Abtreibungen in Turkmenistan: Kinder kriegen um jeden Preis

Ärzt*innen, die Schwangerschaftsbrüche durchführen, werden jetzt vom Staat massiv unter Druck gesetzt. Ihnen droht der Entzug ihrer Approbation.

Gefangen in der Tradition des Patriarchats: Frauen in Turkmenistan Foto: Andrey Zvoznikov/Ardea/imago

BERLIN taz | In Turkmenistan könnte Frauen der Weg zu einer legalen Abtreibung schon bald vollständig versperrt sein. In den vergangenen Wochen hätten Regierungsbeamte landesweit medizinische Einrichtungen besucht und Ärz­t*in­nen gedroht, ihnen ihre Diplome zu entziehen, sollten sie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen.

Von derartigen Vorfällen berichten Korrespondenten von Radio Asatlyk – des turkmenischen Dienstes vom US-finanzierten Radio Freies Europa – aus mehreren Regionen des zentralasiatischen Staates.

Offensichtlich haben diese drastischen Warnungen in dem Sieben-Millionen-Einwohner*innen-Staat – 90 Prozent der Bevölkerung sind Mus­li­m*in­nen – bereits den gewünschten Effekt. Frauen, die Ärzte wegen einer Abtreibung konsultieren wollten, würden überhaupt nicht mehr vorgelassen, heißt es. Ohnehin dürfen Mediziner schon jetzt eine Schwangerschaft nur dann abbrechen, wenn der Fötus aufgehört hat zu wachsen oder kein Herzschlag mehr zu hören ist.

2022 und damit sieben Jahre nach der Verabschiedung trat in der ehemaligen Sowjetrepublik ein Gesetz in Kraft, wonach Abtreibungen nur noch in den ersten fünf Wochen vorgenommen werden dürfen, wenngleich ohne medizinische Indikation. Gleichzeitig ist ein Schwangerschaftsabbruch bis zur 22. Woche aus „sozialen“ oder „medizinischen Gründen“ möglich. Dafür braucht es jedoch das Gutachten einer Expert*innenkommission.

Von all dem ist jetzt offensichtlich keine Rede mehr. Ärz­t*in­nen sind alarmiert. Vor allem junge Frauen (die Anzahl ungewollter Teenagerschwangerschaften steigt) greifen bereits zu gefährlichen Methoden. So würden sie sich in mit Wasser versetztes Kaliumpermanganat setzen oder Medikamente konsumieren, die eine Monatsblutung auslösen. Spezielle Abtreibungstabletten (Stückpreis umgerechnet um die 120 Euro) sind kaum aufzutreiben, überdies müssen die Ärzte deren Vergabe akribisch dokumentieren. Einige von ihnen führen Schwangerschaftsabbrüche weiter heimlich durch. Kosten je nach Stadium: Zwischen umgerechnet 450 und 900 Euro – enorme Summen, die viele Turk­men*­in­nen nicht aufbringen können.

Thema bei den UNO

Die jüngsten Verschärfungen werden einige korrupte Ärz­t*in­nen reicher, die Situation vieler Frauen hingegen noch unerträglicher machen. Und es könnte sein, dass sich zeitnah auch die UNO erneut mit diesem Problem befasst.

Nichtregierungsorganisationen hatten bei einem Briefing vor dem UN-Komittee zur Beseitigung der Diskriminierung von Frauen im Januar 2024 Turkmenistan aufgefordert, für Schwangere den Zugang zu Abtreibungen gemäß internationalen Standards sicher zu stellen. Turkmenistan hatte sich der gleichnamigen Konvention der UNO 1997 angeschlossen. Doch offensichtlich scheint das die Staatsführung nicht mehr zu interessieren.

Druck auf Frauen wird in Turkmenistan, eines der abgeschottesten Länder weltweit, auch noch auf andere Art und Weise ausgeübt.Ebenfalls 2022, nur kurz nach der Inthronisierung von Serdar Berdimuhamedow als Staatspräsident (er löste seinen Vater nach 15jähriger Herrschaft ab) wurden Regeln für das äußere Erscheinungsbild von Frauen erlassen. Zur Begründung hieß es, dadurch solle ausländischen Trends begegnet werden, die turkmenischen Werten zuwider liefen.

So wurden Kosmetik – und Schönheitsbehandlungen, wie beispielsweise Wimpern- und Nagelverlängerungen, Haare färben, Maniküre sowie Lippenfüller verboten. Bei Razzien auf öffentlichen Plätzen wurden beispielsweise Frauen wegen „falscher“ Wimpern festgenommen und mit Geldstrafen von umgerechnet 130 Euro belegt.

Jeans tragen verboten

Dutzende Schönheitssalons mussten schließen, weil ihre Besitzer weder Geldstrafen in Höhe von umgerechnet 250 Euro oder wahlweise 15 Tage Haft riskieren wollten. Auch das Tragen „eng anliegender“ Kleidung, wie Jeans, steht unter Strafe.

Mitarbeiterinnen von Regierungsbehörden oder Betrieben müssen eine Verpflichtungserklärung unterzeichnen. „Wenn ich über das Unternehmen, für das ich arbeite, durch meine Kleidung oder mein Verhalten Schande bringe, indem ich bei der Arbeit oder außerhalb des Büros gegen Regeln verstoße, erkläre ich mich damit einverstanden, von meinem Posten entfernt zu werden“, heißt es dort.

  • informationsspiegel

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