
taz: Frau Fernández, woran schreiben Sie aktuell?
Nona Fernández: Ich gehöre auch zu einem Theaterkollektiv, La Pieza Oscura, und bald beginnen wir in Santiago mit den Proben für ein neues Stück. Die Gruppe wollte eine Theaterfassung eines Romans von mir inszenieren, der in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Twilight Zone“ erschienen ist. Einen Teil meines Aufenthalts in Berlin habe ich mit der Adaption verbracht, um mit dem Skript proben zu können. Heute, kurz vor unserem Treffen, bin ich damit fertig geworden.
taz: In Chile fand gerade die offizielle Amtsübergabe von Gabriel Boric an Antonio Kast statt. Der Kandidat der Ultrarechten hatte im Dezember die Präsidentschaftswahlen für sich entschieden. Viele aus der chilenischen Kulturszene fürchten schwerwiegende Folgen des Regierungswechsels. Was könnte in den nächsten vier Jahren passieren?
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Person: Geboren 1971 in Santiago de Chile. Schriftstellerin, Dramatikerin, Drehbuchautorin und Schauspielerin. Im Februar 2026 war sie Stipendiatin des Literarischen Colloquiums Berlin. Das taz-Gespräch fand in Berlin statt.
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Fernández: Wir befinden uns derzeit in einem Moment der Ungewissheit. Aber schon die erste öffentliche Äußerung des neuen Kulturministers ist beunruhigend. Er hält die Kulturausgaben für überzogen. Und es gibt Befürchtungen, dass Kast verschiedene Ministerien abschaffen und Fördermittel streichen könnte. Das wird man sehen. Was mir nach seinen bisherigen Reden aber Sorgen macht, ist Kasts extremer Konservatismus.
taz: Wie würden Sie den beschreiben?
Fernández: Er ist sicher keine Figur wie Trump in den USA oder Milei in Argentinien, die ja regelrecht unberechenbar sind. Nein, er ist vor allem ein sehr konservativer Katholik. Deshalb glaube ich nicht, dass er durch Eskapaden wie diese beiden auffallen wird. Seine Politik wird eher thematisch geprägt sein. In Bezug auf die Familie, die Rolle der Frau und Mutterschaft hat er sich schon sehr, sehr deutlich geäußert, auch deutlich gegen Abtreibung und sexuelle Vielfalt. Damit werden wir viele Probleme bekommen. Denn dieser Moralkonservatismus kann dann in Zukunft auch den Rahmen für die Gestaltung der chilenischen Kulturpolitik bilden.
taz: Nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum in Chile sagten Sie in einem Interview 2023: „Es ist schon ein ziemlich schlechter Scherz, dass wir jetzt, quasi am Vorabend der Gedenkfeiern zum fünfzigsten Jahrestag des Militärputsches, daran erinnern müssen, dass Pinochet kein Staatsmann war, sondern ein Militärputschist, ein Mörder und Dieb …“ Heute, drei Jahre später regiert Antonio Kast, ein bekennender Bewunderer Pinochets, das Land. Wie konnte es dazu kommen?
Fernández: Ich glaube, seit der Rückkehr zur Demokratie sind zu viele Jahre vergangen, in denen es politisch keine konsequenten Maßnahmen gab, der Leugnung von Diktaturverbrechen klare Grenzen zu setzen. Da es sich in Chile von Anfang an um eine mit dem Militär vereinbarte Demokratie handelte, gab es immer diese Idee eines Dialogs mit dem Pinochetismus.
taz: Und das war falsch?
Fernández: Die Demokratie war tolerant, sogar gegenüber denen, die es nicht sind, gegenüber denen, die sie angreifen, und das hat großen Schaden angerichtet. So sehr, dass wir eine Gesellschaft haben, die die Vergangenheit leugnet, in der eine Mehrheit auf eine rechtsextreme Regierung setzt. Es fällt uns schwer, das zuzugeben, es fällt uns schwer, das zu sehen, aber so ist es. Der Präsident wurde rechtmäßig gewählt.
taz: Die Wahlen verliefen formal korrekt?
Fernández: Es gibt keine Zweifel an dem Wahlergebnis. Also will die Bevölkerung einen Anhänger Pinochets als Präsidenten. Die Reden der Leute auf der Straße erlebe ich jeden Tag. Und dieser Präsident möchte mit seiner Familie tatsächlich erstmals wieder in den Regierungspalast La Moneda einziehen. Das ist als Symbol etwas Ungeheuerliches. Es geht ihm darum, diesen Raum einzunehmen, der auf gewisse Weise immer die bombardierte La Moneda Allendes geblieben ist. Und kein Ort, an dem man wohnt.
taz: In Ihrem jüngsten Roman, „Marciano“ („Marsmensch“) erzählen Sie von der „Frente Patriótico Manuel Rodriguez“. Die chilenische Guerilla hatte im September 1986 ein Attentat auf Diktator Pinochet verübt, das gescheitert ist. Berühmt wurde die militante Gruppe später auch durch die spektakuläre Befreiungsaktion ihrer inhaftierten Mitglieder mit einem Hubschrauber 1996. Auch wenn es sich um ein fiktionales Werk handelt, basiert die Erzählung doch auf Interviews, die Sie mit Mauricio Hernández Norambuena in einem Hochsicherheitsgefängnis südlich von Santiago geführt haben. Was interessierte Sie an dem Ex-Guerillero, der eine lebenslange Haftstrafe verbüßt?
Fernández: Ein Teil dessen, was ich beim Schreiben jedes meiner Bücher versuche, ist, die verschiedenen Perspektiven dieser Generationen zu verstehen – nicht meiner eigenen, sondern die meiner älteren Geschwister oder sogar die meiner Eltern. Und in „Marciano“ konkret jene der „Frente Patriotico“. Mauricio war in meiner Jugend eine prominente Persönlichkeit, und ich war gespannt auf diese Stimme aus erster Hand.
Natürlich ist das nicht unser Weg, die Maschinenpistole in die zu Hand nehmen und loszuziehen
taz: Was hat Sie an ihm besonders interessiert?
Fernández: Mich beschäftigt, wie jemand in seiner Situation mit Erinnerung umgeht, wie er die extreme Gefangenschaft erlebt, und auch, was seine lebenslange Haft für die chilenische Gesellschaft bedeutet. Es gab damals einige, die zu den Waffen griffen, andere, die politisch aktiv wurden, und wieder andere, die große Angst hatten und nicht in der Lage waren, etwas zu tun. Was auch sehr verständlich ist.
taz: Ist die „Frente“ der jüngeren Generation in Chile noch ein Begriff?
Fernández: Ja, zumindest denen, die stärker politisiert sind. Aber natürlich gibt es andere, die davon nie gehört haben oder sich nicht dafür interessieren. Die Polarisierung und Spaltung, die Chile erlebt, zeigt sich in gewisser Weise auch darin, wie man die „Frente“ und Mauricio beurteilt. Besonders die Ermordung von Senator Jaime Guzmán und die Entführung des Unternehmers Cristian Edwards 1991 sind zwei sehr symbolträchtige Fälle und für die chilenische Rechte sehr schwer zu verzeihen.
taz: Die „Frente Patriótico“ steht auch für die klassenkämpferische Ideologie der orthodoxen Linken. Die Guerilleros wurden damals von Kuba und der Sowjetunion unterstützt. Wie steht Mauricio Hernández heute dazu?
Fernández: Ich bin nicht seine Sprecherin. Aber wir haben oft darüber geredet, dass alles einer besonderen Logik in einem konkreten historischen Moment entsprang. Diese Welt ist nicht die von heute. Er hat sehr viel Zeit zum Nachdenken und Lesen gehabt. In den Interviews fiel mir auf, wie offen er schien. Manches von dem, was er mir gesagt hat, würde ich nicht öffentlich machen. Man würde es mir vielleicht auch nicht glauben, weil es nicht in das Bild vom „Comandante Ramiro“ der Linken passt. Aber auch der chilenischen Linken würde es gut tun, sich etwas zu erneuern. Das fällt ihnen jedoch schwer.
taz: Die Verbrechen der Diktatur, das Vergessen und die Erinnerung spielen in Ihren Romanen und Theaterstücken eine zentrale Rolle. Was lässt sich anhand der Geschichte dieser Guerilla festhalten?
Fernández: Nostalgisches Erinnern langweilt mich etwas. Für mich dient Erinnerung dazu, die Gegenwart infrage zu stellen, unser Unbehagen in der Gegenwart zu verstehen. Ich finde es äußerst interessant, dass diese jungen Menschen bereit waren, alles für eine gemeinsame Sache zu geben, auch wenn sie wussten, dass sie die Früchte ihres Handelns vielleicht gar nicht mehr erleben würden. Natürlich ist das nicht unser Weg, die Maschinenpistole in die zu Hand nehmen und loszuziehen.
taz: Es war eine andere Zeit.
Fernández: Aber ich denke oft darüber nach, wie das in der Gegenwart wäre. Dabei entstand die „Frente Patriótico“ nicht einmal mit dem Ziel, die Diktatur zu besiegen, sondern um sie zu destabilisieren. Sie wussten, dass etwas anderes gar nicht möglich war. Heute fällt es uns schwer, gemeinsame Anliegen zu finden und etwas dafür zu geben. Ich glaube nicht, dass große Revolutionen darin bestehen können, ein „Like“ auf Instagram oder Twitter zu hinterlassen.
taz: Geht es ums Handeln?
Fernández: Mauricio Hernández spricht davon, dass sie irgendwann begriffen hätten, dass die sozialistische Revolution nicht stattfinden würde, aber sie lange Zeit mit aller Kraft dafür gekämpft hätten. „Wir haben uns geirrt“, sagte er, „wir sind gescheitert. Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht weiter versuchen können, eine bessere Zukunft für alle zu schaffen.“ Der Versuch, niemals aufzuhören, es zu versuchen, diesen Gedanken möchte ich aufgreifen. Es ist dringend notwendig, dass wir kreativ werden und uns eine Zukunft erfinden, auf die wir hinarbeiten wollen.






