Wahlkampf im US-Bundesstaat Michigan: Abdul El-Sayed auf den Spuren von Barack Obama

Zu den Klängen von Tupac Shakurs „Changes“ läuft Abdul El-Sayed in das prall gefüllte Auditorium der Cass Technical High School in Detroit ein. Gleich zu Beginn der Rally an diesem sonnigen Samstag wirft der 41-jährige Kandidat der US-Demokraten für den Bundesstaat Michigan sein dunkles Jackett beiseite und krempelt die Hemdsärmel hoch. „Geld raus aus der Politik, Geld in eure Taschen, Medicare für alle“ – seinen Slogan skandiert er gemeinsam mit der jubelnden Menge.

„Es sollte im reichsten und mächtigsten Land der Weltgeschichte nicht so schwer sein, sich eine zweite Tüte Lebensmittel zu leisten, den Tank zu füllen, seine Miete oder Hypothek zu bezahlen oder einen Arzt zu sehen“, so El-Sayed. „Und es sollte nicht so schwer sein, deine Steuern zu bezahlen und zu wissen, dass sie für dich und deine Kinder ausgegeben werden und nicht dafür, Bomben über anderen und deren Kindern abzuwerfen.“

Als Abdul El-Sayed Anfang August die Vorwahl der US-Demokraten zur Senatswahl in Michigan für sich entschied, ging ein Raunen durch das Parteiestablishment. Lange galt, dass in dem Arbeiterstaat, Herz der Autoindustrie, der zwei Mal für Donald Trump gestimmt hat, die Demokraten nur mit konservativen Kandidaten gewinnen können.

Doch El-Sayed, geboren in einem Vorort von Michigans größter Stadt Detroit als Sohn ägyptischer Eltern, konnte mit seiner scharfen Opposition zu Trump, dessen unpopulärem Krieg in Iran und den damit verbundenen hohen Benzinpreisen punkten. Der 41-jährige Mediziner mit Abschlüssen von Oxford und Columbia, der die Gesundheitsministerien in Detroit und Wayne County geleitet hat, will die gesetzliche Krankenversicherung Medicare, die bisher nur Senioren und Menschen mit Behinderung erhalten, auf alle Ame­ri­ka­ne­r:in­nen ausweiten.

Der erste muslimische Senator der USA?

Michigan ist als Swing State besonders wichtig für den Ausgang der US-Midterms. Sollte El-Sayed die Senatswahl am 3. November gewinnen, wäre er der erste muslimische Senator in der Geschichte der USA – und zusammen mit der Demokratin Elissa Slotkin säßen dann für Michigan eine jüdische Frau und ein muslimischer Mann im Senat.

„Ich liebe den Typen“, sagt Kameramann Abbas über El-Sayed. Der 23-Jährige steht vor seinem SUV auf dem Parkplatz des Islamic Center of America in Dearborn, der größten Moschee der USA. Hinter ihm ragt eine goldene Kuppel mit Halbmond und zwei Minaretten in den blauen Himmel. Davor weht die amerikanische Flagge. „Die Benzinpreise sind gerade sehr hoch, Lebensmittel sind teuer. Wenn er die Preise senken könnte, fände ich das großartig.“

Dass El-Sayed wie er Muslim ist, spielt für Abbas keine besondere Rolle. Michigan ist der Staat mit der größten arabischen Minderheit in den USA. In Dearborn ist jede zweite Person muslimischen Glaubens. 2019 wurde hier Rashida Tlaib, eine Tochter palästinensischer Eltern, als eine der ersten beiden weiblichen muslimischen US-Kongressabgeordneten gewählt.

Wie Mamdani, aber nicht ganz

Abdul El-Sayed geht offensiv mit seiner Herkunft um. Er kann gut reden, tritt selbstsicher auf und hat immer einen Witz auf den Lippen. Anders als die meisten US-Politiker nimmt er keine direkten Spenden aus der Wirtschaft an, sondern setzt auf viele Kleinspenden. Ein bisschen erinnert er an den New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Doch es gelingt ihm anscheinend weniger, ein echtes Wir-Gefühl zu schaffen.

Schwarze Wäh­le­r:in­nen spielen in Michigan eine wichtige Rolle. Etwa drei Viertel der Bevölkerung von Detroit sind Schwarz. Auch in kleineren Städten wie Flint, dem Geburtsort des Automobilriesen General Motors, stellen Afro­ame­ri­ka­ne­r:in­nen die Mehrheit. El-Sayed nennt sie aber nur selten beim Namen. Er spricht von „diesen Communities“ oder „jenen Leuten“. Auch in den Forderungen nach Gleichbehandlung und Antirassismus auf der Website seiner Kampagne werden Schwarze kaum direkt genannt.

Stattdessen scheint der Nahostkonflikt zu einem entscheidenden Schauplatz des Wahlkampfes zu werden. El-Sayed kritisiert Israels Vorgehen in Gaza scharf und will Waffenlieferungen an den US-Verbündeten einstellen. Diese Positionen haben ihm in linken Kreisen, viel Sympathie eingebracht. Doch sie liefern auch Angriffsfläche.

„Fuck Palestine“

Vor der Rally in Detroit hat sich eine kleine Gruppe Demonstranten mit US-Flaggen versammelt. „Fuck Palestine“, brüllt ein Mann mit verspiegelter Sonnenbrille und schusssicherer Weste immer wieder. „Fuck you Muslims, go home“, schreit ein anderer über ein Mikrofon.

Für Kontroversen sorgten El-Sayeds Kontakte zum antizionistischen Streamer Hasan Piker und dessen Aussage, die USA hätten den 11. September „verdient“. El-Sayeds republikanischer Gegner im Rennen um den Senatssitz, der ehemalige FBI-Agent und Multimillionär Mike Rogers, lässt keine Gelegenheit aus, um den Demokraten in die Nähe von Terroristen und der islamistischen Muslimbrüderschaft zu rücken. Die Israel-Lobbyorganisation AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) investierte beispiellose 30 Millionen Dollar in den Primary-Wahlkampf von Haley Stevens, die bei den Vorwahlen der Demokraten gegen El-Sayed unterlag.

Auch Präsident Trump persönlich nannte El-Sayed mehrfach einen Dschihadisten und machte Witze über seinen zweiten Namen: Mohamed. Hintergrund ist ein offener Brief an den ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohamed Mursi von den Muslimbrüdern, den El-Sayed 2012 als Student unterzeichnet hatte. Außerdem hat seine Mutter, bei der er allerdings nicht aufwuchs, in der Vergangenheit für eine inzwischen in den USA als terroristisch eingestufte NGO gearbeitet.

Solche Vorwürfe verfangen in der Bevölkerung. Fragt man die Menschen auf den Straßen von Detroit oder Flint, hört man neben viel Zustimmung für El-Sayed immer wieder, man habe „schlimme Dinge“ über den Kandidaten gehört.

Ein Ass hat El-Sayed noch im Ärmel

El-Sayeds Vorsprung in den Umfragen, zeitweise satte sieben Prozentpunkte, ist zuletzt geschrumpft. An diesem vorletzten Wochenende vor der Wahl zaubert Team Abdul noch ein Ass aus dem Ärmel – den ehemaligen Präsidenten Barack Obama.

El-Sayed hatte Obama in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, unter anderem wegen seiner Drohnenangriffe auf Pakistan und Jemen. Bei der Rally in Detroit aber signalisieren beide Einigkeit. Obama spricht lange über Korruption, über Donald Trump, der sich als Präsident bereichere, und darüber, wie sich Durch­schnitts­ame­ri­ka­ne­r:in­nen keine Häuser und Krankenversicherung mehr leisten können.

„Wann immer sich eine Bewegung formiert, die dieses kaputte System infrage stellt, werden die Menschen, die vom Status quo profitieren, alles sagen und tun, um sie aufzuhalten“, ruft der Ex-Präsident. „Sie werden Lügen nutzen, sie werden Angst nutzen und manchmal nutzen sie sogar deinen Namen.“ Er selbst kenne das nur zu gut. „Das hat bei mir nicht funktioniert, nicht in Michigan, und bei Abdul wird es auch nicht funktionieren!“ Die Menge skandiert: „Abdul, Abdul, Abdul!“

Die Recherche wurde durch ein Daniel-Haufler-Stipendium der taz panterstiftung ermöglicht.

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