Chuck Norris ist tot: Der einen Nachruf auf den Tod schreibt

Am Ende ging es ziemlich schnell. Freitagfrüh erst hatten auch deutsche Medien berichtet, dass Chuck Norris tags zuvor auf der Insel Hawaii ins Krankenhaus gekommen war. Das Wort vom „medizinischen Notfall“ machte die Runde, und dass der eben erst 86 Jahre alt gewordene Unter-anderem-Schauspieler guter Dinge sei und kurz zuvor noch trainiert habe.

Womit zwei wesentliche Säulen Norris’scher Bekanntheit Erwähnung gefunden hätten. Zum einen die Leinwand. Oder in seinem Fall eigentlich eher das Fernsehgerät mit Videorecorder. Sein Ruhm auch in westdeutschen Kleinstadt-Jugendzimmern ist nicht erklärbar ohne den Siegeszug der VHS-Kassette (und von zuverlässigen B- und C-Ware-Lieferanten wie den Cannon-Studios).

Zum zweiten der Sport, und bei Chuck Norris heißt das: Kampfsport. In gleich fünf Spielarten trug er den Schwarzen Gürtel, aber Norris hatte auch zwei eigene Schulen begründet, von denen dann wohl nur aus technischen Gründen eine nicht nach ihm benannt war.

Stärke und Stehvermögen, das war aber auch, was seine Filmkarriere prägte, die ja nicht zufällig mit einer Nebenrolle bei Bruce Lee in Fahrt gekommen war. Söldner hat Norris gespielt und die Grenzen sichernde Texas Rangers, die natürlich aus ganz anderem Holz geschnitzt waren als der heute unter „ICE“ firmierende Mob. Er gab Soldaten und unehrenhaft entlassene ehemalige Soldaten, die aber eigentlich im Recht waren, und im Unrecht die vermaledeite Bürokratie.

Ob ihm je ein Wort wie „Disruption“ unterm Markenzeichen-Schnäuzer hervorkam, ist unklar. Aber mit dem Konzept, das heute Tech-Milliardäre im Mund führen, dürfte Norris etwas anzufangen gewusst haben.

Reagan als „starker Führer“

Am selbst lange schauspielernden US-Präsidenten Ronald Reagan bewunderte der 1940 in eine Arbeiterklassenfamilie geborene Norris die Geradlinigkeit, und dass jener „ein starker Führer“ sei. „Ich mag starke Führer“, so Norris 1985 in einem Interview. Das Sich-Durchsetzen gegen ein überkommenes, Möglichkeiten regulierendes System: eine Rechtschaffenheit, die jedes formulierte Spießer-Recht übertrumpft, ein stabiles Gerüst von Loyalitäten „gegenüber meinem Gott, meinem Land, der Familie und meinen Freunden“.

Der bekennende Konservative – mehr denn Republikaner – passte in die reagangeprägten 80er. Seine Figuren waren Einzelgänger und Mavericks, Regelverletzer mit dem Herz am (im Wortsinn) rechten Fleck; die Super-Popularität Stallones und Schwarzeneggers hat er vielleicht nicht erreicht, aber Hanseln wie van Damme oder Seagal steckte er immer in die Tasche, was (auch mal toxische) Coolness anging.

Norris passte aber auch ins Internet-Zeitalter, überlebte insofern etliche Zeit- und Bildschirmgenossen. In den 2000er Jahren schon umgab ihn ein eigenes Witz-Genre, beziehungsweise eines der „ältesten Internet-Memes, die noch lebendig sind“, so die taz zu Norris’ 80. Geburtstag. Aus dem Haudrauf-household name wurde ein Platzhalter für ins Absurde getriebenes Durchhaltevermögen, übermenschliche Stärke, einzigartige Männlichkeit. Beispiel gefällig? „Das Universum dehnt sich nicht aus; es läuft vor Chuck Norris davon.“ Oder: „Chuck Norris schläft nicht. Er wartet.“

Norris hatte mit einigen Verästelungen wohl seine Probleme, so wollte er nicht mal ironisch mit Gott verglichen werden, dafür war er dann doch noch zu old school US-konservativ. Aber er griff den Ball auf, spielte das nur vor dem Hintergrund des Internets zu verstehende Spiel mit. Darin war Norris heutiger als der Konservatismus vor Donald Trump, den Norris gelobt hat, ebenso wie den ungarischen Schmalspurdemokraten Viktor Orbán.

Mal aufräumen mit dem Scheißsystem

Wäre er jünger, hätte man sich Norris sehr wohl auch in der Rolle eines ICE-Menschenjägers vorstellen können. Oder gleich als einen ein wenig unfreiwillig ins Weiße Haus gelangten, mithin so ganz anderen Präsidenten, der mal aufräumt mit dem Scheißsystem. Dass Donald Trump Norris’ Namen postum auf irgendein Gebäude schreiben lässt – oder gleich in großen Buchstaben in den Hügeln über Hollywood errichten: Es wäre nur konsequent.

Nur Stunden nach den Krankenhaus-News gab Norris’ Familie auf ihrem Instagram-Account bekannt, dass er noch am Donnerstag verstorben sei: ein „hingebungsvoller Ehemann, liebender Vater und Großvater, unglaublicher Bruder und überhaupt das Herz unserer Familie“. Auf den Fluren der taz wurde die Todesnachricht am Freitag konsequenterweise so kommentiert: „Chuck Norris ist gar nicht tot, er schreibt gerade einen Nachruf auf den Tod.“

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