
Rebelliert hat sie auch noch im Krankenhaus: Als man dort für sie zeitweise nur eine Trage statt eines Krankenbettes übrig hatte, setzte sie sich auf einen Stuhl und streikte. Wenige Wochen ist das erst her. Melanie Berger-Volle war schon recht klapprig, aber noch nicht so schwach, dass sie es ihnen nicht nochmal zeigen konnte. Ein Bett für sie war dann schnell organisiert.
Die aus Wien stammende Widerstandskämpferin war eine Meisterin der Untertreibung. Wer sie fragte, was sie getan habe, dem sagte sie oft, „nur eine kleine Sache“. Dabei klebte sie schon mit 14 Jahren Zettel gegen den Fachismus an Wiener Häuserwände. Die Jugendliche sah die Armut um sich herum und wollte die Welt verbessern. Sie schloss sich den Revolutionären Kommunisten an, einer trotzkistischen Splittergruppe, die von der Weltrevolution träumte und sich sowohl gegen die Nazis wie die Stalinisten engagierte.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 war die 16-Jährige als Linke und Jüdin doppelt gefährdet. Im Mai entschloss sie sich, ihr Land zu verlassen. Es folgten Flucht und Verfolgung, die sie wundersamerweise fast unbeschadet überstand. Im Mai 1938 floh sie über Belgien nach Frankreich. Doch im Land ihrer Träume wurden nach Kriegsbeginn selbst NS-Gegner zu unerwünschten Personen. Sie flüchtete weiter nach Südfrankreich und wurde im Januar 1942 von der französischen Polizei verhaftet. Ein Spitzel hatte ihre kleine Widerstandsgruppe verraten.
Im Gefängnis versuchte ein Spezialtrupp, die Namen ihrer Genossen aus ihr herauszuprügeln, doch sie hielt dicht – nachzulesen in archivierten Polizeiberichten in der Stadt Montauban. Berger wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt und in das Gefängnis von Marseille überstellt, wo es eng für sie wurde: Die Deutschen hatten inzwischen auch den Süden Frankreichs besetzt. Der Gestapo-Mann Klaus Barbie, der wegen seiner Grausamkeit auch der Schlächter von Lyon genannt wurde, durchkämmte mit seinen Schergen die Gefängnisse nach politischen Häftlingen.
Befehle auf Deutsch retteten sie
Über kurze Nachrichten, die sie aus dem Gefängnis schmuggeln konnte, instruierte Berger ihre Gruppe, sie zu befreien. Und so marschierten am 15. Oktober 1943 fünf Gestalten, mehr oder weniger gut als Gestapo-Beamte verkleidet, in den Gefangenentrakt des Marseiller Krankenhauses ein, wo sie mit einer akuten Gelbsucht lag. Mit zackigen deutschen Befehlen gelang es ihnen, Melanie Berger zum vermeintlichen Verhör herauszuholen. Nach der filmreifen Harakiri-Aktion tauchte Melanie Berger in Lyon unter, wo sie wieder gesundete und Kurierdienste für die französische Résistance übernahm.
Doch mit der Befreiung endete ihre Odyssee noch nicht: Mit den Franzosen feiern konnte sie nicht – zu gefährlich wegen ihres deutschen Akzents. Und die Fahrten nach Wien waren nach Kriegsende ein Wagnis: Die sowjetischen Besatzer verschleppten Trotzkisten in sibirische Lager.
Mit ihrem Mann, dem Journalisten Lucien Volle, den sie in Wien kennengelernt hatte, entschloss sie sich in den frühen 60er Jahren zur Rückkehr nach Frankreich. Es war die Zeit, als ehemalige SS-Brigadeführer in Österreich mit der neu gegründeten FPÖ erste Erfolge feierten.
Nach dem Tod ihres Mannes begann Melanie Berger aus ihrem Leben zu erzählen, und tat das dann unermüdlich – meist vor Schülerinnen und Schülern in Saint-Étienne, einer Stadt südwestlich von Lyon, wo sie die letzten Jahre lebte. Bis man in Österreich erkannte, wen man da hatte ziehen lassen, dauerte es lange: Erst mit 93 Jahren erhielt sie das Goldene Verdienstzeichen ihres Heimatlandes. Am 21. Oktober starb Melanie Bergner in Saint-Étienne.







