Kommunalwahlen in Südafrika: Kap der falschen Hoffnung

L inda Muwalos Augen huschen unter ihrem Tarnfleckhut nach rechts und links. Dann beugt sich die Marktfrau etwas vor. Sie spricht leise, fast flüsternd: „Ich kann nicht nach Hause gehen. Ich habe vier Kinder, wir brauchen das Geld.“

Muwalo ist Ausländerin. Sie kam vor zehn Jahren aus dem bitterarmen Malawi nach Südafrika, nach Bellville, einem Vorort von Kapstadt. Hier verkauft die 37-Jährige Tomaten, Orangen, Okraschoten und afrikanische Heilkräuter an Menschen mit wenig Geld. Ein bescheidenes Geschäft, von dem eine ganze Familie abhängt.

Lange stand Linda Muwalo mit ihren Waren auf den guten Plätzen am Eingang des Marktes. Dann begannen die Anfeindungen. „Concerned citizens“, besorgte Bürger, verjagten Muwalo und andere Händler:innen. Nun breitet die Ostafrikanerin ihre Tüten mit Gemüse und Grünzeug ein Stück abseits auf dem Gehsteig aus. Über ihr steht ein fleckiger Pavillon. Darunter sucht sie mit befreundeten Verkäuferinnen aus Malawi und Somalia Schutz vor der Oktobersonne. „Geht nach Hause!“ Diesen Satz, sagt Muwalo, hören die Frauen mehrmals am Tag. Es genüge, als Ausländerin erkannt zu werden. „Wenn sie damit nur aufhören könnten.“

Im Frühjahr begannen in Bellville ausländerfeindliche Proteste. Rund 300 Süd­afri­ka­ne­r:in­nen zogen singend durch das Viertel, Baseballschläger und Stöcke in den Händen. Auf ihren T-Shirts stand der Name ihrer Bewegung: „March and March“. Sie greift einerseits den Zulu-Nationalismus des früheren Präsidenten Jacob Zuma auf. Andererseits ist sie anschlussfähig an eine Organisation rechter, weißer Afrikaaner.

An der Spitze marschierte Jacinta Ngobese-Zuma, Radiomoderatorin und Anführerin der Proteste. “Ja, wir spalten“, sagte sie damals einem Fernsehteam. „Wir spalten uns ab von Leuten, die längst das Land hätten verlassen müssen.“

Kurz zuvor war in den sozialen Medien behauptet worden, ein aktuelles Grundsatzurteil des Verfassungsgerichts garantiere Asylsuchenden automatisch den Aufenthalt – Fake News, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten.

Ob jemand wie Linda Muwalo völlig legal in Südafrika lebt, scheint für March and March keine Rolle zu spielen. Für Ngobese-Zuma, ihre Bewegung und die radikalen Parteien, die auf dieser Protestwelle reiten, hat Zugehörigkeit nichts mit dem Gesetz zu tun. Und nicht so viel mit der Wirklichkeit. Nach offiziellen Zahlen leben nur 2,4 bis 3,3 Millionen Mi­gran­t:in­nen in Südafrika. Das sind 4 bis 5 Prozent der Bevölkerung. Und sie sind wichtig für die Wirtschaft, sagen Expert:innen.

Im Juni standen die Leute von March and March vor den Läden von Somaliern, Pakistani und Simbabwerinnen. Sie wollten die Geschäftsleute zwingen, ihre Läden zu schließen. Auf informelle Händlerinnen wie Linda Muwalo warfen sie Obstkisten, um sie von ihren Stammplätzen zu vertreiben. Im August floss dann Blut auf das Pflaster des Marktes von Bellville.

Die Stöcke, Symbol des Nationalismus der Zulu, der größten Volksgruppe Südafrikas, blieben nicht länger bloße Drohgebärde. Sie wurden zu Waffen. Die Protestierenden griffen die ausländischen Händ­le­r:in­nen damit an, traten auf Menschen ein und plünderten Geschäfte. „Ich hatte solche Angst“, sagt Linda Muwalo, die zumindest körperlich unverletzt blieb. Der Polizei sei es schwergefallen, die Gewalt unter Kontrolle zu bringen, sagt Muwalo. Trotz Tränengas und Blendgranaten. Im September und Oktober gab es ganz ähnliche Szenen, hier und andernorts im Land. March and March wollte vor Südafrikas Lokalwahlen am 4. November Druck aufbauen.

Die Republik an Afrikas Südspitze kennt solche Ausschreitungen. Schon 2008 starben bei ausländerfeindlichen Angriffen mehr als 60 Menschen. Zehntausende wurden vertrieben. Danach flammten die Proteste immer wieder auf. Neu an der jüngsten Welle sind ihr Organisationsgrad und ihre geografische Reichweite. Der Hass entlädt sich nicht mehr nur in der Provinz Gauteng rund um Johannesburg. Er erfasst das ganze Land. Und er zeigt Wirkung.

Seit Juni haben mehr als 160.000 Aus­län­de­r:in­nen Südafrika verlassen. Viele meldeten sich freiwillig, um sich in staatlich organisierten Bussen deportieren zu lassen. Simbabwe, Nigeria und Ghana leiteten schließlich selbst Maßnahmen ein, um ihre Staats­bür­ge­r:in­nen zurückzuholen. Auch Muwalos Mann machte sich auf den Weg zurück nach Malawi. Mit den vier Kindern legte er 3.000 Kilometer zurück. Linda Muwalo blieb. Die Familie braucht die paar Rand, die sie hier auf dem Markt verdient.

Nicht alle schafften es rechtzeitig fort. Im Sommer machte Nigeria die südafrikanischen Behörden für den Tod zweier seiner Staatsbürger verantwortlich. Ende Oktober schlugen rund 50 Randalierer in der Ostküstenstadt Durban einen Ausländer tot.

In Kapstadt fallen die Proteste kleiner aus als in Johannesburg und Durban. Doch auch hier im Süden kann die Gewalt tödlich enden. Bashiru Isak, ein Ghanaer und Vater von drei Kindern, wurde hier während der Proteste im Sommer erschossen. Ausgerechnet hier. In einer Stadt, deren politische Führung nicht müde wird, sich vom Rest des Landes zu distanzieren.

An der Voortrekker Road, nur ein paar Schritte entfernt vom Markt in Bellville, steht Hausnummer 177: ein ockerfarbener Klinkerbau aus den neunziger Jahren, die Außenstelle des südafrikanischen Innenministeriums. Vor dem Eingang warten rund 50 Menschen in einer Schlange. Weiße Rentner, die ihre Reisepässe abholen, indische Südafrikanerinnen, Coloureds und Schwarze, die Geburts- oder Heiratsurkunden brauchen. Und Ausländer:innen, die ihre Aufenthaltspapiere erneuern wollen.

Dorel Clansia ist 22 Jahre alt und stammt aus dem Kongo. „Ein Land, das Ausländer anzieht, ist gesegnet“, sagt er. 2016 kam er nach Südafrika, zum Studieren, eigentlich. Dann starb sein Vater, das Geld aus dem Kongo blieb aus. Das Studium war nicht mehr zu bezahlen. Clansia begann, Autoreifen zu flicken. Heute verdient er damit genug, um seine Freundin zu unterstützen, eine Coloured-Südafrikanerin, und für die gemeinsame kleine Tochter zu sorgen.

„Es gibt genug Männer, die ihre Kinder im Stich lassen“, sagt Clansia. Er werde nicht gehen. Er werde sich um seine Tochter kümmern. Sie sei schließlich eine „richtige“ Südafrikanerin.

Clansia ist groß gewachsen, er trägt Shorts und ein graues T-Shirt. Sein Englisch hat einen leichten französischen Akzent. „Wir sind keine Kriminellen, wir arbeiten, wir zahlen Steuern“, sagt er. „Wir sind alle Afrikaner.“ Die Südafrikaner, die im Kongo lebten, würden nicht so schlecht behandelt.

Dass March and March gegen Menschen wie ihn mobilmacht, während weiße deutsche, niederländische und andere Aus­län­de­r:in­nen in Südafrika weitgehend unbehelligt bleiben, hält er für keinen Zufall. Die Bewegung werde die Weißen nicht antasten, glaubt Clansia. Warum? „Weil sie Geld haben und ins Land bringen. Was die nicht sehen: Schwarze investieren auch hier.“

Die Schlange vor dem Amt rückt langsam vor. Clansia wartet darauf, seinen Aufenthaltstitel verlängern zu lassen. Eine Plastikkarte, die darüber mitentscheidet, ob er bleiben darf, wo er sich ein Leben aufgebaut hat. „Die Regierung ist so etwas wie unser Vater“, sagt Clansia. „Sie bestimmt, wer gehen muss und wer nicht.“ Doch zu dieser Macht gehört auch eine Verantwortung. Clansias Stimme wird fester. Von einem Mob werde er sich nicht vertreiben lassen. „Die Regierung muss viel entschiedener eingreifen“, sagt er.

Doch ausgerechnet jetzt, kurz vor den Wahlen, hält sich die Politik auffällig zurück. Die Kan­di­da­t:in­nen und Abgeordneten wagen kaum, March and March in die Schranken zu weisen. Noch seltener sind öffentliche Gesten der Solidarität mit den Ausländer:innen, die angegriffen, bedroht und von ihren Arbeitsplätzen vertrieben werden. Zu groß scheint die Furcht, sich gegen das zu stellen, was die Parteien als den „Willen des Volkes“ vermuten.

Dabei geht es bei diesen Kommunalwahlen doch um mehr als Sitze in den Kommunalräten und Rathäusern oder um Themen wie eine funktionierende Infrastruktur. Es geht um den Charakter der südafrikanischen Gesellschaft – und die Zukunft einer noch jungen Demokratie.

Schon die Lokalwahlen 2021 waren ein Schlüsselmoment für das freie Südafrika. Die Vorherrschaft des African National Congress (ANC), einst Befreiungsbewegung gegen die Apartheid und Partei Nelson Mandelas, schwand erstmals deutlich. Koalitionen wurden notwendig in Südafrikas 257 Kommunen, 2024 schließlich auch auf nationaler Ebene.

Der neue politische Wettbewerb könnte dem ANC helfen, Korruption und Chaos in den eigenen Reihen in den Griff zu bekommen. Dass in sechs der acht Metropolregionen, dass sogar in der ANC-Hochburg Johannesburg die weiß geprägte, wirtschaftsliberale Democratic Alliance (DA) die anstehenden Lokalwahlen gewinnen könnte, erhöht den politischen Druck enorm. Und dann sind da ja noch die Proteste.

In Kapstadt regiert die DA schon seit 20 Jahren und rühmt sich ihrer Infrastrukturprojekte. „Cape Town works“ – Kapstadt funktioniert, lautet die Devise auch in diesem Wahlkampf. Als ließe sich die Kapmetropole vom Rest des Landes trennen. Als wäre das, was jenseits der luxuriösen Villen an der Sonnenseite des Tafelbergs geschieht, nicht Teil Kapstadts. Etwa die Welle der Gewalt gegen Taxifahrer in den Townships Delft, Gugulethu, Khayelitsha und Bonteheuwel. Drei Tote, sechs Verletzte allein in den Tagen vor der Wahl. Und dann die ausländerfeindliche Gewalt in Bellville und andernorts in der Stadt.

Zwischen den riesigen Wellblechsiedlungen und den Stränden der Schönen und Reichen im vornehmen Clifton liegt das Viertel Bokaap mit den bunten Häuschen, den Moscheen und Schwulenbars – und natürlich Kapstadts schattige Altstadt. Afrikanische Marktstände zwängen sich hier zwischen Kolonialbauten und gotische Kirchen. Handwerker, Hipster und alte Kap-Malaiinnen streifen durch die Straßen, Letztere mit Kopftuch und ohne Schuhe. Reinigungstrupps, ganz in Gelb, marschieren mit Besen in der Hand. Private Sicherheitsfirmen kontrollieren im Auftrag der Stadt die Einkaufsstraßen. Cape Town works.

Vom achten Stock eines Hochhauses an der Church Street aus liegt Kapstadt Paula Assubuji zu Füßen. Von hier oben, über den Dächern der Stadt, betrachtet die Ökonomin ein Land, in dem sich die politischen Fronten neu sortieren. Assubuji leitet das Auslandsbüro der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung in Kapstadt. Die zierliche Frau mit den Locken beobachtet, wie sich der Hass auf afrikanische Ein­wan­de­re­r:­in­nen zu einer politischen Kraft entwickelt hat.

„Vor diesen Wahlen hat die afrophobe Bewegung richtig Fahrt aufgenommen“, sagt sie. Dass March and March und andere Gruppen so gut organisiert seien, lasse auf finanzielle Unterstützung schließen. Woher das Geld komme, sei unklar. Möglich sei, dass ausländische Regierungen ein Interesse daran hätten, Südafrika zu destabilisieren. Viele im Land spekulieren, ob nicht US-Präsident Donald Trump seine Finger im Spiel haben könnte, der Südafrikas Regierung verachtet. Er hatte immer wieder behauptet, in Südafrika finde ein „Genozid“ an weißen Südafrikanern statt und sie würden ohne Entschädigung ihres Landes beraubt. Auch Israel vermuten manche als Akteur im Hintergrund, weil Südafrika das Land vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt hat, in Gaza einen Völkermord zu begehen. Nachweise für all das gibt es nicht.

Im Inland sieht Assubuji Verbindungen zum politischen Umfeld der Partei uMkhonto weSizwe, kurz MK, des früheren Präsidenten Jacob Zuma. Zuma habe die Zulu, seine eigene Volksgruppe, stets politisch bevorzugt; March and March knüpfe daran an. Auch Afriforum, eine rechte Organisation, die vor allem weiße Afrikaaner vertritt, suche die Nähe zur Bewegung.

Denn für politische Außenseiter können die Proteste zur Bühne werden: Wer gegen Ausländer mobilisiert, schafft es in die Nachrichten – und hofft, bei den Kommunalwahlen Stimmen dazuzugewinnen. Gegen Aus­län­de­r:in­nen können Weiße wie Schwarze Na­tio­na­lis­t:in­nen mit Gewinn hetzen. Und auch die Coloureds, in deren Stammbäumen sich Europäer:innen, Kapsklavinnen und indigene Khoi-San finden, haben hier in der Provinz Westkap eine ausländerfeindliche Kleinpartei: die Patriotic Alliance.

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Wer gegen Ausländer mobilisiert, schafft es in die Nachrichten – und hofft, bei den Kommunalwahlen Stimmen dazuzugewinnen

„Das ist nicht weniger als eine direkte Attacke auf die südafrikanische Verfassung von 1996“, sagt Paula Assubuji. Die sollte nach dem Ende der Apartheid den Gegenentwurf zu einem Staat bilden, der Menschen nach ihrer Hautfarbe sortierte: eine demokratische Ordnung, in der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt zusammenleben.

Doch ausgerechnet die „Regierung der nationalen Einheit“ unter ANC-Präsident Cyril Ramaphosa habe den afrophoben Protesten Raum verschafft, sagt Paula Assubuji. Zwar habe Ramaphosa die Gewalt verurteilt. Zugleich aber habe sich seine Regierung von der Stimmung auf der Straße treiben lassen.

Kommunalwahlen in Südafrika

Am Mittwoch, 4. November, werden in Südafrika die Kommunalvertretungen neu gewählt. 10.526 Sitze stehen in 4.488 Wahlkreisen zur Wahl, von den Bürgermeisterposten der Millionenstädte bis zu den Dorfräten.

Bei den vergangenen Kommunalwahlen 2021 war die ehemalige Befreiungsbewegung ANC (African National Congress), die Südafrika seit 1994 regiert, erstmals unter 50 Prozent gerutscht und bei rund 45 Prozent gelandet. Sie regiert seitdem nur noch vier der acht Großstadträume und büßte zahlreiche Gemeinden ein. Die Parlamentswahl 2024 bestätigte den ANC-Abwärtstrend. Dieses Jahr ist die große Frage, ob die ANC-Wählerbasis weiter erodiert.

Besonders deutlich werde das beim Innenministerium, sagt Assubuji. „Das ist eigentlich eine chaotische Institution. Aber in dem Moment, in dem es um Abschiebungen ging, funktionierte sie.“ Als Ramaphosa Vertreter von March and March in Pretoria zu Gesprächen empfing, habe er sie zusätzlich aufgewertet. Aus einer Bewegung, die Menschen einschüchtert, sei damit auch ein Gesprächspartner der Regierung geworden.

Die Democratic Alliance gibt sich gemäßigter. Zumindest auf den ersten Blick. Die Partei, die in Pretoria mitregiert und Kapstadt regiert, präsentiert sich gern als farbenblinde Verfechterin effizienter Verwaltung. Sie bemüht sich, nicht mit den offen ausländerfeindlichen Gruppen in einen Topf geworfen zu werden. Doch auch sie wolle Härte demonstrieren, sagt Assubuji – vor allem gegenüber wohlhabenden Ausländer:innen.

Im Wahlkampf ließ sich Kapstadts DA-Bürgermeister Geordin Hill-Lewis dabei filmen, wie er in bürgerlichen Vierteln Westafrikaner in teuren Autos anhielt und ihre Papiere kontrollierte. Die Inszenierung zielte auf einen Verdacht: Wer sich solche Wagen leisten kann, so die Botschaft, müsse sein Geld illegal verdient haben. Ein anderer DA-Kandidat ging noch weiter. Für seine sozialen Medien organisierte er auf eigene Faust eine nächtliche Razzia bei schwarzen Männern, die in einem ärmlichen Verschlag übernachteten. “Sprecht ihr Afrikaans?“, brüllte er sie an. Die Frage sollte offenbar klären, ob es sich bei den Männern um Südafrikaner handelte. Auch Armut ist wohl erst legitim, wenn sie die Richtigen trifft.

Assubuji hebt resigniert beide Hände. „Die DA singt dasselbe afrophobe Lied wie die anderen Parteien“, sagt sie. „Es unterscheidet sich nur in der Tonart.“ Dabei steht Südafrika vor Aufgaben, die sich nicht mit krassen Videos und Ausländerhass lösen lassen.

Der ANC müsse sich grundlegend erneuern, sagt Assubuji. Der Verweis auf die eigene Rolle im Befreiungskampf habe sich abgenutzt. „Zu sagen: ‘Ich war während der Apartheid ein Freiheitskämpfer’, reicht nicht mehr.“ Für die Menschen gehe es bei den Wahlen heute vor allem um Konkretes: um Strom, der zuverlässig fließt, um sauberes Trinkwasser, um Straßen, die instand gehalten werden. Um Steuergeld, das nicht veruntreut werden darf.

Doch auch die DA, die ihre Kapstädter Erfolge bei diesen Themen auf die anderen Metropolen im Land übertragen will, könne sich nicht allein auf funktionierende Infrastruktur berufen, sagt die Grüne Paula Assubuji. Auch in einer Analyse des Südafrikabüros der konservativen Konrad-Adenauer-Stiftung heißt es, dass sich in Kapstadt hinter den Touristenpfaden und den sauberen Straßen eine Stadt verbirgt, die geprägt sei „von extremer Ungleichheit, Wohnungsmangel, Bandengewalt, räumlicher Apartheid und zunehmend erbitterten Auseinandersetzungen darüber, wer von ihrem Erfolg profitiert.“

Wo der Wettbewerb um Wohnraum und ein Einkommen immer härter wird, sind Aus­län­de­r:in­nen schnell zu Sündenböcken gemacht, sagt wiederum die Soziologin und Aktivistin Vainola Makan aus Bellville. Makan setzt sich mit ihrem Verein Ubuntu für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in ihrem Viertel ein – und auch für die Ausländer:innen. „Wir Nichtweiße haben in der Zeit der Apartheid viel von der Menschenfeindlichkeit internalisiert“, sagt Makan, „das bekommen nun die afrikanischen Aus­län­de­r:in­nen zu spüren.“

Und die dürfen bei den Lokalwahlen nicht mitmachen. Sie können sich nicht wehren. Oder etwa doch?

Die Hauswände um den Markt in Bellville, an dessen Rand die Malawierin Linda Muwalo und ihre somalischen Freundinnen Tomaten und Orangen verkaufen, haben Graffiti-Künstler:innen gestaltet. Auf einer Mauer läuft eine Herde von Elefanten, kleine und große, in Violett, Rot, Orange, Gelb, Grün und Blau. Das Bild soll die Regenbogennation symbolisieren, zu der sich die Republik Südafrika nach dem Ende der Apartheid ausgerufen hat.

„Eines Tages werden wir uns mit der so hochgepriesenen Verfassung auseinandersetzen und überlegen müssen, wie wir uns vor ihren verheerenden Auswirkungen schützen können“, schimpfte die afrophobe Anführerin Jacinta Ngobese-Zuma kürzlich auf ihrem Facebook-Account. Der Anlass: Der Verein der So­ma­lie­r:in­nen in Südafrika hat zusammen mit südafrikanischen An­wäl­t:in­nen des Legal Resources Centres im Namen von 20 informellen Händ­le­r:in­nen aus Bellville Klage eingereicht. Gegen Ngobese-Zumas ausländerfeindliche Bürgerwehr – und gegen die Stadt Kapstadt.

Die Händ­le­r:in­nen möchten, dass das Hohe Gericht der Provinz Westkap das Unterlassen wirksamer Sicherheitsmaßnahmen seitens der Stadt und Polizei für verfassungswidrig erklärt. Die Behörden sollen einen „detaillierten, abgestimmten Plan“ zum Schutz der Händ­le­r:in­nen vorlegen. Ein Urteil gibt es noch nicht, die Stadt reagierte aber schon mit dem Versprechen, die Situation in Bellville genau zu beobachten und die Sicherheitsmaßnahmen gegebenenfalls auszuweiten. Und Polizeisprecher Ndakhe Gwala sagte, seine Behörde habe „einen Notfallplan mit zusätzlichen Einsätzen in der Hinterhand, um ein erneutes Auftreten solcher Gewalt zu verhindern“.

In Durban ist die Polizei inzwischen selbst vor Gericht gezogen, um ein Demoverbot um den Wahltag herum zu erwirken. Während der Wahl und der Auszählung der Stimmen sind dort March-and-March-Proteste nur noch zwischen 9.00 Uhr und 15.00 Uhr gestattet – und nur ohne Waffen und Gesten der Einschüchterung.

„Wir haben keine Sonderwünsche“, sagt Linda Muwalo in Kapstadt. Sie und die anderen ausländischen Händ­le­r:in­nen auf dem Markt von Bellville wollen sich schlicht wieder sicher fühlen. Sie haben gültige Verkaufslizenzen. Und Vertrauen in eine Verfassung, in deren Präambel es heißt: „Wir glauben daran, dass Südafrika all jenen gehört, die darin leben – vereint in unserer Vielfalt.“

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