Debatte um Kinderfernsehen: Der KiKA sollte im linearen TV bleiben – logo!

W er als erster oben ist!“ Regelmäßig schleuderten mein Bruder und ich nach der Schule unsere Ranzen in die Ecke und machten den Weg ins Wohnzimmer zum Wettkampf. Mit roten Köpfen und viel Euphorie landeten wir schließlich vor dem Fernseher. 14.10 Uhr, genau pünktlich zum Highlight des Tages. „Schloss Einstein“ fängt an.

Um das Fernsehprogramm wurde sich in unserer Kindheit nicht gestritten. Ohnehin gab es nur einen einzigen Sender, den meine Mutter durchgehen ließ: KiKA, der Kinderkanal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Bekannt ist er für die Gute-Nacht-Geschichten des Sandmännchens oder die Kindernachrichtensendung „logo!“. Jetzt soll der Sender ab Dezember langsam aus dem linearen Fernsehen verschwinden. Das sieht der sogenannte Reformstaatsvertrag vor, der ARD, ZDF und Deutschlandradio digitaler und zukunftsfähiger machen soll.

Zum Glück bedeutet das nicht wirklich das, was manche Schlagzeile seitdem verkündet hat: das KiKA-Aus, die rigorose Abschaltung eines Kult-Senders. Das ganze Programm soll weiterhin verfügbar sein, aber online, über Mediatheken oder Apps. Kinder und Jugendliche sollen künftig rund um die Uhr ihre Lieblingssendungen streamen können. Klingt erst mal gar nicht so tragisch. Nostalgisch werde ich trotzdem.

Und etwas skeptisch. Denn was passiert, wenn man die App eines Senders oder Streamingdienstes öffnet und plötzlich Hunderte Sendungen auf einmal aufploppen? Wenn das aufsehenerregendste Format in Form einer großen Preview oben auf der Seite beworben wird? Wenn überhaupt alles dafür ausgelegt ist, dass Menschen irgendwo rein- und raufklicken und am besten nicht mehr damit aufhören? Richtig, man ist überfordert, wird abgelenkt. Und hat manchmal nach einigen Sekunden vergessen, was man sich eigentlich ansehen wollte.

Kika als niedrigschwelliger Zugang zu Informationen

Die Inhalte, die auf KiKA laufen, sind dafür zu wichtig. Sendungen wie „Wissen macht Ah!“ oder „logo!“ machen komplexe gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich.

Dass sie durch die Umstellung aufs Internet unzugänglicher werden könnten, darüber machen sich auch Menschen Sorgen, die ihre Jugend gerade erst hinter sich gebracht haben. „Für viele Familien ist KiKA der einfachste Zugang zu Medien, Wissen und politischer Orientierung, und zwar unabhängig von Einkommen oder Internetanbindung“, schreibt Amy Kirchhoff von der Bundesschülerkonferenz in einer Pressemitteilung.

Eine 18-Jährige aus Schleswig-Holstein startete die Onlinepetition #KiKAretten, die schon von mehr als 50.000 Menschen unterzeichnet wurde. Sie sei auf Tiktok aktiv, sagt sie, „aber ohne KiKA im TV wäre ich nie die geworden, die ich heute bin“.

Ich frage meinen Bruder, ob er das auch so sieht. Er zögert und antwortet schließlich: „Auf jeden Fall hat uns KiKA mutig und abenteuerlustig gemacht.“ Bis heute wissen wir die Sendezeiten unserer Lieblingsserien, fangen manchmal an, ihre Titelsongs zu trällern: „Ich nehm’ dich bei der Hand, zeig’ dir das Märchenland!“ („SimsalaGrimm“).

Von Shary und Ralph („Wissen macht Ah!“) habe ich gefühlt mehr über Physik und Chemie gelernt als in der Schule. Und von Jana, Natascha, Fiete, Cem und Vivi („Die Pfefferkörner“) wissen wir, wie wichtig Freundschaften sind und dass man einander nicht im Stich lässt, auch wenn es mal brenzlig wird.

Nur ob Wickie („Wickie und die starken Männer“) jetzt ein Junge oder ein Mädchen ist, da waren wir uns lange nicht so sicher. Aber – Wickie würde sich jetzt so lange an der Nase reiben, bis die Sterne fliegen, und dann sagen: Ich hab’s! – vielleicht hat uns die Serie auch genau das beigebracht: dass es eigentlich gar keine Rolle spielt.

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