Kolonialismus-Gedenkort: An der Basis vorbei

Im Inneren des begehbaren Backstein-Elefanten ist es dunkel. Kaum Licht dringt in die Krypta, die sich im Fußteil des Antikolonialdenkmals im Bremer Nelson-Mandela-Park befindet. 1932 feierlich eingeweiht, sollte das „Kolonialehrendenkmal“ die blutige koloniale Täterschaft der Stadt verherrlichen.

Der Bremer Kaufmann Alfred Lüderitz war es, der Ende des 19. Jahrhunderts mit betrügerischen Verträgen Land im heutigen Namibia erwarb. 1884 wurde „Deutsch-Südwestafrika“ zur ersten deutschen Kolonie. Lüderitz ebnete damit den Weg für den Genozid an den Herero und Nama, bis 1908 wurden 100.000 von ihnen von deutschen Kolonialsoldaten ermordet.

1988, nach mehr als einem Jahrzehnt zivilgesellschaftlichem Ringen, wurde der Elefant zum Anti-Kolonial-Denkmal. „Der 10 Meter hohe Elefant ist nicht nur der größte, sondern auch der einzige Ort, der in Deutschland offiziell dem Gedenken an die deutschen Kolonialverbrechen gewidmet ist“, sagt der Bremer Grünen-Politiker Ralph Saxe, Vorsitzender des Vereins „Der Elefant!“, der sich seit 2011 um die Instandhaltung des Gedenkorts kümmert.

Saxe, seit Anfang des Jahres auch Vizepräsident der Bremischen Bürgerschaft, hatte im Sommer vorgeschlagen, Bremen mit Bremerhaven zum Standort für den von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer geplanten „Erinnerungsort Kolonialismus“ zu machen, mit dem Elefanten als Bezugspunkt.

Entscheidung für Bremen

Tatsächlich hieß es dann Ende September, Weimer habe die Entscheidung für Bremen im Kulturausschuss des Bundestages verkündet. Weimers Pressestelle dementierte die Nachricht kurze Zeit später: Der Kulturstaatsminister führe noch Gespräche mit dem Land Bremen und dem städtischen Übersee-Museum in Bremerhaven. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.

Im Vorfeld hatte Weimer betont, ein Kriterium für die Standortentscheidung sei eine lebendige Zivilgesellschaft, die sich mit der Aufarbeitung des Kolonialismus befasse. Genau diese Zivilgesellschaft ist in Bremen jedoch gar nicht glücklich mit dem Vorgehen des Kulturstaatministers. Sie seien „irritiert bis empört“ darüber, wie der derzeitige Prozess ablaufe, sagt die Kulturwissenschaftlerin Lilli Hasche von der Initiative „Walle entkolonialisieren!“, die sich unter anderem für die Umbenennung von Straßennamen engagiert.

Als es Ende September hieß, dass die Entscheidung für Bremen bereits gefallen sei, organisierte die Aktivistin Virginie Kamche vom Afrika-Netzwerk Bremen ein Treffen mit dem Netzwerk bremen.global, einem Dachverband von über 30 entwicklungspolitischen Initiativen und Vereinen. Gemeinsam habe man sich darüber austauschen wollen, was man nur aus den Medien mitbekam, sagt Kamche. „Es war uns wichtig, nicht nur Menschen aus Vereinen und anderen Initiativen zu erreichen, sondern auch die afrikanische Diaspora.“

Kamche engagiert sich seit über zehn Jahren in der dekolonialen Community von Bremen. Seit 2017 ist sie hauptamtliche Eine-Welt-Promotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung, seit März diesen Jahres zudem Vorsitzende des Bremer Landesdekolonialisierungsbeirats, der Verwaltung und Politik bei der Entkolonialisierung gesellschaftlicher Strukturen beraten soll.

Weder als Vorsitzende des Beirats, noch in einer anderen ihrer Funktionen wurde Virginie Kamche bislang vom Kulturstaatsminister auf den geplanten Gedenkort zum Kolonialismus angesprochen. Dabei sei es wichtig, dass die Stimmen von Communitys deutschlandweit gehört werden, sagt sie. „Das sind Menschen, die immer noch von den Folgen von Kolonialismus betroffen sind. Wenn niemand mit uns spricht, dann ist das eine Form von kolonialer Kontinuität.“

Mit Ak­teu­r*in­nen aus der dekolonialen Community Hamburgs und Berlins habe man sich in den vergangenen Wochen zusammengeschaltet, sagt Kamche – auch diese Städte sind als Standorte für einen kolonialen Gedenkort im Gespräch. Die Frustration über den derzeitigen Prozess sei dort groß gewesen.

Die Idee, endlich einen nationalen Erinnerungsort für die Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen zu errichten, ist nicht neu: Bereits die Ampelkoalition hatte in ihrem Koalitionsvertrag von 2021 einen „Lern- und Erinnerungsort Kolonialismus“ vorgesehen. Weimers Vorgängerin Claudia Roth plante sogar, den Kolonialismus in die deutsche Gedenkstättenkonzeption aufzunehmen.

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Wenn niemand mit uns spricht, dann ist das eine Form von kolonialer Kontinuität

Virginie Kamche, Aktivistin und Vorsitzende des Bremer Landesdekolonialisierungs­beirats

Bei dem von Weimer Ende 2025 vorgelegten Gedenkstätten-Konzept geht es dagegen wieder nur um die NS-Diktatur und das SED-Unrecht. Für die Aufarbeitung des Kolonialismus kündigte der Kulturstaatsminister ein eigenes Konzept an. Auf das wird seither gewartet. Laut einer Pressemitteilung von Ende September soll das Papier „im Herbst diesen Jahres“ vorlegt werden, also sehr bald.

Wie der im Koalitionsvertrag angedachte „würdige Erinnerungsort“ aussehen soll, ist bislang noch offen. „Es kann nicht darum gehen, irgendwo ein Denkmal oder ein Archiv hinzustellen“, sagt der Jurist und Mitbegründer des Bremer Afrika-Archivs, Manfred Hinz. Seit den 1970ern engagierte sich Hinz in der Aufarbeitung der Bremer Kolonialgeschichte. Nachdem Namibia 1990 die Unabhängigkeit von der südafrikanischen Besatzung erlangt hatte, wirkte er auch an der Vorbereitung der Verfassung des jungen Staates mit.

Er sehe es so, dass der Kolonialismus noch nicht vorbei sei, sagt Hinz: „Er lebt in unseren Köpfen fort. Und auch in den ehemalig kolonialisierten Ländern sind die sozialen und politischen Folgen noch immer präsent.“

Ort der Begegnung

Virginie Kamche versucht derweil nach vorne zu blicken. „Wir machen uns nicht nur in Bremen, sondern auch mit Hamburg und Berlin bereits Gedanken, wie wir uns einen Gedenkort vorstellen.“ Es soll ein Ort der Begegnung werden, der dazu aufrufe, sich mit kolonialen Abhängigkeiten und rassistischen Strukturen auseinanderzusetzen.

Irgendwann würden sie mit ihren Vorstellungen auch nach außen gehen, sagt Kamche. „Ich will nicht schon wieder, dass für uns, über uns, ohne uns geredet wird.“

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