Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: „Der Mut ist verschwunden“

taz: Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt haben Sie bei uns in der Zeitung geschrieben, dass Ihnen die AfD-Ergebnisse Sorge machen, Sie deswegen aber nicht das Land verlassen werden. Jetzt gehen Sie doch. Warum?

Max Schneller: Jetzt gehen ist erforderlich, wenn man so wie ich 17 ist und eine Zukunft haben möchte. Eine Zukunft sehe ich gerade nicht in Sachsen-Anhalt.

taz: Woher kam der Sinneswandel?

Schneller: Ich habe bis zum 6. September um 18 Uhr gedacht, dass es keinen AfD-Ministerpräsidenten geben wird. Nach der Wahl des Landtagspräsidenten vergangene Woche ist klar, dass wir im Dezember den ersten AfD-Ministerpräsidenten haben werden. Es ist ein Klima, in dem es sich im Moment nicht leben lässt. Ich bin immer noch 17 und ich habe noch keine abgeschlossene Berufsausbildung. Vielleicht muss ich den 17-Jährigen erst mal 17 Jahre alt sein lassen.

Im Interview: Max Schneller

Max Schneller stammt aus Sachsen-Anhalt und ist in den Sozialen Medien besser bekannt als @maximal.demokratisch. Seit eineinhalb Jahren engagiert sich der 17-Jährige für die Demokratie. Er wurde dafür vielfach ausgezeichnet.

taz: Wie reagieren die Leute in Ihrem Umfeld auf Ihre Entscheidung?

Schneller: Ich bekomme verschiedene Rückmeldungen. Einerseits natürlich Zuspruch, andererseits auch kritische Stimmen. Beides braucht es. Beides ist richtig. Am Ende treffe ich aber eine Entscheidung, die mein Leben beeinflusst.

taz: Können Sie verstehen, dass Leute enttäuscht sind, dass Sie gehen?

Schneller: Verstehen absolut. Man darf nur nicht aus dem Auge verlieren, was ich in den letzten Monaten durchgemacht habe, und allein mit diesem Blick würde vermutlich auch wieder jede Enttäuschung verfliegen. Am Ende bin ich auch nur ein Mensch, dessen Kräfte nicht unendlich sind – leider.

taz: Wohin ziehen Sie?

Schneller: Ich bleibe im Osten Deutschlands, und es wird eine Großstadt: Berlin.

taz: Was werden Sie dort machen?

Schneller: Eine Ausbildung. Für die Dauer meiner Ausbildung ziehe ich weg.

taz: Sie wollen den Kontakt zu Ihrer Heimat nicht verlieren. Wie wollen Sie mit Sachsen-Anhalt verbunden bleiben und weiterhin über das Bundesland berichten?

Schneller: Berlin liegt eine Stunde von Halle entfernt. Es ist ja nicht unmöglich, einfach mal hinzufahren. Ich werde mich nicht aufdrängen, weil man muss denjenigen das Wort geben, die vor Ort leben, und das bin ich dann nicht mehr.

taz: Seit Sie sich für die Demokratie engagieren und auf Social Media als „maximal.demokratisch“ auftreten, haben Sie Anfeindungen, Gewalt- und Morddrohungen erlebt. Wie haben die Erfahrungen Ihr Leben verändert?

Schneller: Dass ich mir jetzt eine neue Ausbildung suchen muss, ist eine der Auswirkungen. Ich wurde mehrmals nachts aus dem Schlaf gerissen, weil bei mir Sturm geklingelt wurde, von wem, weiß ich nicht. Ich stand aber de facto ohne Schutz da. Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich bin sehr schreckhaft geworden. Wenn ich abends im Bett liege und draußen Schritte höre, dann habe ich immer einen Puls. Irgendwann macht man sich selbst verrückt.

taz: Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass die Angst in Ihrem Leben zunimmt?

Schneller: Ich habe immer gesagt, dass die Angst in mir nicht den Ton angeben darf. Und Stück für Stück merkt man, wie man sich von dieser Angst treiben lässt. Der Mut ist irgendwann verschwunden. Das Ergebnis der Angst ist, dass ich aus Sachsen-Anhalt wegziehe.

taz: Mit Tobias Rausch hat Sachsen-Anhalt erstmals einen rechtsextremen Landtagspräsidenten, und im Dezember will AfD-Fraktionschef Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Wie blicken Sie auf die aktuelle politische Lage?

Schneller: Es ist die reinste Katastrophe. Wir steuern auf einen krassen historischen Umbruch zu. Tobias Rausch ist wenige Tage im Amt, und schon gibt es die ersten Skandale. Wie soll das unter Siegmund werden? Ich finde es beschämend, dass wir mehr als 80 Jahre nach Ende des Faschismus offen in dieses Feuer reinrennen und die Menschen fröhlich lachend mitmachen. Jeder, der jetzt weiterhin für eine Partei wie die AfD stimmt, der macht sich zum Steigbügelhalter und verhilft Nazis in hohe Ämter.

taz: Seit einigen Jahren sind Sie Mitglied der Linken. Früher haben Sie gesagt, Sie wollen nicht in die Politik. Jetzt können Sie sich eine Zukunft in der Politik vorstellen. Warum?

Schneller: Aktivismus ist immer nur lautes Fordern. In der Politik kannst du Dinge selbst umsetzen. Das reizt mich – aber am Ende müsste ich dafür gewählt werden. Ob das klappt, weiß ich natürlich nicht.

taz: Welche politische Rolle würden Sie übernehmen wollen?

Schneller: Vielleicht für den Landtag in Sachsen-Anhalt, vielleicht für den Bundestag. Ich weiß es noch nicht – es liegt auch an meiner Partei, die mich ja erst mal aufstellen müsste.

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