
H uhu! In drei Minuten werde ich für die gesamte Menschheit das Internet abschalten. Wie meine Eltern, die früher immer damit drohten, das Wasser abzudrehen, wenn ich zu lange unter der Dusche stand. Sie haben es zwar nie gemacht, ich bin da zum Glück konsequenter.
Weil ich seit dem Fall Ulmen/Fernandes nun endgültig die Nase voll habe von all den Unsäglichkeiten im Netz, werde ich es jetzt für alle abdrehen: nicht nur Darkweb und Pornokanäle, auch die Chatbots, Social Media und sämtliche Verkaufsplattformen, des weiteren Dating- und Liefer-Apps, Onlinenachrichten, die Spiele, einfach alles. Seid nicht sauer, es ist zu unserem Besten. Immerhin haben wir so viel Zeit online verdaddelt, dass wir davon komplett gaga geworden sind.
Wir shoppen online, als wären wir ein Einkaufswagen in XXL. Wir erschaffen digitale Abbilder von uns, die makellos sein sollen, gleichzeitig setzen sie uns unter Druck, weil wir ihnen in keiner Weise gerecht werden können. Wir spekulieren, dass wir mit einem Fußballstadion an Bekanntschaften ein glücklicheres Leben hätten, und dass ihre kleinen digitalen Herzchen unseren Selbstwert so groß machen, dass wir uns nie wieder klein fühlen müssen.
Im nächsten Moment wollen wir frei, wild und wunderbar sein, doch wenn wir ehrlich sind, sind wir immer angepasster und schrecklicher geworden. Der Anfang des Internets war wie die Einladung zu einer riesengroßen Party. Doch bei jeder Party, die zu lange dauert, kippt irgendwann die Stimmung.
In unserem Fall leiden die Gäste unter Reizüberflutung, dem Wegfall von Jobs und ihrer zunehmenden sozialen Isolation. Als ob das nicht schon genug wäre, folgten Cyberangriffe und digitale Gewalt, überproportional oft maskulin aufgeladen. Das Internet ist längst kein guter Ort mehr.
Wann ging es euch das letzte Mal gut?
Und wo sind wir? Endstation Geierhals. Wir sind die Verspannung, die Schlafstörung, die Panikattacke und die Wut im Bauch. Vor uns tun sich Gräben auf. Tief wie nie. Hier eine Bubble, da die nächste, unendlich viele Blasen, eine neben der anderen, alle wobbeln sie nebeneinander her, wo sie sich berühren, platzen sie oder eine verschluckt die andere – wie bei Kirby aus dem Computerspiel.
Vielleicht war Kirby nie ein niedlicher Problemstaubsauger, sondern der Prototyp von ChatGPT. Wie Kirby frisst die KI alles, was ihr in die Quere kommt: Bücher, Biografien und am Ende die Menschen selbst. Einige von uns werfen sich freiwillig zum Fraß vor und bevorzugen es, mit einem Textfeld zu sprechen statt mit einem menschlichen Gegenüber. Andere werden ihr zum Fraß vorgeworfen wie bei Deepfakes. Hier hilft nur noch ein radikaler Schnitt.
Eine Lebensweise, die sich in Scrollen, Wischen, Liken und auf den Bildschirm Starren erschöpft, hat ihre Würde verloren. Überlegt mal. Wann ging es euch das letzte Mal gut, als ihr vor eurem Laptop oder eurem Smartphone gesessen habt? Wann habt ihr gedacht, hier habe ich eine richtig gute Zeit?
Als körperliche Wesen sind wir nur eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten. Zwar träumen die Techbros von digitaler Unsterblichkeit, aber ist es wirklich so erstrebenswert, als Bits und Bytes in einer Clowd rumzuschwirren? Ich glaube nicht.
Da spürt man dann nämlich nicht mal mehr seinen großen Zeh. Und ich spüre gerne meine großen Zehen beim durch die Straßen laufen auf dem Weg zu einem Stück Kuchen. Während du das hier gelesen hast, den letzten Onlinetext in deinem Leben, wurde im Hintergrund das gesamte Internet gelöscht. Wir sehen uns draußen in der Bäckerei!






