Börsengang von Shein: Der schöne Schein in der Altkleidertonne

Am Dienstag soll die Hongkonger Börse den größten Börsengang des Jahres erleben. Nach erfolglosen Versuchen in London und New York wird der Textilhändler Shein seine Aktien nun in China anbieten. Laut von der Nachrichtenagentur Reuters zitierten Brancheninsidern will das Unternehmen damit 1,7 Milliarden Euro einnehmen.

Der Börsengang kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Unternehmen nach Jahren des Wachstums schwächelt. Aktuell schätzen Banken, Finanzanalysten und Investoren den Wert von Shein laut Reuters auf rund 26,5 Milliarden Euro – vor vier Jahren waren es noch fast 100 Milliarden Euro. Lag der Nettogewinn 2025 noch bei 2,1 Milliarden Euro, rutschte Shein Anfang des Jahres in die roten Zahlen.

Das Regensburger Institut für E-Commerce-Forschung Ibi Research begründet den zunächst steilen Aufstieg des Unternehmens maßgeblich mit seinen „vollständig digitalen, agilen und skalierbaren Lieferketten sowie durch die Nutzung von Data-Mining-Techniken zur Trendermittlung in sozialen Netzwerken“. Damit präge Shein maßgeblich die Begriffe Ultra-Fast Fashion und Real-Time Fashion. Das bedeutet, dass neue Waren in extrem hoher Frequenz auf den Markt gelangen. Dabei war das Unternehmen, das seinen Hauptsitz heute in Singapur hat und vorrangig in China produziert, vor allem auf den Weltmarkt jenseits von China ausgerichtet.

Doch inzwischen haben die wichtigen Märkte EU und USA begonnen, sich gegen die Paketflut aus China abzuschotten. Die USA besteuern Päckchen aus China schon seit 2025. Die EU erhebt seit diesem Sommer eine Paketabgabe von 3 Euro pro Warengruppe pro Paket, was Hosen für 13 Euro oder Blusen für 11 Euro verteuert. Zudem untersucht die EU-Kommission seit Februar, ob Shein mit seinem Handelsgebaren gegen die Digitalrichtlinie DSA verstößt.

„Die Maßnahmen der EU wirken“

„Der massive Rückgang in Sheins Bewertung zeigt: Das Geschäftsmodell hat keine Zukunft, die Maßnahmen der EU wirken“, sagt Moritz Jäger-Roschko, Campaigner für Kreislaufwirtschaft bei der Umweltorganisation Greenpeace. Shein stehe wie kein anderer Konzern für die Eskalation von Fast Fashion, so Jäger-Roschko, es verschwende unglaubliche Mengen an Ressourcen, überflute die Welt mit Textilabfällen und verursache gewaltige CO₂-Emissionen.

Erst vergangene Woche hatten die deutschen Altkleidersammler Alarm geschlagen. Immer mehr Waren landen in den Altkleidertonnen, zwischen 2018 und 2023 ist das Aufkommen um 50.000 Tonnen auf rund 1,3 Millionen Tonnen gestiegen. „Die steigenden Sammelmengen spiegeln einen höheren Textilkonsum und immer kürzere Nutzungszyklen wider“, so der Recyclingverband bvse.

Das zeigt sich auch in den Verwertungswegen der alten Klamotten: Laut dem Verband sank der Anteil der Wiederverwendung zwischen 2018 und 2023 von 62 auf 44 Prozent, die thermische Verwertung stieg von 12 auf 21 Prozent. Das heißt: Mehr als jedes fünfte Kleidungsstück wird inzwischen verbrannt.

Anti-Fast-Fashion-Gesetz nach französischem Vorbild

Greenpeace-Kampaigner Jäger-Roschko fordert, die Bundesregierung solle noch konsequenter gegen Fast Fashion vorgehen und ein Anti-Fast-Fashion-Gesetz nach französischem Vorbild beschließen. In Frankreich drohen ab Anfang Januar Geldstrafen für Unternehmen, die extrem schnell sehr viele Waren auf den Markt bringen und keine Anreize zur Reparatur bieten. Außerdem dürfen sie nicht mehr für sich werben.

Auch wenn die chinesischen Anbieter Shein, Temu und Alibaba nicht konkret genannt wurden, galten sie in den Debatten über das Gesetz in Frankreich als Ziel der Regulierung. In Deutschland ist ein solches Gesetz derzeit nicht geplant, wohl aber arbeitet das Bundesumweltministerium an einem Gesetz zu einer erweiterten Herstellerverantwortung. Das soll die Unternehmen dazu verpflichten, Verantwortung für ihre Produkte über den Verkauf hinaus zu übernehmen. Eckpunkte für das Gesetz hatte das Ministerium im Frühjahr vorgestellt, bis Ende des Jahres soll es vorliegen.

  • informationsspiegel

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