Antifas in Rente: Widerstand statt Ruhestand

W as tun meine fellow Alt-Antifas gerade so? Ich glaube: Antifa-Rente ist vorbei. Ihr müsst zurück in die Gruppe! Ich will hier nicht den Merz markieren: Ich gönne allen jede Freizeit und Erholung. Aber ihr werdet gebraucht.

Ihr habt viel geleistet und viel riskiert. Ihr habt recherchiert und diskutiert, blockiert und demonstriert. Ihr wart in Wunsiedel und Lichtenhagen. Wenn sich jemand Ruhe verdient hat, dann ihr. Und seien wir ehrlich – mit vierzig, fünfzig oder sechzig ist das alles auch viel anstrengender. Ich selbst blicke heute erstaunt auf meinen Demo-, Plenum-, Partyrhythmus von 1998. Woher kam diese Energie? Es kann nicht nur mein jugendlicher Körper gewesen sein. Da war auch eine große innere Dringlichkeit. Ein Gefühl von Notwendigkeit und Möglichkeiten. Die Notwendigkeit zumindest ist gewachsen.

Vielleicht seid ihr jetzt genervt. Denn von der Notwendigkeit wisst ihr ja. Egal, ob ihr noch Gelegenheitsdemonstrierende seid oder einfach vorm Bioladen chillt: Ihr lest noch Zeitung. Ihr kriegt mit, was um euch herum passiert. Das hat nie aufgehört. Es wurde nur alles zu viel. Vielleicht, weil ihr doch noch den Abschluss gemacht habt, und als die Mieten erhöht wurden, wurden es auch mehr Stunden im Job.

Das mit den Kindern war nicht ganz so geplant. Und jetzt wollt ihr alles richtig machen. Ihr seid engagierte Eltern. Nicht auf die nervige Art. Das ist schwer, da die Balance zu finden. Und das Hausprojekt kostet ja auch viel Kraft. Da ist immer was los – auch mit dem Syndikat oder der Genossenschaft. Kenn ich! Aber wir alle müssen nun wieder etwas mehr tun, als uns selbst zu verwalten.

Egal wie nervig Linke sind: Das ist kein Grund, sich Rechten nicht in den Weg zu stellen.

Wenn ich zurückblicke und überlege, mit wem ich damals mit dem Wochenendticket durch Deutschland gereist bin, sehe ich, dass viele immer noch aktiv sind. Trotzdem führe ich viele Gespräche mit Alt-Antifas, die zwar gern mit verklärtem Blick von früher erzählen, den „Politkram“ jedoch hinter sich gelassen haben. Das könnte ich so akzeptieren, hätten sie nicht am Küchentisch eine gute Analyse von dem, was gerade schief läuft und eine ehrliche Sorge über aktuelle politische Entwicklungen. Trotzdem werden Vorschläge sich wieder mehr einzubringen, müde weggelächelt.

Die Welt hat sich verändert. Und die Szene ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Erst kamen die Veganer, dann die Antideutschen, dann diese Identitätspolitik. Das sei alles nur noch nervig.

Linke sind nervig. Das waren sie schon immer. Aber egal wie nervig Linke sind: Das ist kein Grund, sich Rechten nicht in den Weg zu stellen.

Wer im aktuellen politischen Klima nichts Besseres zu tun hat, als seine Plattensammlung abzustauben, braucht mir auch nicht das Beste aus den 80ern und 90ern erzählen. Dem nehme ich den Antifaschismus nicht ab. Ihr reagiert nicht auf moralischen Druck. Das war nie euer Ding.

Also lasst es mich so probieren: Es ist wie in einer Filmfortsetzung. Die Helden aus Teil eins haben sich längst zur Ruhe gesetzt. In einem Schrebergarten. Doch dann kommt jemand und sagt: „Anna, Arthur. Das böse war nie tot. Ihr müsst es noch einmal erledigen. Aber diesmal für immer. Wir brauchen euer Know-how.“ Ihr sagt, ihr seid zu alt für den Scheiß, aber zähneknirschend begebt ihr euch auf die Mission. Maulend und mit Rücken. Aber ihr bewegt was. Widerstand statt Ruhestand.

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