
An der Kasse bimmelt das Telefon, Marion Liebhold greift zum Hörer. „Buchladen Zur schwankenden Weltkugel“, sagt sie. In letzter Zeit klingelt es fast ununterbrochen. Anrufe von Presse, Kund:innen und Interessierten häuften sich derzeit, meint Liebhold. Sie ist Co-Inhaberin der Buchhandlung, die seit 2012 in der Kastanienallee betrieben wird.
Die Hauswand neben dem Ladeneingang bietet Platz für politische Plakate, dort kleben eine Regenbogenflagge und ein Infoposter gegen rechte Gewalt. Drinnen ist die Buchhandlung klein und überschaubar und schon in der ersten Stunde nach Öffnung gut besucht.
Nachdem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer drei linke Buchhandlungen, darunter „Zur schwankenden Kugel“ in Berlin, vom diesjährigen Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen hatte, war die landesweite Entrüstung groß. Begründet hatte er den Ausschluss mit „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“, die er nicht näher beschrieb.
„Wir erleben eine riesige Welle der Solidarität und einen Ansturm von Leuten, die sehr empört sind und uns unterstützen wollen“, schildert Marion Liebhold. „Wenn der linke Buchhandel in dieser Weise etwas davon hat, dann ist das vielleicht ein guter Nebeneffekt“, scherzt sie.
Auch skeptische Besucher
Natürlich entwickele sich die Situation derzeit ambivalent, sagt Liebhold. Es gebe auch Menschen, die jetzt zum Laden kämen und diesen skeptisch musterten. Die vielleicht nach etwas Verdächtigem suchen. Der Vorfall wirke wie ein übles Gerücht und habe linke Literatur diffamiert, meint Liebhold.
Gestern hätten sie Klage eingereicht. „Den Preis, den die Jury für uns vorgesehen hat, wollen wir auch haben“, sagt Liebhold. Es sei außerdem wichtig, sich weiter zu verteidigen. „Es geht nicht nur um Kulturfreiheit, um die Kultur- und Literaturszene, sondern darüber hinaus um Angriffe auf demokratische Grundrechte.“
Das sieht auch ein Kunde so, der sich vor allem wegen des Eklats entschieden hat, heute vorbeizukommen: „Ich frage mich, inwiefern der Verfassungsschutz jetzt anfängt, Buchläden auf ihre Staatstreue und Korrektheit zu untersuchen“, sagt er. Das sei beunruhigend, vor allem im Kontext weiterer Kulturkürzungen. Den Laden empfinde er als nett und kompakt. „Trotzdem hat er eine bessere Auswahl als größere Ketten“, sagt er.
Ein anderer Kunde bestätigt das. In der Hand hält er ein Taschenbuch von Siegfried Kracauer. „Ich habe gute Bücher gesucht und gute Bücher gekauft“, sagt er. Er ist seit mehreren Jahren Stammkunde. Auch wegen der momentanen Situation habe er heute vorbeigeschaut, erklärt er. Dass der Laden jetzt in so einen Kontext gerückt wurde, sei absurd.
Während sich die Straßenbahn draußen laut bemerkbar macht, ist es im Laden ruhig. Kund:innen ziehen Bücher aus den Regalen, lesen kurz rein und stöbern weiter. Ein älterer Kunde kniet sich vor eine Kiste mit gebrauchter Literatur zum Thema Arbeiterbewegungen, Gewerkschaften und Revolutionen. Jedes Buch 2 Euro. Die meisten werden im Laden fündig, bringen mindestens ein Buch zur Kasse.
Auch eine weitere Kundin, die heute im Laden ist, hat etwas Passendes gefunden. „Ich suche immer politische, historische und feministische Literatur“, erklärt sie. In den 90ern sei sie oft hier gewesen, habe aber den Laden eine Weile aus den Augen verloren. „Bestimmt kommen wir jetzt wieder öfter“, sagt sie. Anlass ihres Besuchs sei ebenfalls der Ausschluss des Ladens vom Buchhandlungspreis gewesen. „Wie wir mit links eingestellten Personen umgehen und wie wir hingegen leichtfertig rechten Menschen so viel Fläche und Freiraum geben, das finde ich bedenklich“, betont sie.
Ein weiterer Besucher sagt, er sei ebenfalls hier, um sich mit dem Laden zu solidarisieren.„Es ist absurd, dass der Verfassungsschutz jetzt entscheidet, was die Mitte ist und was als extrem gilt“, sagt er. Die Einmischung des Kulturstaatsministers gehe gar nicht.






