Abhängigkeit von Öl und Gas: In der fossilen Falle

D er Krieg der USA und Israels gegen Iran geht mit unverminderter Härte weiter. In dem kaum noch überschaubaren täglichen Informationskonfetti der Medien sind die vielen Toten, sind Leid und Flucht und die massiven Zerstörungen nur noch eine dunkle Ahnung. Gleichzeitig rückt die weltweite Energieversorgung verstärkt in den Fokus. Denn der Krieg tobt am Persischen Golf, im Nukleus der globalen Öl- und Gasförderung.

Je länger der Krieg dauern wird, desto verheerender werden die Folgen einer drohenden Energieverknappung sein. Inzwischen sind zehn Länder in die Kämpfe verwickelt, unter ihnen auch die fossilen Energieriesen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuweit, Katar und natürlich Iran. Offenbar sind Tanker, Förderanlagen, Raffinerien und Kraftwerke bevorzugte Ziele von Raketen- und Drohnenangriffen; das fossile Herz der globalen Energieversorgung ist entzündet.

Als Folge des Kriegs ist der Preis für Erdgas rasant um bis zu 50 Prozent nach oben geschossen. Katar, einer der wichtigsten Gasexporteure weltweit, war von Iran mit Drohnen angegriffen worden und musste offenbar seine Flüssiggasproduktion drosseln. Auch der schon im Vorfeld angestiegene Ölpreis legte nochmal um zehn Prozent zu. Ein Sprung von aktuell über 80 auf bis zu 100 Euro je Barrel erscheint inzwischen durchaus möglich. Erst recht, wenn der Krieg tatsächlich vier Wochen dauern sollte, wie US-Präsident Donald Trump angekündigt hat.

Die energiepolitischen Sorgen der Importländer richten sich vor allem auf die Straße von Hormus. Die Meerenge zwischen Iran und Oman gehört zu den weltweit wichtigsten Handelsrouten. Dort stehen inzwischen mehr als 100 Versorgungsschiffe im maritimen Stau. Iran hat angedroht, jeden Tanker anzugreifen, der die Meerenge passieren will. Um die 20 Millionen Barrel Öl, also rund ein Fünftel des globalen Tagesverbrauchs von 105 Millionen Barrel, werden täglich über die Straße von Hormus in den Weltmarkt verschifft.

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Ein kaum kalkulierbares Risiko

Beim Flüssigerdgas wird sogar ein Viertel des global gehandelten Volumens über die neuralgische Meerenge transportiert. Die handelspolitischen Auswirkungen des russischen Kriegs gegen die Ukraine werden hier deutlich: Nach dem weitgehenden Stopp von russischem Gas sind die Importe aus den Golfstaaten für die Energieversorgung Europas viel wichtiger als früher. Deutschland verzeichnet zwar nur relativ geringe fossile Einfuhren aus der Kriegsregion – wie etwa Öl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten -, doch wenn die Notierungen an den Weltmärkten das Fliegen lernen, wären, wie die Bundesnetzagentur sanft formuliert, „die Preiseffekte auch in Deutschland spürbar“.

Noch sind Panikreaktionen ausgeblieben. Der größte Teil der Exporte über die Straße von Hormus gehe nach Asien, versuchen einschlägige Experten die Gemüter zu beruhigen. Doch ein steigender Öl- und Gaspreis würde mit zeitlichen Verzögerungen auch die hiesigen Nutzer fossiler Heizungen treffen und – das ist für einige Beobachter die größte Sorge – über die Spritpreise sehr schnell auch die Autofahrer.

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Wind- und Solarenergie sind überlebenswichtig für eine immer noch fossil dominierte Weltwirtschaft

So zeigt dieser Krieg mit seinen womöglich heftigen energiepolitischen Folgen vor allem eines: Europa und Deutschland sind trotz vielfältiger Importquellen extrem verwundbar. Die Energiewende ist kein grünes Spielzeug, sie ist bittere Notwendigkeit, um die Abhängigkeiten zu verringern. Die Öl- und Gasversorgung aus Krisenländern, Diktaturen und autokratisch regierten Ländern in instabilen Regionen bleibt ein kaum kalkulierbares Risiko. Oder wie es die Energiewissenschaftlerin Claudia Kemfert formuliert: Deutschland muss die Energiewende nicht nur aus klimapolitischen Gründen vorantreiben, sondern auch als Strategie der nationalen Sicherheit.

Wärmepumpen, Elektroautos, Wind- und Solarenergie sind kein ideologisches Programm, sie sind überlebenswichtig für eine noch immer fossil dominierte Weltwirtschaft. Wenn dann noch die Internationale Energieagentur in ihrem neuesten energiepolitischen Ausblick – ohne den Krieg vorauszusehen – vor Versorgungsengpässen der Ölversorgung in den nächsten Jahren warnt, dann wird erst recht klar, wie essenziell die Abkehr vom fossilen Energiepfad ist.

Die fossile Falle zerstört Klima und Geldbeutel

Es ist frappant, dass der Krieg im Iran in Deutschland punktgenau mit neuen energiepolitischen Weichenstellungen zusammenfällt: mit heftigen Einschnitten in der Solarförderung, mit üppigen Ausbauplänen für neue Gaskraftwerke und vor allem mit der Abschaffung des alten Heizungsgesetzes. Genauer: des Habeckschen Heizungsgesetzes, denn so wird es im politischen Raum gern genannt, um dem ehemaligen grünen Wirtschaftsminister noch einmal einen mitzugeben.

Die Häme des konservativen Lagers, dass die letzten Spuren grüner Wirtschaftspolitik damit beseitigt werden, könnte schnell in Entsetzen umschlagen. Der Krieg könnte den Menschen womöglich bewusst machen, dass sie mit der Verlockung, auch künftig weiter hemmungslos und ohne Gängelung mit Öl und Gas heizen zu dürfen, in eine toxische fossile Falle getrieben werden, die nicht nur das Klima ruiniert, sondern auch den eigenen Geldbeutel. Die Öl- und Gasheizung im Keller, den Verbrenner in der Garage, den für alle Ewigkeiten geöffneten fossilen Supermarkt im Kopf – der neue Krieg könnte diese Trias auf den Komposthaufen der Geschichte befördern. Zwei Ölkrisen haben wir – noch im alten Jahrhundert – bereits erlebt. Eine dritte mit ähnlichen Preisaufschlägen hätte verheerende Folgen.

Ist auch Deutschland von diesem Krieg betroffen? Die Antwort heißt eindeutig ja. Es geht nicht nur um eventuelle Beistandspflichten der Natoländer für die USA und die Türkei oder um die Rückkehr gestrandeter Urlauber, deren Reisen in die Golfregion vom Raketenhagel gestoppt wurden. Es geht um die verwundbare Energieversorgung eines Landes, das sich im fossilen Schützengraben einmauert – während die kostengünstigen umwelt- und klimafreundlichen Alternativen immer unverblümter blockiert werden. Aber was ist eigentlich größer: Die Angst vor Veränderung durch eine Energiewende oder die Angst vor explodierenden Öl- und Gaspreisen und einer Verknappung von Öl und Gas?

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