Jamil Abdulrahman Gawi sitzt auf einem weißen Plastikstuhl, die Hände im Schoß ineinander verschränkt. Als der Bürgermeister die Moschee betritt und auf ihn zutritt, steht er auf. Bürgermeister Firas Badahi reicht Gawi die Hand, spricht ihm abermals sein Beileid aus.
Nur drei Tage zuvor ist Gawis Neffe Mahmud Gawi in der arabischen Stadt Kfar Qara südöstlich von Haifa in seinem Friseursalon von zwei maskierten Männern erschossen worden. Es ist Anfang Januar und Gawis Neffe ist in diesem Jahr bereits das siebte Opfer der explodierenden Gewalt und organisierten Kriminalität in Israels palästinensischer Bevölkerung.
Bis Mitte Oktober wird die Zahl der in Israel gewaltsam ums Leben gekommenen Palästinenser*innen in diesem Jahr bereits auf 176 gestiegen sein – im Schnitt bedeutet das ein Toter alle anderthalb Tage. Jüngst war am 13. Oktober ein 20-Jähriger in der Stadt Umm al-Fahm im Norden Israels erschossen worden.
„Es sind sehr schwere Tage für unsere Familie“, sagt Gawi. Bürgermeister Badahi hat ihm gerade mitgeteilt, dass die Polizei den Leichnam seines Neffen freigegeben hat. Er kann nun bestattet werden. „Mahmud hatte nichts mit Kriminalität zu tun. Er war 30 Jahre alt und wollte sich mit dem Friseursalon eine Zukunft aufbauen.“ Von morgens bis abends sei er im Laden gewesen. „Für Kinder oder Ältere hat er Haarschnitte umsonst angeboten“, sagt Gawi.
21 Prozent der Bevölkerung, aber 75 Prozent der Mordopfer
Er wisse nicht, wer seinen Neffen erschossen hat, sagt Gawi. Und er habe wenig Hoffnung, es je zu erfahren. „Als die Polizei kam, hat sie uns eher wie Schuldige als wie die Angehörigen eines Mordopfers behandelt“, sagt er. „Sie klären diese Fälle nicht auf.“
Gawi spricht über das, was sich in der arabischen Gemeinschaft verändert hat in den vergangenen Jahren. „Ich fühle mich nicht mehr sicher.“ Fast täglich höre man in den Nachrichten von Schüssen, von Gewalt, von Verletzten und Toten. „Mütter haben Angst, ihre Kinder im Laden um die Ecke Milch holen zu schicken, oder sie im Park spielen zu lassen“, sagt Gawi. „Menschen trauen sich nicht, abends noch das Haus zu verlassen.“
Palästinenser*innen machen in Israel etwa 21 Prozent der Staatsbürger*innen aus. Unter den Mordopfern lag ihr Anteil zwischen 2021 und 2024 aber bei 75 Prozent. Und die Zahl der Morde in der arabischen Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. 2025 war das bisher tödlichste Jahr: 252 Menschen kamen gewaltsam ums Leben, und auch 2026 ist geprägt von tödlichen Schüssen, Messerstechereien und Brandsätzen.
Foto: Dinah Riese
Meist geht es um organisierte Kriminalität, die zunehmend alle Hemmungen verliert. Um gezielte Morde, aber auch um Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Und um die israelische Politik und Polizei, die dem keinen Einhalt gebieten.
Kein Verlass auf die israelische Polizei
Eine halbe Stunde, bevor Bürgermeister Badahi die Familie Gawi in der Moschee aufsucht, sitzt er in seinem Büro und spricht über ebendieses Thema. Über die eskalierende Gewalt in seiner Gemeinde und vielen anderen palästinensischen Gemeinden in Israel. Über organisierte Kriminalität, über Schutzgelderpressung, Bandenkrieg und über die Angst der Menschen, abends überhaupt noch auf die Straße zu gehen. Darüber, wie die Zahl der Morde in der palästinensischen Community sich in den vergangenen zehn Jahren in etwa vervierfacht hat.
All das illustriert Badahi mit einer Powerpoint-Präsentation, die er eigens auf Englisch hat verfassen lassen, um international Aufmerksamkeit zu erregen. „Auf die israelische Polizei können wir uns nicht verlassen“, sagt Badahi. „Die tut nichts, um diese Morde zu verhindern, und auch nichts, um sie aufzuklären.“ In den vergangenen Jahren seien sehr wenige der Morde in der palästinensischen Gemeinschaft aufgeklärt worden – anders als bei Morden an jüdischen Israelis.
Das bestätigen Zahlen der Knesset: Demnach wurden zwischen 2021 und 2024 nur 20 Prozent der Morde an Palästinenser*innen angeklagt, im Gegensatz zu 65 Prozent auf der jüdischen Seite.
Diese tödliche Eskalation habe eine politische Dimension – und eine lange Vorgeschichte, sagt auch Shahira Shalaby. Sie ist Co-Geschäftsführerin der Abraham Initiatives, einer israelischen jüdisch-palästinensischen Organisation, die sich für die Rechte der palästinensischen Bevölkerung einsetzt. „Vor 25 Jahren hatte der Staat mit organisierter Kriminalität und Gewalt innerhalb der jüdischen Bevölkerung zu kämpfen“, sagt Shalaby.
Schutzgeld, Drogen, Waffenhandel
„Diese Organisationen haben damals arabische Kriminelle für die Drecksarbeit benutzt“, sagt Shalaby. Die Polizei sei hart gegen diese Gruppen vorgegangen und hätte das Problem in den Griff bekommen. „Aber es entstand ein Vakuum, und die arabischen Kriminellen haben einfach weitergemacht – nur dass es sich jetzt gegen die arabische Bevölkerung richtete.“
Es habe klein angefangen, mit Schutzgelderpressung in kleinen Geschäften. „Aber diese Gruppen wurden nicht gestoppt und bauten ihren Einfluss aus. Kontrolle über den Schwarzmarkt, Waffengeschäfte, Drogen, Kredite. Inzwischen kontrollieren sie alles, von den Geschäften vor Ort bis hinein in die lokalen Verwaltungen und somit auch öffentliche Gelder und Aufträge“, sagt Shalaby.
Die prekäre Lage vieler Palästinenser*innen in Israel sei dabei von Vorteil für die Kriminellen. „Viele junge Menschen haben überhaupt keine Perspektive. Sie finden keinen Uni-Platz, keinen Job, sie werden strukturell diskriminiert und haben keine Aussichten, sich hier ein gutes Leben aufzubauen“, sagt Shalaby. „Dann kommt die Mafia und bietet ihnen Geld und Jobs.“
Gleichzeitig verließen viele Familien das Land. „Vor allem die gut Ausgebildeten, die das nötige Geld dafür haben“, sagt Shalaby. „Die Mafia fordert Schutzgeld von ihnen – und bevor sie sich und ihre Familie dieser Gefahr aussetzen, machen sie lieber das Geschäft zu und fliehen vor der Gewalt. Aber diese Menschen fehlen uns, um die arabische Gesellschaft in Israel voranzubringen.“
Programme für Entwicklung und Prävention werden gekürzt
Das israelische Institute for National Security Studies (INSS) kam in einer Publikation im Sommer 2024 zu dem Schluss, die steigende Zahl an Tötungsdelikten spiegle „deutlich die Nachlässigkeit, mit der Ministerien, die Polizei und Strafverfolgungsbehörden“ die Probleme der arabischen Gesellschaft allgemein wie auch mit Blick auf die Kriminalität behandelt habe. Und dass sich daraus ein Problem für die nationale Sicherheit insgesamt entwickle.
„Diese Vernachlässigung ist kein Zufall“, heißt es in dem Bericht. Vielmehr sei es eine konkrete Folge der „bewussten Entscheidung“, pauschale Kürzungen etwa bei Programmen vorzunehmen, die eigentlich auf die Entwicklung der arabischen Gesellschaft und auf die Bekämpfung von Kriminalität und Gewalt abzielten.
Es sind Entscheidungen, die Israels Regierung getroffen hat – und weiter trifft. Tatsächlich hat sie gerade erst etwa eine Milliarde Shekel (etwa 290 Millionen Euro) für den Kauf von 12 Apache-Hubschraubern umgewidmet, die ursprünglich zum größten Teil für ebensolche Programme eingeplant waren.
Ende 2022 wurde die aktuelle israelische Regierung vereidigt. Ein Blick auf Todesopfer von Kriminalität und Gewalt in der arabischen Bevölkerung zeigt: Seitdem sind die Zahlen, die schon vorher leicht angestiegen sind, explodiert. Während es im Jahr 2022 noch 116 Fälle gab, stieg die Zahl 2023 auf 224. Dann folgte das bisher tödlichste Jahr 2025, mit 252 Fällen. Die kriminellen Gruppen hätten sich auch ein inländisches Sicherheitsvakuum zunutze gemacht, das durch den Krieg in Gaza entstanden sei – ebenso wie die zunehmend angespannte Lage der arabischen Bevölkerung, so das Institute for National Security Studies.
Israels Polizei weist alle Vorwürfe von sich
Im Zentrum steht beim Umgang mit der Kriminalität der rechtsextreme Politiker Itamar Ben-Gvir. „Ein bekennender Rassist, ein Mann, der seine gesamte politische Laufbahn damit verbracht hat, gegen Araber zu hetzen, und der nun das Amt des Ministers für nationale Sicherheit bekleidet“, schrieb 2025 Amnon Beeri-Sulitzeanu, der andere Co-Geschäftsführer der Abraham Initiatives, in der Times of Israel. Es sei „zweifelhaft, ob er arabische Bürger überhaupt schützen will“. Ben-Gvir selbst wiegelte Mitte Oktober ab und erklärte, die Morde beträfen ohnehin „vor allem kriminelle Familien“.
Die meisten Betroffenen hätten nichts mit Machenschaften der Unterwelt zu tun, erklärte im Juli hingegen Haim Sargaroff, Polizeichef des Bezirks Tel Aviv. Wie andere Polizeivertreter vor ihm sprach auch er von einem „nationalen Notstand“.
Den Vorwurf der Vernachlässigung weist Israels Polizei von sich. Anfang des Jahres erklärte Israels Polizeichef Dany Levy, die Beamten seien nicht ausreichend ausgerüstet, um die Kriminalitätswelle zu bekämpfen. Die Strafverfolgungsbehörden könnten ihre Arbeit nicht erledigen, wenn „uns die Hände gebunden, die Ohren verstopft und die Augen verbunden sind“, sagte er.
Im Juli entschied die Regierung, der Inlandsgeheimdienst Shin Bet solle sich des Problems annehmen – für jüdische organisierte Kriminalität hingegen sei weiterhin die Polizei zuständig. Das Forum der arabischen Bürgermeister kritisierte diesen Vorschlag. Nicht weil sie keine entschiedene Bekämpfung der Kriminalität fordern – diese sei eine nationale Priorität. Aber das Geld dafür, 500 Millionen Shekel (etwa 145 Millionen Euro), soll abermals aus ebenjenen Töpfen genommen werden, die eigentlich für Bildung, Soziales und Infrastruktur in der arabischen Community vorgesehen waren. Dieses Geld sei zentral auch in der Prävention von Kriminalität, so die Bürgermeister.
Arabische Perspektiven müssen stärker in die Knesset!
„Die Polizei muss endlich entschlossen handeln, um jene zu stoppen, die andere bedrohen und umbringen“, sagt Shahira Shalaby. Natürlich seien auch die Bürgermeister der arabischen Ortschaften in der Pflicht. „Aber ihr Einfluss auf die Strafverfolgung ist begrenzt. Ihre Aufgabe ist es eher, die Menschen zu überzeugen, überhaupt mit der Polizei zu sprechen.“ Hier sei in den vergangenen Jahren viel Vertrauen verloren gegangen. „Außerdem müssen wir es der Mafia erschweren, junge Menschen zu rekrutieren – durch Bildungsprogramme, die jungen Menschen echte Perspektiven eröffnen. Dafür muss es Finanzierung geben“, so Shalaby. „Aber von der aktuellen Regierung ist da nichts zu erwarten.“
Umso wichtiger seien die Parlamentswahlen, die in Israel Ende Oktober anstehen. „Die Wahlbeteiligung der arabischen Bevölkerung ist oft sehr niedrig, sie liegt bei gerade mal rund 55 Prozent“, sagt Shalaby. „Wir versuchen, die Menschen zum Wählen zu ermutigen – damit arabische Perspektiven und Bedarfe in der nächsten Knesset stärker vertreten sind.“ Im Idealfall wäre ihr Ergebnis so stark, dass die arabischen Parteien sich als mögliche Koalitionspartner ins Spiel bringen könnten. „Aber in den vergangenen Monaten hat sich der politische Diskurs in dieser Hinsicht massiv verschärft und verschiedene Parteien haben die Zusammenarbeit mit arabischen Repräsentanten explizit ausgeschlossen“, sagt Shalaby.
Entmutigen lassen will sie sich nicht. „Ich nehme immer mehr Stimmen in der arabischen Gesellschaft wahr, die politische Verantwortung, mehr Mitbestimmung und eine aktive Rolle bei der Gestaltung der Zukunft dieses Landes einfordern“, sagt Shalaby. Trotz aller Bedenken hoffe sie, „dass diese Wahlen der Politik der derzeitigen Regierung ein Ende bereiten und dass die nächste Regierung eine sein wird, die Rassismus ablehnt, die Demokratie schützt und die Rechte aller Bürger achtet“, so Shalaby.







