehr schnell abgeschlossen. Es sei irre, hätten seine Kommilitonen gesagt, wie schnell er durch das Studium rutschte. Er habe auch ein Praktikum gemacht in einem Krankenhaus. Daniel könne super mit Menschen umgehen, sagt seine Mutter, mit Alten, aber auch mit seinem Neffen und seiner Nichte.

Mit 40 Jahren, das lässt sich in einer Lokalzeitung nachlesen, arbeitete Daniel V. nicht als Arzt, sondern als Gitarrenbauer: Er hatte sich einen gelben US-Schulbus zu einer mobilen Werkstatt umgebaut und war damit durch Deutschland und Europa gefahren. Die Mutter sagt, er habe sich das Gitarrenbauen selbst beigebracht, spiele aber selbst nicht besonders gut Gitarre.

Nun sei Daniel arbeitslos. Aber er habe seit vielen Jahren ein Hobby: Er interessiere sich sehr für Technik, sie selbst verstehe davon nichts. Daniel sei immer wieder zu Reisen quer durch Deutschland aufgebrochen, sei manchmal wochenlang von zu Hause weg gewesen. Sie klingt resigniert, wenn sie das erzählt: Daniel hätte so viel aus seinem Leben machen können, sagt sie.

Als die taz nach einem Kontakt zu Daniel V. fragt, hadert seine Mutter. Sie findet, dass die Taten unbedingt aufgeklärt werden müssen, und sie sagt: Daniel müsse Verantwortung übernehmen für das, was er tue. Im Beisein der taz ruft sie ihn an: Die Mailbox geht ran. „Daniel, ruf mich mal zurück, es ist dringend.“

Bereits am Mittwoch hatte die taz ein handschriftliches Bekennerschreiben erreicht. Ein weißer Umschlag, mit Absender. Es ist der Name von Daniel V., die Adresse führt zum Haus seiner Mutter in Gevelsberg. In dem Schreiben bezichtigt sich ein Daniel V. der Tat und nennt Details, wie er angeblich die Raketen und Abschussvorrichtungen gebaut habe, die am Dienstagmorgen auf das Umspannwerk in Jänschwalde geschossen wurden. Eine Art Selbstbaurakete, die kleine Drähte an die Leitungen schießen sollte, damit eine Erdung entsteht und damit ein Kurzschluss. Medien berichteten über die technischen Details erst ab dem späten Abend – nachdem das Schreiben sehr wahrscheinlich schon per Post verschickt wurde.

„Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen, das unsägliches Leid nach sich zieht“, heißt es in dem Schreiben. Dieses Leid will der Verfasser „abwenden oder vermindern“. Er verübe die Taten, „weil die Medien einen Scheiß tun, die Dringlichkeit der Situation zu vermitteln und der Staat da nicht eingreift, um dieses Leid abzuwenden“. Der Verfasser betont, er habe allein gehandelt – „ohne jemals jemandem davon erzählt zu haben“. Er schreibe dies, weil er befürchte, dass die Taten sonst der „linken Szene“ zugeschrieben würden. „Die ham da nix mit zu tun.“ Vermerkt wird noch, dass der Verfasser „nicht traurig“ sei, wenn die deutsche Rüstungsindustrie durch die Stromausfälle in Mitleidenschaft gezogen würde, insbesondere, solange Deutschland „den Völkermord in Palästina unterstützt“.

Außerdem kündigt der Verfasser weitere Taten an: „Wenn hier Recht und Ordnung herrschten, dann müsste ich das Gesetz nicht brechen und einen Haufen Leid in Kauf nehmen, das ich wegen dem Stromausfall und allen Stromausfällen, die da noch kommen müssen, zu verantworten habe.“ Danach folgten die Anschläge auf Umspannwerke in Bergheim und Dormagen, und ein zweites Bekennerschreiben, das ebenfalls namentlich unterschrieben worden sein soll.

Die Mutter erkennt die Handschrift ihres Sohnes

Bis Redaktionsschluss ließ sich nicht zweifelsfrei feststellen, ob tatsächlich Daniel V. für die Anschläge in Jänschwalde, Bergheim und Dormagen verantwortlich ist. Die Recherchen der taz sprechen allerdings dafür. Nicht klären lässt sich bisher auch, ob er allein und ohne Auftrag handelte. Möglich wäre weiterhin, dass Daniel V. zu Unrecht für sich beansprucht, die Taten begangen zu haben, oder ein anderer Akteur eine falsche Fährte legt.

Zugleich rückte die Polizei am Freitag auch nahe dem Umspannwerk Weisweiler in Nordrhein-Westfalen aus. Wegen Angaben im zweiten Bekennerschreiben suchte die Polizei dort nach Gegenständen. Einen weiteren Polizeieinsatz gab es nahe dem Umspannwerk Ganderkesee in Niedersachsen – hier blieb ein Zusammenhang zu der Tatserie vorerst offen.

Am Freitag teilte die Polizei mit, dass sie ein ihr vorliegendes Bekennerschreiben für authentisch halte. Bis Redaktionsschluss war Daniel V. für die Polizei nicht auffindbar. Freitagmittag tauchte die Polizei dann auch am Haus auf, traf Daniel V. aber nicht an. Nach Medienberichten soll er mit einem auffälligen Truck unterwegs sein.

Als die taz der Mutter ein Bild des ersten Bekennerschreibens zeigt, erkennt sie die Handschrift ihres Sohns. Laut liest sie vor. Sie stockt kaum, nur das Wort „Völkermord“ will sie nicht aussprechen. Sie bestätigt, dass sie die Schrift erkennt, mit voller Sicherheit. Dann erzählt sie seine Geschichte.

  • informationsspiegel

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