
Mit einer zwölfköpfigen Delegation war Kenias Außenminister Musalia Mudavadi vergangene Woche in Moskau. Sein Besuch bei seinem Amtskollegen Sergej Lawrow war eine komplizierte Mission. Zu Hause in Kenia hatte er versprochen, er werde unterbinden, dass Russland in Zukunft noch mehr Kenianer für den Krieg in der Ukraine rekrutiert. Und dass er alles versuchen werde, die dort bereits eingesetzten Kenianer nach Hause zu holen.
Konkret, so Mudavadi, befinden sich noch 252 Kenianer in Russland oder der Ukraine. Zehn seien vermisst oder tot, gab die russische Seite zu; 44 seien bereits nach Hause repatriiert worden.
„Wir können nicht in ein Kriegsgebiet gehen und die Menschen dort einfach herausholen“, sagte Musavadi und betonte: „Das ist etwas, was unsere Bevölkerung einsehen muss.“ Der einzige Weg, dies zu erreichen, sei der „Dialog“. Am Ende stand eine Erfolgsmeldung: Die Regierungen in Moskau und Nairobi entschieden, dass Kenianer nicht mehr von Russland für den Einsatz in der Ukraine rekrutiert werden.
Lawrow habe zugesagt, dass die russischen Behörden dabei helfen werden, „die Evakuierung derjenigen, die sich an vorderster Front befinden, zu ermöglichen“, so Musavadi nach den Gesprächen. Zudem solle der konsularische Dienst der kenianischen Botschaft in Moskau Verletzte in russischen Militärkrankenhäusern besuchen dürfen, um ihre Heimkehr zu arrangieren.
Wer bringt die Kriegsgefangenen heim?
Gegenüber den kenianischen Familien zu Hause betonte Mudavadi jedoch ausdrücklich: Es werde keinerlei Entschädigungszahlungen geben, denn Kenias Regierung sei für diese Rekrutierungen nicht verantwortlich. Sich als Söldner in eine fremde Armee anheuern zu lassen, ist in Kenia per Gesetz illegal. Kenias Regierung erklärte, sie werde den Rekruten, die nun aus Russland zurückkehren, Amnestie gewähren.
Zuletzt hätten die Russen zugesagt, dass sie auch bei der Rückholung kenianischer Kriegsgefangener aus der Ukraine helfen würden, erklärt Mudavadi. Ein heikles Thema, denn bislang hat Russland nur die eigenen Staatsbürger sowie Nordkoreaner beim Gefangenenaustausch zurückverlangt – aber keine Afrikaner. Dies bestätigte der ukrainische Militärgeheimdienst der taz. Die afrikanischen Leichen und Kriegsgefangenen bleiben bisher bei den Ukrainern.
Insgesamt rund 1.780 Söldner aus 36 afrikanischen Ländern würden in der russischen Armee kämpfen, hatte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha im Februar mitgeteilt. Zuvor hatte er gewarnt, dass die meisten von ihnen „nicht einen Monat überleben“.
Für Südafrika ist das Thema „heikel“
Auch Südafrika, Nigeria, Kamerun und Ghana versuchen jetzt, ihre Landsleute nach Hause zu holen. Die Verhandlungen mit Moskau seien sehr „knifflig“, betont Pauline Bax, Afrika-Analystin der International Crisis Group (ICG) gegenüber der taz. Die meisten afrikanischen Regierungen unterhalten sehr enge Beziehungen zu Moskau – allen voran Südafrika. Vor diesem Hintergrund sei es „heikel“, so Bax, „Russland anzuprangern“.
Doch es verdichten sich die Indizien, so Bax, dass die russischen Botschaften „zu einem gewissen Grad“ in diese Rekrutierungen involviert seien oder zumindest „davon Kenntnis“ hätten. Derzeit laufen in Kenia und in Südafrika Ermittlungen, um die Rekrutierungsnetzwerke zu zerschlagen. Mit im Visier ist Duduzile Zuma-Sambudla, Tochter von Ex-Präsident Jacob Zuma und bis November 2025 Abgeordnete im Parlament. Sie ist zurückgetreten und muss sich nun vor Gericht verantworten.
Insgesamt 17 Südafrikaner seien mittels Zuma-Sambudlas Rekrutierungsnetzwerken rekrutiert worden, so die Anklage vor Gericht. Präsident Cyril Ramaphosa telefonierte im Februar diesbezüglich mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Vier Männer sind bereits nach Südafrika zurückgekehrt, weitere sollen folgen, versichert die Regierung.
In Südafrika verbietet ähnlich wie in Kenia ein Gesetz ausdrücklich die Anwerbung als Söldner sowie deren Rekrutierung im Ausland. Ob Südafrikas Rückkehrer ebenso Amnestie erhalten, ist noch nicht geklärt. In Südafrika wurden zudem Arbeitsmigranten aus dem benachbarten Simbabwe angeheuert, die in Johannesburg als Taxifahrer tätig sind.
316 gefallene Afrikaner namentlich bekannt
Kamerun ist das Land, das am meisten von den Rekrutierungen betroffen ist. Ein im Februar veröffentlichter Bericht des Investigativ-Teams INPACT listete 316 Namen von gefallenen Afrikanern, die meisten – fast 100 – waren aus Kamerun. Grund dafür ist offenbar ein 2022 mit Russland vereinbartes Militärabkommen.
Ghana, das mindestens 55 Staatsbürger im Ukraine-Krieg verloren hat, ging einen anderen Weg. Sein Außenminister Samuel Okudzeto Ablakwa traf sich im Februar in Kyjiw mit Präsident Wolodymyr Selenskyj, um zwei Kriegsgefangene aus Ghana freizubekommen. „Wir haben ausführlich darüber gesprochen, wie Russland Bürger Ghanas und anderer afrikanischer Länder für den Krieg gegen die Ukraine rekrutiert und wie wir dem entgegenwirken können“, sagte Selenskyj im Anschluss.
Laut dem unabhängigen russischen Investigativ-Medium „Important Stories“ hat Russlands Regierung als Reaktion eine Liste an alle Rekrutierungsnetzwerke weltweit geschickt, wonach nicht mehr aus „befreundeten“ Ländern rekrutiert wird. Die Liste sei im Februar von 36 auf 43 Staaten erweitert worden. Darunter Kamerun und Kenia.





